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04.11.2015

16:32 Uhr

Machtloser Papst Franziskus

Vatikan verschwendet das Geld der Gläubigen

Gianluigi Nuzzi sorgte vor drei Jahren mit seinen Enthüllungen über den Vatikan für Aufsehen. Nun legt der Journalist nach: Er wirft der Kirche maßlose Verschwendung und Misswirtschaft vor. Der Papst sei da machtlos.

Im Zuge des „Vatileaks“-Skandals hatte Nuzzi 2012 in einem Buch vertrauliche Dokumente aus der Kurie veröffentlicht. Reuters

Gianluigi Nuzzi

Im Zuge des „Vatileaks“-Skandals hatte Nuzzi 2012 in einem Buch vertrauliche Dokumente aus der Kurie veröffentlicht.

RomIm Vatikan wird nach Aussage des Enthüllungsjournalisten Gianluigi Nuzzi das Geld der Gläubigen maßlos verschwendet. Papst Franziskus stoße beim Versuch, Transparenz in die Finanzen des Heiligen Stuhls zu bringen, auf große Widerstände, sagte Nuzzi bei der Vorstellung seines neuen Buches am Mittwoch in Rom. Manche Mitarbeiter des Pontifex sprächen von einem „Krieg im Vatikan“. Nuzzi hatte vor drei Jahren mit seinen „Vatileaks“-Enthüllungen international für Aufsehen gesorgt.

Der Journalist hatte nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren Zugang zu tausenden Dokumenten. In dem Buch, das unter dem deutschen Titel „Alles muss ans Licht“ von Donnerstag an im Handel ist, führt er aus, dass viele Kardinäle in Rom in Wohnungen von 400 bis über 500 Quadratmetern Fläche lebten, während sich der Papst mit einem bescheidenen Apartment von 50 Quadratmetern begnüge. Über die Personalausgaben gebe es im Vatikan überhaupt keine Kontrolle.

„In unserem Land sind wir es gewohnt, dass die Priester gemeinsam in einem Seminar leben. Aber in Rom ist der einzige, der in einer 50-Quadratmeter-Bude wohnt, der Heilige Vater“, sagte Nuzzi. In dem Buch schildert er, wie Papst Franziskus 2013 die Cosea-Kommission einsetzte, um die Wirtschafts- und Finanzorganisation des Heiligen Stuhls zu untersuchen. Auch diese wurde in ihrer Arbeit behindert. Nuzzi zeigt Fotos von aufgebrochenen Schränken nach einem Einbruch im Archiv der Kommission im März 2014.

Wir finanziert sich die katholische Kirche in Deutschland?

Kirchensteuer

Den größten Teil ihrer laufenden Kosten deckt die katholische Kirche aus ihren Kirchensteuereinnahmen. 2012 waren das fast 5,2 Milliarden Euro.

Staatsleistungen

Sie betreffen nur die Bundesländer und Kommunen und gehen häufig auf die Säkularisation (Verstaatlichung des Kirchenbesitzes) Anfang des 19. Jahrhundert zurück. Gezahlt wird mit Bezug auf Artikel 140 des Grundgesetzes zum Beispiel für den Personal- und Sachbedarf der Kirchen. Hinzu kommen Ausgaben für den Bauunterhalt kirchlich genutzter Gebäude. Nach Angaben der Linken im Bundestag zahlen die Länder jährlich fast eine halbe Milliarde Euro an die Kirchen. Die Partei hat 2012 einen Gesetzentwurf zur Ablösung dieser Staatsleistungen vorgelegt. Dazu ist ein Bundesgesetz nötig.

Bundeszuschüsse

Die Kirchen erhalten für Aufgaben im caritativen Bereich wie andere Träger auch Bundesmittel, zum Beispiel für kirchliche Krankenhäuser, Kindergärten und Schulen. So betrug der Bundeszuschuss für die Caritas 2012 rund 51,9 Millionen Euro. Die katholische Kirche gab dafür 8,6 Millionen Euro aus. Zuschüsse des Bundes fließen auch für Militärseelsorge, Kirchentage und Denkmalschutz. Eine Gesamtsumme wird nach Angaben des Bundesfinanzministeriums nicht ermittelt.

Kirchliches Vermögen

Dabei geht es zum Beispiel um Immobilienbesitz und Miet- und Pachteinnahmen sowie Überschüsse aus kircheneigenen Betrieben oder Beteiligungen. Jedes Bistum hat sein eigenes Vermögen, Je nach Situation machen diese Einnahmen nach Expertenschätzungen fünf bis zehn Prozent des Gesamthaushalts eines Bistums aus.

Spenden und Kollekten

Sie machen nach Einschätzung von Experten fünf Prozent der kirchlichen Einnahmen aus. Die katholische Kirche beziffert diese Einnahmen für das Jahr 2009 auf rund 250 Millionen Euro.

Wie steht es um die Transparenz in den kirchlichen Haushalten?

Wesentliche Entscheidungen zur Verwendung der Kirchensteuer obliegen speziellen Kirchengremien in den Bistümern. Der Kirchensteuerhaushalt wird in der Regel öffentlich dokumentiert. In Bistümern gibt es neben dem regulären Haushalt noch einen „Bischöflichen Stuhl“. Der Begriff bezeichnet das Vermögen, das mit dem Bischofsamt verbunden ist. Nach Angaben des Bundes der Steuerzahler gibt es für diese Summen keine Auskunftspflicht, so lange keine öffentlichen Gelder damit verbunden sind. Kritiker nennen den „Bischöflichen Stuhl“ deshalb einen Schattenhaushalt. Nach dem Finanzskandal um den Neubau des Bischofssitzes in Limburg haben die Bistümer Essen und Speyer angekündigt, diese Zahlen offenzulegen.

Was ist bei der Finanzkontrolle im Bistum Limburg schiefgegangen?

Dazu gibt es bisher fast nur Vermutungen. 2008, vor dem Amtsantritt des umstrittenen Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst, soll der „Bischöfliche Stuhl“ über rund 100 Millionen Euro verfügt haben. 2011 soll Tebartz-van Elst dem Domkapitel die Zuständigkeit für diesen Haushalt entzogen und stattdessen einem Vermögensverwaltungsrat übertragen haben. Die Frage ist, ob er dieses Gremium bei den Kosten für den neuen Bischofssitz, die zuletzt auf 31 Millionen Euro anwuchsen, getäuscht hat.

Sind ähnliche kirchliche Finanzskandale bekannt?

Der Bund der Steuerzahler hat 1999 kritisiert, dass der katholische Militärbischof Johannes Dyba mit seinem Amt unbedingt von Bonn nach Berlin ziehen wollte - die Sanierung der Berliner Dependance habe umgerechnet rund 10 Millionen Euro gekostet. Skandale um Kirchenvermögen werden auch durch Gerichtsurteile bekannt. So wurden im September 2010 ein früherer Kirchenmitarbeiter im Bistum Limburg wegen der Veruntreuung von 2,7 Millionen Euro zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Nach finanziellen Verfehlungen zog sich 2011 der Orden der Pauliner aus dem Hochschwarzwald zurück. Ein Ordensbruder, der als Pfarrer eine Gemeinde betreute, hatte 247 000 Euro Spenden- und Kirchengelder veruntreut und dafür ohne Erlaubnis neue Messgewänder und Abendmahlskelche gekauft. Er ließ auch Kunstgegenstände restaurieren.

Im Zuge des „Vatileaks“-Skandals hatte Nuzzi 2012 in einem Buch vertrauliche Dokumente aus der Kurie veröffentlicht. Der Kammerdiener von Papst Benedikt XVI., der sie ihm zugespielt haben soll, wurde zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt und kurz darauf begnadigt.

Am Wochenende wurden der frühere Cosea-Sekretär, der spanische Geistliche Lucio Angel Vallejo Balda, sowie eine externe Vatikan-Beraterin unter dem Verdacht der Weitergabe vertraulicher Informationen im Vatikan festgenommen. Letztere wurde kurz darauf freigelassen. Nuzzi machte keine Angaben, ob sie seine Informanten waren, bezeichnete die Festnahmen aber als „abnorme Reaktion“.

Am Dienstag hatte in Rom der Journalist Emiliano Fittipaldi das Buch „Avarizia“ („Geiz“) zu einem ähnlichen Thema vorgestellt. Nuzzi bestritt, das es Absprachen gab. Sein Verlag sei aber bemüht gewesen, sein Buch nicht während der Bischofssynode zu Ehe und Familie (4.-25. Oktober) erscheinen zu lassen.

Von

dpa

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