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26.02.2015

12:03 Uhr

Marihuana-Legalisierung

Darf Obama künftig kiffen?

Washington D.C., die Hauptstadt der USA, gilt als eher langweiliges Pflaster. Viele brave Beamte, die viel arbeiten. Doch nun wird Marihuana legal. Könnte Obama jetzt ohne Gewissensbisse zum Joint greifen?

Barack Obama, der vor Jahren bereits bereitwillig zugegeben hat, in seiner Jugend gekifft zu haben, muss sich im Weißen Haus weiter in Enthaltsamkeit üben. Laut des Bundesrechts ist Kiffen verboten. dpa

US-Präsident

Barack Obama, der vor Jahren bereits bereitwillig zugegeben hat, in seiner Jugend gekifft zu haben, muss sich im Weißen Haus weiter in Enthaltsamkeit üben. Laut des Bundesrechts ist Kiffen verboten.

WashingtonDie Freunde der weichen Drogen jubeln. Endlich wird der Genuss und Anbau von Marihuana auch in der US-Hauptstadt erlaubt. „Alkohol ist nicht länger die einzig zugelassene soziale Droge in der Stadt“, sagt Robert Capecchi von der Initiative „Marijuana Policy Project“.

„Wenn der Präsident im Weißen Haus Bier trinken darf, sollten Erwachsene zu Hause weniger gefährliche Substanzen anbauen und konsumieren dürfen.“ Die Legalisierung war mit großer Mehrheit in einem Referendum im November beschlossen worden – gegen den Widerstand von Konservativen aus dem Kongress.

An diesem Donnerstag Schlag Mitternacht (sechs Uhr MEZ) tritt nun die Neuregelung in Kraft. Doch sie hat reichlich Haken und Ösen – es geht längst nicht so liberal zu wie in den Bundesstaaten Colorado, Washington und Alaska an der Westküste.

Wissenswertes zu Cannabis

Was ist Cannabis eigentlich?

Cannabis ist ein Sammelbegriff für alle Rauschgiftdrogen der Sorte Hanf. Die Hauptwirkstoffe, die aus der Hanfpflanze gewonnen werden, heißen Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabinoid (CBD). Die Bestandteile haben eine berauschende sowie eine schmerzlindernde Wirkung.

Unterschied zwischen Marihuana und Haschisch

Nicht jedes Gras ist auch grün. Marihuana, auch bekannt als Gras wird aus den getrockneten Blüten und Blättern der Cannabispflanze gewonnen. Hingegen entsteht Haschisch aus dem Harz der weiblichen Hanfpflanze. Haschisch hat einen höheren Wirkstoffgehalt als Marihuana.

Veraltetes Gesetz

Cannabis fällt in Deutschland genauso wie andere Rauschgiftdrogen unter das Betäubungsmittelgesetz. Im Jahr 1925 wurden die ersten Regeln zu Cannabis gesetzlich festgehalten, wobei diese 1994 zum letzten Mal überarbeitet wurden. Vor 20 Jahren also. Allerdings hat das Verfassungsgericht Köln erst im Juli den „Heimanbau“ von Marihuana zu medizinischen Zwecken erlaubt. Das gilt in der Hanf-Szene als ein Paukenschlag in der Legalisierungsdebatte.

Ausnahmen

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat 300 Leuten in Deutschland die Genehmigung erteilt, getrocknete Cannabisblüten über Apotheken zu beziehen. Natürlich nur, wenn der Konsum schmerzlindernde Gründe hat. Die Krankenkassen beteiligen sich jedoch bisher nicht an solchen Ausnahmen.

Wer stellt legales Cannabis her?

Nicht viele Firmen dürfen in Deutschland legales Cannabis produzieren. In Frankfurt gibt es beispielsweise das Pharmaunternehmen THC Pharm.

Cannabis vs. Alkohol

In Europa geben sich laut dem Europäischen Drogenbericht 2013 mittlerweile mehr als 100.000 Menschen in eine Therapie, die Cannabis als Leitdroge angeben. Hingegen gelten circa 1,3 Millionen Deutsche als alkoholabhängig. Mehr als neun Millionen Menschen konsumieren hierzulande Alkohol in schädlicher Form.

Tabak

Tabak ist der am meisten verbreitete Suchtstoff in Deutschland. Das steht im Drogenbericht der Bundesregierung. Von Tabak sind rund 5,6 Millionen Deutsche süchtig.

Der Görlitzer Park in Berlin

Einer der größten Brennpunkte in Deutschland ist der Görlitzer Park in Berlin. Dort sind Gewalt und polizeiliche Einsätze an der Tagesordnung und die Medien überschlagen sich vor Neuigkeiten über den Schauplatz des illegalen Drogenhandels. Erst im September wurde er von der Berliner Morgenpost als „Kriminalitätsschwerpunkt“ bezeichnet. Als Reaktion auf zunehmende Kriminalität hat die Berliner Polizei härter durchgegriffen und die Präsenzkontrollen im Park verstärkt, weshalb laut des Tagesspiegels erste Verbesserungen zu bemerken seien.

Legal Highs

In den vergangenen Jahren kamen die sogenannten „Legal Highs“ in Mode. Das sind Kräutermischungen, in denen legale Inhaltsstoffe sind, die genauso rauschend wirken sollen, wie die der Cannabis-Pflanze. Diese Stoffe heißen „Research Chemicals“ und fallen unter das Arzneimittelgesetz. Im Internet sind diese Kräutermischungen auf zahlreichen Online-Seiten erhältlich.

Für knapp 60 Euro für neun Gramm erhält man dann Produkte mit Namen, wie „Alians“ oder „Vulkan“. Diese werden von den Betreibern dieser Webseiten als „100% legal“ angepriesen. Fragwürdig sind die Legal Highs in jedem Fall; nicht zuletzt, weil man fast immer mit der Bestellung seine Volljährigkeit bestätigt. Kontrolliert wird das nicht.

Wie gefährlich diese synthetisch hergestellten Stoffe in Wirklichkeit sind und ab welcher Menge der Besitz und Handel künstlicher Cannaboide strafbar sein soll, will der Bundesgerichtshof laut Informationen der Nachrichtenagentur dpa am 14. Januar 2015 entscheiden.

Wer kiffen will in der „Hauptstadt der Welt“ sollte sich sorgsam über das Kleingedruckte beugen. Anbau und Genuss sind erlaubt, doch ausschließlich zu Hause. Verkauf und Handel bleiben streng verboten. Vor allem aber will Bürgermeisterin Muriel Browser verhindern, dass jetzt „Marihuana Clubs“ aus dem Boden schießen. Das Motto heißt: Washington darf kein Amsterdam werden!

„Alles, was Sie wissen müssen, um nach der Legalisierung nicht ins Gefängnis zu kommen“, überschreibt die „Washington Post“ ihre Aufklärungsarbeit. Die Regelung sieht so aus: Jeder Erwachsene darf bis zu zwei Unzen (gut 50 Gramm) „Pot“ besitzen. Zudem darf er zu Hause bis zu sechs Marihuana-Keimlinge anbauen – allerdings dürfen höchstens drei gleichzeitig voll ausgewachsen sein. Und nicht mal auf dem Balkon darf das Pflänzchen gedeihen – nur „indoors“, also innerhalb der Wohnung. Liberalisierung ja - aber nur ein bisschen, könnte man das nennen.

Doch es gibt noch weitere Einschränkungen, die wiederum mit dem besonderen Status von Washington DC zu tun haben. Washington D.C., der District of Columbia, ist als Regierungssitz der USA kein eigener Bundesstaat mit allen Gewalten – formell hat der Kongress mitzureden. Außerdem gibt es „Federal Land“ – Land im Bundesbesitz. Dazu gehören etwa das Weiße Haus, der Kongress, die Mall, alle Monumente wie etwa das Lincoln Denkmal – und zahlreiche Parks.

Und da laut Bundesrecht das Rauchen von Marihuana nach wie vor verboten ist, darf sich kein Kiffer auf der Mall einen Joint anstecken. Und auch Barack Obama, der vor Jahren bereits bereitwillig zugegeben hat, in seiner Jugend gekifft zu haben, muss sich im Weißen Haus weiter in Enthaltsamkeit üben.

Cannabis als Medizin

Überblick

Die medizinischen Anwendungsgebiete von Cannabis sind unterschiedlich erforscht. In den vergangenen Jahren haben sich Ärzte und Chemiker vor allem auf Nervenerkrankungen und den Effekt der Schmerzlinderung konzentriert. Besonders viele Informationen hat man bereits über die Wirkung bei Übelkeit, Erbrechen oder Abmagerung durch HIV/Aids, bei chronischen Krankheiten sowie Spastiken. Klinische Studien zur Untersuchung des therapeutischen Potenzials wurden laut der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Cannabinoidmedikamente (IACM) oft durch positive Erfahrungen von Patienten mit der illegalen Anwendung natürlicher Cannabisprodukte angeregt. Dies gilt unter anderem für brechreizhemmende, appetitsteigernde Wirkungen und für die therapeutische Verwendung beim Tourette-Syndrom.

Übelkeit

Eine bekannte Nebenwirkungen der Chemotherapie bei Krebserkrankungen ist die Übelkeit. Der in Cannabis enthaltene Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) ist hier so wie bei Erbrechen relativ hoch zu dosieren, weshalb negative Nebeneffekte, wie psychische Unruhen häufig auftreten. Einige Untersuchungen haben aber gezeigt, dass THC in niedriger Dosierung wiederum die Wirksamkeit anderer brechreizhemmender Medikamente verbessert, wenn es zusammen mit diesen gegeben wird. Cannabisprodukte werden manchmal auch bei anderen Formen von Übelkeit eingesetzt. Einsatzgebiete sind hier Aids und Hepatitis, aber auch Schwangerschaftserbrechen.

Appetitmangel

Cannabis soll bereits bei einer Tagesdosis von fünf Milligramm THC appetitanregend sein. In einer Langzeitstudie mit 94 Aids-Patienten blieb der appetitanregende Effekt von THC im Vergleich mit der Appetitsteigerung in einer sechswöchigen Studie erhalten; Vergleich zu Placebo führte THC zu einer Verdopplung des Appetits. Zudem sollen auch Krebspatienten und chronisch Lungenkranke durch die Substanz mehr essen wollen als vor dem Komsum.

Spastik

In vielen Studien mit THC, Nabilon und Cannabis sei laut IACM eine Beeinflussung der spinalen Spastik im Bereich der der multiplen Sklerose und bei Querschnittserkrankungen beobachtet worden sein. Andere Studienergebnisse wiesen zudem eine verbesserte Kontrolle der Blasenfunktion nach.

Tourette-Syndrom

Über eine Behandlung mit Cannabis beim Tourette-Syndrom gibt es sehr viele positive Berichte. Die meisten Patienten erleben eine geringe Besserung, einige eine bemerkenswert gute bis zur völligen Symptomkontrolle. Bei einigen MS-Patienten wurden nach THC-Verabreichung antiataktische Wirkungen und eine Verringerung des Zitterns beobachtet. Trotz gelegentlicher positiver Berichte fanden sich keine objektivierbaren Erfolge beim Morbus Parkinson und bei der neuro-degenerativen Krankheit Chorea Huntington.

Schmerzen

Ein verbreitetes Anwendungsgebiet ist das der Schmerzlinderung. Denn viele klinische Studien haben schmerzlindernde Eigenschaften von Cannabisprodukten nachgewiesen. Zu den Indikationen zählen neuropathische Schmerzen bei multipler Sklerose sowie bei rheumatoider Arthritis. Zudem soll es helfen bei Krebsschmerzen, Kopfschmerzen, Menstruationsschmerzen, chronische Darmentzündungen und Neuralgien.

Juckreiz

Einigen Studien zufolge lindern Cannabinoide innerlich oder auch äußerlich in Salben den Juckreiz unterschiedlicher Ursachen, beispielsweise Juckreiz als Folge von Lebererkrankungen.

Epilepsie

In tierexperimentellen Studien seien laut IACM antiepileptische Effekte einiger Cannabinoide nachgewiesen worden. Die antiepileptischen Wirkungen von Phenytoin und Diazepam wurden durch THC verstärkt. Der Einsatz bei der Epilepsie zählt historisch sogar zu den ältesten überlieferten Indikationen. Nach wenigen Fallberichten aus dem 20. Jahrhundert ist Cannabis auch heute für einige Patienten mit generalisierter Epilepsie ein Mittel, um eine nicht kontrollierbare Anfallserkrankung zu kontrollieren.

Asthma

Die Wirkungen eines Joints mit nur zwei Prozent THC entsprechen etwa der klinischen Dosis bekannter bronchienerweiternder Medikamente, wie Salbutamol, Isoprenalin. Wegen der schleimhautschädigenden Wirkungen sollte die orale Verwendung von Cannabisprodukten bevorzugt werden.; in einzelnen Fällen wurde nach inhalativer Einnahme eine Bronchienverengung beobachtet.

Alkoholsucht

Marihuana und Haschisch gelten in Szenekreisen auch als Ausstiegsdroge. Und zwar sollen Entzugssymptome bei Alkohol- oder Opiatabhängigkeit durch den Konsum von Cannabis gelindert werden und dem Patienten die Entwöhnung so erleichtern. Dabei spielt vermutlich sowohl die Verminderung körperlicher Symptome als auch die Reduzierung von Entzugsbedingten Stress-Gefühlen eine Rolle.

Von

dpa

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