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24.10.2015

04:45 Uhr

Meteorologen ratlos - wie konnte das geschehen?

Im Rekordzeit vom Hurrikan zum Monstersturm

Die Meteorologen raufen sich über Hurrikan „Patricia“ die Haare: In Windeseile mutierte er ohne Vorwarnung zum Rekord-Sturm. Hatte der Klimawandel da seine Finger im Spiel?

Ein abgesoffenes Verkehrsschild in White Rock Lake, Texas, am Freitag:  Selbst die Ausläufer von "Patricia" sind schon katastrophal. ap

Wassermasser im Rekordtempo

Ein abgesoffenes Verkehrsschild in White Rock Lake, Texas, am Freitag: Selbst die Ausläufer von "Patricia" sind schon katastrophal.

WashingtonDer schwere Hurrikan „Patricia“ hat heftigen Regen und bis zu vier Meter hohe Wellen an die mexikanische Pazifikküste gebracht. In der Hafenstadt Manzanillo im Bundesstaat Colima stürzten am Freitagabend (Ortszeit) Bäume und Werbetafeln um. „Das Risiko ist weiterhin hoch“, sagte Innenminister Miguel Ángel Osorio Chong, nachdem der Wirbelsturm in der Bucht von Tenacatita auf Land getroffen war. „Schützen sie sich und folgen sie den Anweisungen des Zivilschutzes“, schrieb Präsident Enrique Peña Nieto auf Twitter.

Der Wirbelsturm der Kategorie 5 ist der bisher schwerste Hurrikan. Nachdem er auf Land getroffen war, erreichte er in den Böen noch immer Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 Kilometer pro Stunde, wie der mexikanische Wetterdienst mitteilte. Das Auge des Hurrikan hatte einen Durchmesser von neun Kilometer und zog mit einer Geschwindigkeit von 24 Kilometer pro Stunde in nord-nordöstlicher Richtung ins Landesinnere.

Schwere Schäden aus den Bundesstaaten Jalisco, Colima, Nayarit wurden zunächst nicht gemeldet, wie Zivilschutzchef Luis Felipe Puente sagte. Tausende Menschen suchten Schutz in Notunterkünften oder im Landesinneren. Die Regierung verlegte zahlreiche Soldaten und Polizisten ins Gefahrengebiet. Im ganzen Land wurden Sammelstellen für Sachspenden und Lebensmittel eingerichtet. Binnen nur 30 Stunden mauserte sich Hurrikan „Patricia“ von einem Tropensturm zum Monstersturm der Superlative. Wie ist das möglich?

Die wichtigsten Schlagworte zum Klimawandel

Globale Erwärmung

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Temperatur auf der Erde um gut 0,8 Grad Celsius angestiegen. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts (von 2001 bis 2010) war nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie das heißeste seit 1881 - im Durchschnitt betrug die Temperatur 14,47 Grad an der Land- und Meeresoberfläche und damit 0,47 Grad mehr als im Durchschnitt zwischen 1961 und 1990.

Anstieg des Meeresspiegels

Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen 20 Jahren beschleunigt. Laut dem IPCC-Bericht von 2007 dürfte der Meeresspiegel bis zum Endes dieses Jahrhunderts um zwischen 18 und 59 Zentimeter ansteigen. Im neuen Bericht dürfte diese Zahl angehoben werden. Studien zufolge geht der Anstieg zu rund einem Drittel darauf zurück, dass sich das Wasser bei zunehmender Wärme ausdehnt, zu einem weiteren Drittel auf das Schmelzen von Gletschern und zu etwas weniger als einem Drittel auf das Abschmelzen der Eiskappen in Grönland und der Antarktis.

Eisschmelze

Die Arktis erlebte im vergangenen Jahr eine Rekord-Eisschmelze. Laut der US-Behörde für Ozeanologie und Atmosphärenforschung (NOAA) verkleinerte sich die Eisfläche in der Arktis 2012 auf 3,41 Millionen Quadratkilometer. Das ist die kleinste Fläche seit Beginn der Satelliten-Beobachtung der Region vor 34 Jahren und 18 Prozent weniger als der bisherige Niedrigrekord aus dem Jahr 2007. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gewässer rund um den Nordpol bis 2050 im Sommer eisfrei sein könnten.

Gletscherschwund

Bei Gebirgsgletschern wird weltweit eine starke Eisschmelze beobachtet, etwa im Himalaya-Gebirge oder in den südamerikanischen Anden. Die Gletscher der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien könnten bis 2050 ganz verschwunden sein.

Extreme Wetterphänomene

In einem Sonderbericht hatte der Weltklimarat IPCC im November 2011 festgehalten, dass es im Zuge der Erderwärmung zu einer Zunahme extremer Wetterphänomene wie heftiger Regenfälle, Hitzewellen und Dürreperioden gekommen ist und diese Entwicklung anhalten wird. 2012 wurden laut eine Untersuchung etwa die Hälfte aller Extremwetterphänomene durch den Klimawandel verstärkt.

Artensterben

Unter einem weiteren Temperaturanstieg wird auch die Tier- und Pflanzenwelt leiden. Ein Anstieg zwischen 1,5 und 2,4 Grad im Vergleich zu den 20 letzten Jahren des 20. Jahrhunderts würde dafür sorgen, dass 20 bis 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht würden.

Zwei-Grad-Ziel

Internationales Ziel ist es, den Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwei Grad zu beschränken. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen wird der Anstieg aber zwischen drei und fünf Grad betragen, wenn es bei den bisherigen Bemühungen zur Reduzierung von Treibhausgasen bleibt.

Climategate

Im November 2009 drangen Hacker in die Computer des Klimaforschungszentrums der University of East Anglia ein, stahlen mehrere tausend Dokumente und veröffentlichten sie im Internet als angebliche Belege für wissenschaftliches Fehlverhalten der Klimaforscher. Mehrere Untersuchungen unabhängiger Institutionen konnten allerdings keine Hinweise auf ein solches Fehlverhalten nachweisen.

Bei dem Pazifiksturm kamen einfach die passenden Zutaten zusammen, sagen Experten. Reichlich Warmwasser sorgte für die Energie, die Meteorologen als explosive Intensivierung bezeichnen. Die Luft war viel feuchter als sonst, was „Patricia“ noch mehr Kraft verlieh. Und zugleich fehlten am Donnerstag die höhergelegenen Schwerwinde, die zur Eindämmung der Stärke eines Hurrikans führen. Die Konstellation überrumpelte Meteorologieprofessor Kerry Emanuel vom Massachusetts Institute of Technologie, wie er selbst zugibt. „Ich war wirklich verblüfft.“

Seine Kollegen sind sich einig, dass all dies Spuren von El Niño trägt, jenem Klimaphänomen, das für ungewöhnlich stark steigende Meerestemperaturen sorgt. Doch so nahtlos sich das aktuelle Wetterereignis in die Theorien zur globalen Erwärmung einfügen mag, so müssen die Forscher dennoch einschränken: Den Klimawandel könne man pauschal nicht für den Monsterhurrikan verantwortlich machen - noch nicht, sagen sie.

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