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10.01.2017

09:42 Uhr

Mini-Eigenheim

Drei Quadratmeter für Obdachlose

Ein Hobby-Schreiner baut kleine Wohnboxen und verschenkt sie. So müssten Obdachlose nicht mehr in der Kälte übernachten und hätten einen eigenen Schlafplatz, sagt er. Doch die Stadt Köln hat Bedenken.

Sieben solcher Boxen hat Sven Lüdecke schon gebaut und Obdachlosen übergeben. dpa

Wohnboxen für Obdachlose

Sieben solcher Boxen hat Sven Lüdecke schon gebaut und Obdachlosen übergeben.

KölnSven Lüdecke wirft seine Kreissäge an und zerteilt ein Holzbrett. „Das muss genau 55 Zentimeter lang sein, damit es perfekt in das Dach passt“, erklärt der 39-Jährige. Seit Anfang November zimmert er kleine Wohnboxen für Obdachlose zusammen. In seinem Innenhof in Köln steht ein Exemplar, das noch in Arbeit ist.

Die Box misst 2,8 Quadratmeter, das ist nicht besonders groß, „aber immerhin ein besserer Schlafplatz als die Straße“, sagt Lüdecke. Rollen machen die Wohnkiste mobil, durch ein kleines Fenster fällt etwas Tageslicht. Stehen kann man in dem Mini-Haus nicht, zum Schlafen und Unterbringen von Hab und Gut reicht es aber.

Sieben solcher Boxen hat Sven Lüdecke schon gebaut und Obdachlosen übergeben. Eine davon bekommt Andreas. Der 51-Jährige hat schon einen Schlüssel zu seiner Kiste, sie steht noch bei Lüdecke auf dem Hof. Noch schläft Andreas in einem Zelt in einem kleinen Waldstück am Rande Kölns. „Besonders nachts ist das unglaublich nass und kalt“, erzählt er. Die Wohnbox gebe ihm das erste Mal wieder das Gefühl, etwas Eigenes zu haben. „Und das ist wunderbar.“

Verrücktes Wohnen

Wohnen im Zug

Warum noch Miete zahlen oder ein Auto besitzen, wenn es sich doch bequem im Zug leben lässt? Mit einer Bahncard 100 ist das in Deutschland kein Problem – solange man irgendwo einen Wohnsitz gemeldet hat. 3.800 Euro im Jahr entspricht einer Miete von 320 Euro im Monat, grenzenlos Reisen in Deutschland inklusive. Das Duschen lässt sich bei Freunden oder bei der Familie erledigen. Allerdings muss man schon die Eigenschaft mitbringen überall schlafen zu können, denn wirklich bequem sind die Zugsitze nicht.

Wohnen in der Wüste

Die Beduinen machen es seit Jahrhunderten vor. Wer braucht schon einen festen Wohnsitz mit fließendem Wasser. In der Wüste ist es tagsüber wahnsinnig heiß und nachts bitterkalt. Dennoch leben allein in der Sahara etwa drei Millionen Menschen. Die meisten von Ihnen an den Rändern oder in Oasen. Wichtig ist, sich mit langer Kleidung vor der Sonne zu schützen. Ein Wüstenbewohner verliert im Durchschnitt circa 15 Liter Salzwasser am Tag durch Schwitzen. Und trotzdem finden viele dieses Leben absolut befreiend und sind fasziniert von der Lebensweise und Traditionen der Beduinen.

Wohnen im Container

Es gibt ungefähr 30 Millionen Seefrachtcontainer aus Stahl auf diesem Planeten. Sie sind acht Fuß (2,43 Meter) breit und entweder 20 Fuß (6,10 Meter) und 2300 Kilogramm schwer oder 40 Fuß (12,19 Meter) mit 3900 Kilogramm schwer. Diesen Standard gibt es seit 1956. Die Kosten, Container wieder zurück an ihren Herkunftsort zu schicken, sind hoch. Deshalb stehen sie oft ungebraucht in Häfen herum. Sie sind deshalb für Selbstabholer günstig zu erwerben. Einen wind- und wasserdichten Container bekommt man je nach Größe zwischen 1800 und 2200 Euro. Allerdings sollte man aufpassen, denn oft sind die Container mit Spritzmitteln oder Stahlfarbe verpestet. Mehr und mehr Menschen entdecken die Container als günstige Bau- und Wohnform und werden dabei äußerst kreativ. Ein großer Container bietet immerhin eine Wohnfläche von 30 Quadratmetern.

Wohnen im Berg

Wohnen wie die Fledermaus? Warum nicht? Auf den kanarischen Inseln gibt es mehrere Unterkünfte, die direkt in den Berg gebaut sind. Ganz speziell ist das Örtchen Chinamada. Die Menschen leben hier in Höhlen, die als Häuser getarnt sind. Direkt hinter der Hausfassade fängt der Berg an. Die Bewohner lieben ihre Behausung. Sie fühlen sich sicher. Egal ob Sturm oder Unwetter: Die Höhle bietet optimalen Schutz. Und der Ausblick über die ganze Insel ist überwältigend.

Wohnen im Wald

Der ehemalige Golflehrer Mark Freukes zog im Januar 2014 in den Wald. Ein Tipi in einem abgelegenen Teil des Odenwalds wurde sein neues Zuhause. Er wollte ausprobieren, mit wie wenig man wirklich auskommt, und welche Auswirkungen das Leben in der Natur auf das eigene Wohlbefinden hat. Er eignete sich die Fertigkeiten und das verlorengegangene Wissen von Naturvölkern an, um Elemente des modernen Lebens mit der Ursprünglichkeit des Menschseins zu verbinden. Er hat ein Handy und einen Laptop um zu arbeiten. Sein Geld verdient er durch Bücher, Vorträge und Lesungen sowie mit Kursen für Hobbyaussteiger, die seinen Lebensstil wochenweise ausprobieren möchten.

Wohnen im Iglu

Wer denkt, die Eskimos wohnen in Iglus, der dürfte jetzt enttäuscht sein. Eskimos bauten Iglus immer nur als Schutzhütten auf der Jagd, wenn sie von schlechtem Wetter überrascht wurden, oder es nicht mehr rechtzeitig vor der Dunkelheit nach Hause schafften. Die Inuit wohnten schon immer in Behausungen aus Holz, Treibgut, Tierknochen und –häuten. Wer sich trotzdem den Spaß vom Wohnen im Iglu gönnen möchte, der kann das im Urlaub tun. Mehrere Anbieter in Europa bieten moderne Unterkünfte aus Eis im Eis an. Authentisch ist das allerdings nicht.

Wohnen unter Wasser

Der Designer und Visionär Phil Pauley beschäftigt sich mit der Idee von Lebensraum unter Wasser. Erste Unterwasserhotels und Restaurants gibt es bereits, doch der Londoner geht viel weiter. Seit über 20 Jahren plant er ganze Unterwasserstädte um Lösungen für das exponentielle Bevölkerungswachstum zu bieten. Seine Unterwasserstadt hat einen Durchmesser von 350 Metern und bietet ein Zuhause für 100 Personen. Sie kann auf- und abtauchen, und bietet Flächen zum Anbau von Nahrungsmitteln, aber auch Bereiche zur Unterhaltung. Bisher existiert die Stadt nur am Computer, denn einen Investor hat Pauley noch nicht gefunden.

Wohnen auf dem Flughafen

Wer denkt, das gibt es nur im Film, der hat sich getäuscht. Geschichten von Menschen, die auf Flughäfen wohnen, wie Tom Hanks in „The Terminal“ gibt es immer wieder. Ein Deutscher machte 2012 Schlagzeilen, als er sich für den Flughafen Göteborg-Landvetter bei der Wahl seines neuen Zuhause entschied. Der damals 27-Jährige hatte einen Koffer dabei, als er landete und blieb dann einfach im Terminal für Inlandsflüge wohnen. Er hatte kein Geld und war auf die Hilfe von Reisenden angewiesen, die ihm Getränke und Essen spendierten.

Die Stadt Köln sieht das anders. „Bei diesen Boxen handelt es sich nach dem, was der Stadt bislang telefonisch angekündigt wurde, um eine Unterkunft ohne Strom, Wasser, Kanal, Heizung und ohne ausreichende Stehhöhe“, sagt Pressesprecherin Inge Schürmann. „Für die dauerhafte Nutzung als Wohnraum sind solche Boxen nicht genehmigungsfähig.“ Konkrete und prüfbare Angaben lägen nicht vor, obwohl man darauf hingewiesen habe, teilte die Stadt mit.

In Köln müsse niemand auf der Straße oder unter der Brücke schlafen, ergänzt Schürmann. „Wir haben eine große Vielfalt von Angeboten für diesen Personenkreis, Köln ist eine mitfühlende Stadt.“

Ganz so einfach ist das nach Ansicht der Betroffenen aber nicht: Peter wohnt seit einigen Wochen in einer Wohnbox. In städtischen Unterkünften hat der 33-Jährige schlechte Erfahrungen gemacht, sich unwohl gefühlt: „Die Leute haben sich da schon aufgegeben und prügeln sich.“

Es gebe auch andere Gründe, städtische Hilfe abzulehnen, erklärt Thomas Gleißner von der Caritas: „Die Gründe dafür, Hilfe abzulehnen, sind sehr vielschichtig. Manche wollen sich einfach selbstständig durchschlagen, andere haben psychische Probleme.“ Häufig sei auch Alkohol im Spiel.

Obdachlose in Deutschland: Immer mehr Menschen ohne festen Wohnsitz

Obdachlose in Deutschland

Immer mehr Menschen ohne festen Wohnsitz

Immer mehr Menschen in Deutschland haben keinen festen Wohnsitz. Rund 335.000 sind wohnungslos – fast 90.000 mehr als noch 2010. Grund dafür ist aber nicht immer der Mangel von bezahlbarem Wohnraum.

Rückendeckung bekommt Lüdecke auch aus Berlin. Die dortige Caritas-Direktorin Ulrike Kostka beobachtet ähnliche Projekte in der Hauptstadt: „Obdachlosen einen Rückzugsort zur Verfügung zu stellen, finde ich gut und kreativ. Vor allem macht es auf die Situation der Menschen aufmerksam.“

Seine Wohnboxen baut Lüdecke nebenbei, an Wochenenden oder nach der Arbeit. Denn eigentlich ist er Fotograf bei einer Hotelkette. Große deutsche Fernsehsender und Zeitungen seien schon bei ihm gewesen, sagt Lüdecke. Gelegentlich organisiert er Bauwochenenden, Nachbarn und Obdachlose kommen dann vorbei und schreinern, kleben und schrauben gemeinsam.

Rund 600 Euro koste ihn eine der Boxen, sagt der Hobby-Schreiner. Er finanziere sie mit privatem Geld. Das sei aber bald aufgebraucht. Weitermachen will er trotzdem. „Wir bekommen Sachspenden von Firmen und ein Verein ist in Gründung.“

Probleme haben die Obdachlosen noch mit den Standorten der Boxen. „Sobald Boxen auf städtischem Grund stehen, wenden sie abgeräumt“, sagt Stadtsprecherin Schürmann. Eine Box habe im Kölner Stadtwald gestanden: „Die hat das Ordnungsamt aufgenommen. Der Fall liegt jetzt zur Prüfung beim Bauaufsichtsamt.“

Durchschnittliche Mietkosten nach Vermietertyp

Kirchliche Wohnungsunternehmen

Monatliche Sollmiete (netto, kalt): 5,83 €/m²
Kalte Betriebskostenvorauszahlung: 1,44 €/m²
Warme Betriebskostenvorauszahlung: 1,29 €/m²

Private Immobilienunternehmen

Monatliche Sollmiete (netto, kalt): 5,77 €/m²
Kalte Betriebskostenvorauszahlung: 1,60 €/m²
Warme Betriebskostenvorauszahlung: 1,42 €/m²

Öffentliche Wohnungsunternehmen

Monatliche Sollmiete (netto, kalt): 5,70 €/m²
Kalte Betriebskostenvorauszahlung: 1,77 €/m²
Warme Betriebskostenvorauszahlung: 1,16 €/m²

Sonstige Wohnungsunternehmen

Monatliche Sollmiete (netto, kalt): 5,44 €/m²
Kalte Betriebskostenvorauszahlung: 1,44 €/m²
Warme Betriebskostenvorauszahlung: 1,13 €/m²

Kommunale Wohnungsunternehmen

Monatliche Sollmiete (netto, kalt): 5,29 €/m²
Kalte Betriebskostenvorauszahlung: 1,49 €/m²
Warme Betriebskostenvorauszahlung: 1,11 €/m²

Wohnungsgenossenschaften (ohne kirchliche Unternehmen)

Monatliche Sollmiete (netto, kalt): 5,07 €/m²
Kalte Betriebskostenvorauszahlung: 1,31 €/m²
Warme Betriebskostenvorauszahlung: 1,16 €/m²

Quelle für alle Angaben: GdW-Jahresstatistik

Ganz neu ist die Idee mit den Boxen nicht. Ein Amerikaner zimmere solche Häuschen ausschließlich aus Sperrmüll, erzählt Lüdecke, das habe er im Fernsehen gesehen - und die Idee nach Deutschland geholt. Der 39-Jährige hat mittlerweile auch einen Partner in Berlin gefunden, der dort ebenfalls Wohnboxen für Bedürftige baut.

Willi Does, Präsident von Emmaus Europa, einem Verein, der sich auch für Obdachlose einsetzt, meint: „Die Wohnboxen sind ganz nett, das Projekt wird aber nicht lange bestehen. Und die Lösung für das große Problem des bezahlbaren Wohnraums ist das auch nicht.“

Von

dpa

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