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26.07.2011

08:28 Uhr

Massaker von Utøya

Polizei gibt Namen der Toten bekannt

Auf Norwegens Straßen versammeln sich Hunderttausende, um zu gedenken und ein Zeichen zu setzen. Der Attentäter, Anders Breivik, gesteht seine Tat, hält sich aber für unschuldig und spricht von Unterstützern.

OsloDie norwegische Polizei will am heutigen Dienstag die Namen der 76 Todesopfer bei den Anschlägen vom Freitag veröffentlichen. 68 von ihnen hatte der Attentäter bei einem Massaker auf der Insel Utøya getötet. Zuvor starben acht Menschen durch eine von dem Norweger platzierte Bombe im Osloer Regierungsviertel. Die große Mehrzahl der Toten sind Jugendliche, die an einem sozialdemokratischen Sommerlager teilgenommen hatten.

Der Attentäter von Oslo hat nach eigener Aussage mit anderen Rechtsextremen zusammengearbeitet. Anders Behring Breivik habe erklärt, es gebe „zwei weitere Zellen in unserer Organisation“, sagte Untersuchungsrichter Kim Heger nach der knapp einstündigen Anhörung am Montag in Olso.

Der 32-Jährige habe den Massenmord gestanden, sich aber für unschuldig erklärt. Der Richter ordnete acht Wochen Untersuchungshaft und zusätzlich einen Monat Kontaktsperre an.

Polizei korrigiert sich

Video: Polizei korrigiert sich

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Die norwegische Polizei hat die Zahl der Anschlagstoten inzwischen von insgesamt 93 auf 76 nach unten korrigiert. Demnach wurden auf der Insel Utöya 68 Menschen getötet, bislang war von 86 Toten die Rede gewesen. Dagegen stieg die Zahl der Toten bei dem Bombenanschlag im Osloer Regierungsviertel von sieben auf acht. Grund für die zunächst falsch genannten Zahlen sei die schwierige Informationsbeschaffung vor Ort gewesen.

Zuvor stand das öffentliche Leben im ganzen Land am Mittag still: Vom Oslo-Fjord bis zum Nordkap schlossen sich Menschen einer Schweigeminute für die Opfer des rechtsextremen Attentäters an.

Riesige Menschenmengen setzen Zeichen

Hunderttausende Norweger versammelten sich zudem am Montagabend in Oslo und anderen Städten zu „Blumenzügen“. In der Hauptstadt füllte die Menschenmenge weite Teile der Innenstadt am Rathaus, als Kronprinz Haakon zweimal ausrief: „Heute sind unsere Straßen mit Liebe gefüllt.“ Der Thronfolger sagte, man könne die Anschläge vom 22. Juli mit vielen Toten nicht ungeschehen machen. „Aber wir können selbst wählen, was sie mit uns machen.“ Er forderte seine Landsleute auf, sich aktiv für ein Norwegen einzusetzen, in dem „Verschiedenheit als Chance begriffen wird“. Der Attentäter Anders Behring Breivik hatte seine Anschläge in Oslo und auf der Insel Utøya vor allem mit der Zuwanderung aus islamischen Ländern begründet. 

Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagte vor der riesigen Menschenmenge: „Norwegen wird diese Prüfung bestehen. Das Böse kann Menschen töten, aber niemals ein ganzes Volk besiegen.“ Die Antwort der Menschen auf die Anschläge müsse aus „mehr Offenheit, mehr Demokratie, mehr Bestimmtheit“ bestehen. In Erinnerung an den Überfall auf Norwegen durch das nationalsozialistische Deutschland 1940 sagte er: „Unsere Väter haben versprochen: Nie wieder ein 9. April. Wir versprechen: Nie wieder ein 22. Juli.“ Die Veranstaltungen waren am Wochenende von einer Privatinitiative gestartet worden. Die Initiatoren in Oslo rechneten mit bis zu 100.000 Teilnehmern unter den 550.000 Einwohnern. Allein 60.000 Menschen hatten sich auf einen Aufruf im Facebook-Netzwerk angemeldet. Auch aus anderen Städten wie Bergen und Stavanger wurden Menschenansammlungen gemeldet, wie Norwegen sie seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht erlebt hat.

Kommentare (19)

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R.Ruf

25.07.2011, 17:15 Uhr

Jede Idee gebiert als Rückseite und Schatten eine Wahnidee, so auch die Idee von Brüderlichkeit, Toleranz und Gleichheit. Der Massenmörder war Mitglied der Freimaurerloge St.Olav zu den drei Säulen. Die Loge hat ihn inzwischen ausgeschlossen.Freimaurer wird man nicht ohne Protektion und Empfehlung, als war Anders B. auch nicht der typische Eizelgänger und Sonderling, als den er dargestellt wird sondern Mitglied einer Bruderschaft von Gleichgesinnten, die sich als Elite versteht.
Wer das Gesetz der Bipolarität kennt, die in der Umkehr der Gegensätze besteht und die in mehr oder weniger allen esoterisch und mataphysisch verankerten Gesellschaften besteht, ist zumindest in Ansätzen fähig die wahren Gründe für diese grausame Bluttat und dieses Verbrechen zu verstehen.

leser

25.07.2011, 18:55 Uhr

Sie scheinen sich auszukennen und können daher von "Gesetz der Bipolarität" schreiben: bedauerlichweise ist das "Gesetz der Bipolarität" lediglich eine erkenntnistheorethische Hilfskonstruktion, möchte man es nicht mit Simplifizierungen, grob gesprochen vergröbernden "Vereinfachungen" bewenden lassen.

Auch in ausdiffernzierten Gesellschaftssystemen können allerdings verstörende und zunächst kaum nachvollziehbare Ereignisse sich ins Werk setzen, das jedoch hat mitunter weniger mit "dem Gesetz der Bipolarität" als vielmehr mit einem zunehmenden Grad von Komplexität zu tun.

Um diese ungeheurlichen Taten nachzuvollziehen zu können, nicht um sie zu goutieren, sondern um sie vermeidbar zu machen, bedürfte es daher imao eher eines beherzten Versuchs das "Motivationsszneario" erkenntnisbereit anzugehen, als hier mit "alten" wie "neueren" Vorurteilen glänzen zu wollen.

multikausalist

25.07.2011, 19:25 Uhr

..."die wahren Gründe"...

Die hatte der Attentäter vermutlich auch im Sinn.

Das ist ein gewaltges Problem: das war kein Selbstmordattentäter, der seine Familie mit 20.000 Dollar versucht seine familie auf ihr Geheiß aus der Armut zu reißen: das war ein Mitbewohner der zivilisierten Gesellschaft: das Gift des Sektierertums armutsbelassener Opfertäter scheint in diesem Fall auf den Täter übergegriffen zu haben.

Aber das sind alles Vermutungen.

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