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29.07.2017

17:14 Uhr

Messerattacke in Hamburg

Attentäter hätte demnächst ausreisen sollen

Ein Mann sticht in einem Hamburger Supermarkt wahllos auf Kunden ein. Ein Toter und sechs Verletzte – so die traurige Bilanz. Der Täter stand schon vorher als Islamist in den entsprechenden Akten der Behörden.

Messerattacke von Hamburg

Täter war als Islamist bekannt

Messerattacke von Hamburg: „Der Täter war uns als Islamist bekannt“

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HamburgDer Messer-Angreifer von Hamburg ist den Sicherheitsbehörden als Islamist bekannt gewesen, wurde aber nicht als unmittelbar gefährlich eingeschätzt. Es müsse nun geprüft werden, ob die Behörden allen Hinweisen immer angemessen nachgegangen seien, sagte Innensenator Andy Grote (SPD) am Samstag. Es habe Anzeichen für eine Radikalisierung des 26-jährigen abgelehnten Asylbewerbers gegeben, der in den Vereinigten Arabischen Emiraten geboren wurde.

Das genaue Motiv für den Angriff, bei dem am Freitagnachmittag ein Mann getötet und mehrere Menschen verletzt wurden, blieb auch einen Tag danach unklar. Bei dem Mann gebe es Hinweise auf religiöse Beweggründe und islamistische Motive, aber auch auf eine „psychische Labilität“, erläuterte Grote. Bürgermeister Olaf Scholz hatte gesagt, der Mann habe offenbar „seinen Hass gegen uns gerichtet“, und von einem „bösartigen Anschlag“ gesprochen.

Der 26-Jährige hatte am Freitag in einem Supermarkt im Stadtteil Barmbek unvermittelt auf Menschen eingestochen. Ein 50-Jähriger starb. Sieben weitere Menschen wurden verletzt, einige davon schwer. Alle waren am Samstag außer Lebensgefahr.

Die Fakten zu der Attacke

Die Tat

Um 15.10 Uhr betritt ein Mann einen Supermarkt an der Fuhlsbütteler Straße in Hamburg-Barmbek. Er greift sich ein Messer aus einem Regal, packt es aus und greift Kunden an.

Der Täter

Nach Angaben der Polizei handelt es sich bei ihm um einen 26-jährigen abgelehnten Asylbewerber, der in den Vereinigten Arabischen Emiraten geboren wurde. Er war im März 2015 über Norwegen nach Deutschland eingereist. Er lebte in einer Flüchtlingsunterkunft im Norden Hamburgs im Stadtteil Langenhorn. Er war ausreisepflichtig, konnte aber wegen fehlender Papiere bislang nicht abgeschoben werden.

Die Opfer

Ein 50-Jähriger Mann erleidet tödliche Verletzungen. Eine 50-jährige Frau und vier Männer im Alter von 19, 56, 57 und 64 Jahren werden ebenfalls durch Messerstiche zum Teil schwer verletzt. Ein 35-Jähriger wird zudem verletzt, als er hilft den Täter zu stellen. Einen Tag nach der Tat waren alle außer Lebensgefahr.

Der Tatort

Ein Supermarkt an der Fuhlsbütteler Straße im Stadtteil Barmbek, wenige Kilometer nordöstlich des Stadtzentrums. Die „Fuhle“ ist eine belebte Einkaufstraße mit vielen kleinen Geschäften, Backshops, Imbissen, Drogerie- und Supermärkten.

Die Erkenntnisse der Behörden

Der Mann war den Behörden als Islamist bekannt, nicht aber als sogenannter Gefährder. Es gab Hinweise auf eine Radikalisierung und gleichzeitig auf psychische Labilität. Nach den Erkenntnissen der Ermittler handelte der Mann allein.

Die Tatwaffe

Ein großes Küchenmesser. Das Messer mit einer etwa 20 Zentimeter langen Klinge nahm sich der Täter in dem Supermarkt aus einem Regal und riss es aus der Verpackung. Anschließend stach er auf sein erstes Opfer ein - einen 50-Jährigen, der an seinen schweren Verletzungen starb.

Das Motiv

Der Hintergrund liegt für die Fahnder noch im Dunkeln. Es gab einerseits Hinweise auf eine Radikalisierung und islamistische Motive. Auf der anderen Seite haben die Behörden in der Vergangenheit auch Hinweise auf psychische Probleme des Mannes erhalten. Die Fahnder gehen von einer Gemengelage aus, wobei noch nicht geklärt ist, was den Ausschlag für die Bluttat gegeben hat.

Der Mann handelte möglicherweise spontan. Laut Polizei nahm er erst im Supermarkt ein Messer und riss es aus der Verpackung. Den Ermittlern zufolge gibt es keine Hinweise auf Hintermänner oder ein Unterstützer-Netzwerk.

Kanzlerin Angela Merkel erklärte: „Die Gewalttat muss und wird aufgeklärt werden.“ Sie sprach den Opfern ihr Mitgefühl aus. Wie Justizminister Heiko Maas zollte sie jenen Passanten Respekt, die sich dem Angreifer mutig entgegengestellt hatten, bis die Polizei kam.

De Maizière (CDU) sagte mit Blick mögliche Motive des Täters: „Wir müssen damit rechnen, dass die dschihadistische Ideologie als Begründung oder Rechtfertigung für Taten herangezogen wird, die vielleicht aufgrund ganz anderer Motive begangen werden.“ Das lehre die leidvolle Erfahrung. „Die eigentlichen Motive können dann auch in der Persönlichkeit des Täters liegen.“

Gegen den Palästinenser soll ein Antrag auf Haftbefehl wegen Mordes und fünffachen versuchten Mordes gestellt werden. Ob dies aber tatsächlich geschehe, sei wegen der psychischen Auffälligkeiten des Mannes noch offen, sagte Jörg Fröhlich von der Staatsanwaltschaft Hamburg. Der Generalbundesanwalt behalte sich vor, den Fall zu übernehmen.

Der SPD-Innenexperte Burkhard Lischka sagte der „Heilbronner Stimme“: „Auch wenn die konkreten Umstände noch unklar sind, stellt sich die Frage, warum der Mann nicht in Abschiebehaft saß.“ Der Gesetzgeber habe erst vor wenigen Wochen die Möglichkeiten dazu erweitert. An diesem Samstag trat das Gesetz zur besseren Durchsetzung der Ausreisepflicht in Kraft.

Was bedeuten die Begriffe?

Amoklauf

In Asien nannte man sie „amucos“ – Krieger, die den Feind ohne Angst vor dem Tod angreifen und vernichten. Heute beschreibt der Begriff in der Regel blindwütige Aggressionen – mit und ohne Todesopfer. Die meisten Amokläufer sind männlich und eigentlich unauffällig, in vielen Fällen ledig oder geschieden. Neben psychisch kranken Tätern gibt es auch Amokläufer, die aus banalen Gründen plötzlich ausrasten. Angst, Demütigung oder Eifersucht haben sich oft lange aufgestaut, bevor es zur Katastrophe kommt. Teils werden Taten auch im Kopf durchgespielt. „Amok“ kommt aus dem Malaiischen und bedeutet „wütend“ oder „rasend“.

Terrorismus

...ist politisch motivierte, systematisch geplante Gewalt, die sich gegen den gesellschaftlichen Status quo richtet und auf politische, religiöse oder ideologische Veränderung ausgerichtet ist. Dass Terroristen töten und zerstören, ist Mittel zum Zweck. Sie wollen vor allem Verunsicherung in die Gesellschaft tragen. Terrorakte richten sich oft gegen die Zivilbevölkerung oder symbolträchtige Ziele.

Terror

...geht auf das lateinische Wort „terrere“ zurück, was „erschrecken“ oder „einschüchtern“ bedeutet. Terror und Terrorismus werden oft gleichbedeutend verwendet. Im Unterschied zum Terrorismus bezeichnet der Begriff „Terror“ aber eher das Machtinstrumentarium eines Staates. Der „Terror von oben“ steht für eine Schreckensherrschaft, die willkürlich und systematisch Gewalt ausübt, um Bürger und oppositionelle Gruppen einzuschüchtern. Auch in die Umgangssprache hat der Begriff Eingang gefunden – etwa für extreme Belästigung, zum Beispiel Telefonterror.

Attentate

...sind politisch oder ideologisch motivierte Anschläge auf das Leben eines Menschen, meistens auf im öffentlichen Leben stehende Persönlichkeiten. Der Ausdruck „Attentäter“ wiederum wird auch für Menschen verwendet, die einen Anschlag auf mehrere Menschen begehen. Terroristische Attentäter zielen etwa auf Angehörige eines ihnen verhassten Systems oder einer Religion ab. Mit Anschlägen auf öffentlichen Plätzen, in Verkehrsmitteln oder auf Feste versuchen sie, in der Bevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten. Der Begriff „Attentat“ leitet sich vom lateinischen attentare (versuchen) im Sinne eines versuchten Verbrechens ab.

Der Angreifer sei ausreisepflichtig gewesen und habe sich im Ausreiseverfahren befunden, sagte Grote. Er sei den Behörden als Islamist bekannt gewesen, nicht aber als Dschihadist. Man sei nicht zu der „Einschätzung einer unmittelbaren Gefährlichkeit“ gelangt.

Der Mann war weder in Deutschland noch im Ausland vorbestraft. Ein Diebstahlverfahren gegen ihn wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt.

Der Palästinenser habe gegen seinen negativen Asylbescheid keine Rechtsmittel eingelegt und auch bei der Organisation von Passersatzpapieren mitgewirkt, berichtete Grote. Noch am Freitag habe er sich bei der Ausländerbehörde erkundigt, ob seine Passersatzpapiere eingetroffen seien. Polizeipräsident Ralf Meyer sagte, der Mann sei in dieser Hinsicht eine „fast vorbildhafte Person“ gewesen.

Der Hamburger Innenstaatsrat Bernd Krösser erklärte, der Angreifer sei 2015 nach Deutschland eingereist. Zuvor sei er in Norwegen, Schweden und Spanien gewesen. Über Norwegen sei er im März 2015 nach Deutschland gekommen, zunächst nach Dortmund. Von dort aus sei er nach Hamburg weitergeleitet worden. Hier habe er schließlich im Mai 2015 einen Asylantrag gestellt.

Mann stirbt bei Messerangriff

„Da läuft einer rum und sticht die Leute ab“ – Attacke in Hamburger Supermarkt

Mann stirbt bei Messerangriff:  „Da läuft einer rum und sticht die Leute ab“ – Attacke in Hamburger Supermarkt

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Von

dpa

Kommentare (15)

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Herr Toni Ebert

28.07.2017, 17:39 Uhr

War das nun ein Rechter, Nazi, der das gemacht hat?
Wir müssen aufpassen, denn die Gefahr von Rechts ist extrem groß. Immer wieder können da sehr schlimme Sachen passieren. Vor allem, weil die immer so eine große Klappe haben.

oder war es ein M u s l i m ??

Herr Günther Schemutat

28.07.2017, 17:45 Uhr

Ein Täter hat in der Fuhlbüttlerstrasse in Hamburg in einem Edeka Markt einen Kunden erstochen und auf der Flucht 4 weitere Passanten verletzt. Er soll Allah gelobt haben und wurde festgenommen.

Das hebt sich ein wenig von den wöchentlichen Messerangriffen in Hamburg etwas ab. Aber ich glaube nicht das der ROT/GRÜNE Senat das groß aufregen wird, wie ja auch nicht der Bürgerkrieg zum G 20 in Hamburg sitzt die Politik in einem Kokon
von Gewalttaten sehr sicher. Die Gewalt in Hamburg ist die höchste in Deutschland
und nun haben wir vermutlich einen Islamischen Anschlag , wobei ich als Hamburger
vermute , viele Messerangriffe in der Stadt könnten ebenfalls als Anschlag gedeutet werden und werden es vermutlich nicht.

Enrico Caruso

28.07.2017, 17:50 Uhr

Wieso fällt mir nur bei so einer Meldung gleich die Formulierung "hat nichts mit dem Islam zu tun" ein?

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