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12.05.2014

16:11 Uhr

Mit Tumblr gegen Diskriminierung

„Darf eine Muslima Wein trinken?“

VonFulya Çayir

Dumme Fragen, dreiste Sprüche: Wenn die Eltern nicht deutsch sind, sehen viele die Kinder als Ausländer, inklusive aller Klischees. Das erfährt unsere Autorin täglich. Studenten wehren sich auf Tumblr mit einer Kampagne.

#AuchIchBinDeutschland

#AuchIchBinDeutschland

Düsseldorf.Es ist mein zweites Bachelor-Semester. Zum näheren Kennenlernen habe ich mich mit einigen Kommilitonen zu einem Abendessen in der Altstadt verabredet. Im Restaurant nimmt eine nette Kellnerin unsere Getränkebestellungen an, nachdem sie uns die Menu-Karte austeilt.

Als ich ein Glas Weißweinschorle bestelle, bekomme ich seltsame Blicke zugeworfen. Zunächst kann ich dieses Verhalten meiner Kommilitonen nicht richtig einordnen – bis sich der erste traut: „Oh, du trinkst also Alkohol?“ Ich nicke und verstehe immer noch nicht ganz. Er erläutert unaufgefordert: „Es kommt nicht oft vor, dass eine Muslima trinkt, oder? Weiß deine Familie darüber Bescheid?“ Endlich klingelt´s bei mir – es geht um meinen Migrationshintergrund und den damit verbundenen allgemeinen Klischees.

Der weitere Verlauf dieses Abends mutiert zu einem Abfrage-Marathon. Scheinbar gibt es so viele Unbekannte in der Gleichung: Studentin mit Migrationshintergrund  (a), die sogar Alkohol konsumiert (b) ergibt gleich eine junge Studentin, die dem Durchschnitt (x) entspricht?

Die heißen Smartphone-Dienste

Snapchat

Mit der Snapchat-App können Nutzer Textnachrichten, Fotos und Videos verschicken, die sich nach einem kurzen Zeitraum selbst löschen. Gerade unter Jugendlichen ist die Anwendung beliebt – vermutlich nicht selten für Anzüglichkeiten. Die Gründer lehnten mehrere milliardenschwere Übernahmeangebote ab, auch Facebook ließen sie abblitzen.

Instagram

Ein Produkt des Smartphone-Zeitalters ist der Foto-Dienst Instagram: Er war von vornherein nur für mobile Geräte ausgelegt. Nutzer können Fotos und Videos aufnehmen, mit Filtern aufpeppen und hochladen. Das Prinzip von Instagram erinnert an Twitter, nur dass es hier ausschließlich um Bilder geht. Facebook übernahm den Dienst 2012 für umgerechnet eine Milliarde Dollar.

Pinterest

Beim Fotodienst Pinterest sammeln die Nutzer Bilder von verschiedenen Websites in digitalen Notizbüchern – meistens mit dem Smartphone. Die Entwicklung von Pinterest wird von Urheberrechtssorgen begleitet: Die öffentlichen Sammlungen könnten nach Ansicht einiger Experten als Urheberrechtsverletzung ausgelegt werden. Das Unternehmen hat inzwischen eine Milliardenbewertung.

Whatsapp

In immer mehr Ländern wird Whatsapp zum SMS-Ersatz. Der Dienst erlaubt es, Kurznachrichten, Bilder und Videos über Internet zu verschicken. Die App läuft auf sämtlichen Betriebssystemen. Trotz etlicher Sicherheitspannen gehört Whatsapp zu den beliebtesten Smartphone-Anwendungen, sie hat nach Unternehmensangaben 500 Millionen Nutzer. Facebook hat das Start-up für 22 Milliarden Dollar übernommen.

Line

Ähnliche wie Whatsapp funktioniert Line, eine App mit asiatischem Ursprung. Sie bietet Instant Messaging für Smartphone und PC. Nutzer können nicht nur Textnachrichten, Fotos und Videos tauschen, sondern auch Telefonate führen. Eine Besonderheit sind virtuelle Sticker, die man in einem Shop kaufen kann.

Vine

Mit dem Dienst Vine können Nutzer bei Twitter sechs Sekunden kurze Videoschnappschüsse hochladen, die in einer Endlosschleife laufen. Der Zwitscherdienst übernahm das Start-up nur wenige Monate nach dessen Gründung im Sommer 2012. Vine hat nach Angaben vom Sommer 40 Millionen Nutzer.

Periscope

Videoübertragungen in Echtzeit ermöglicht der Dienst Periscope, der zu Twitter gehört. Die Bedienung ist bewusst einfach gehalten: App öffnen, „Broadcast“ klicken – schon beginnt der Live-Stream. Ein konkurrierendes Angebot ist Meerkat.

Tumblr

Twitter ist kurzatmige Internet-Kommunikation, Blogs lassen sich mehr Zeit. Irgendwo dazwischen befindet sich Tumblr, ein 2007 gegründeter Web-Dienst für das unkomplizierte Veröffentlichen im Netz. Ähnlich wie bei Twitter kann man bei Tumblr anderen Nutzern folgen und sieht dann deren Beiträge im sogenannten Dashboard, einer Übersichtsseite. 2013 übernahm Yahoo das Start-up für 1,1 Milliarden Dollar.

Ich ertappe mich dabei wie ich die Herkunft meiner Eltern rechtfertige und erkläre, warum meine Mutter oder ich keine Kopftücher tragen – fast so als säße ich auf der Anklagebank. Aber am meisten ärgere ich mich darüber, dass ich nicht mehr als Individuum, sondern stellvertretend für alle jungen Studentinnen mit türkischen Migrationshintergrund sprechen muss. Warum werde ich nicht als Deutsche wahrgenommen? Ich lebe hier, das ist meine Heimat. Auch ich bin Deutsche. Auch ich bin Deutschland. #AuchIchBinDeutschland.

Egal ob Student oder Bankberater, Müllmann oder Rentnerin – die Unwissenheit ist groß und sie mündet in dummen, unreflektierten Sprüchen. Die jungen Deutschen – und nichts anderes sind sie – fühlen sich, als müssten sie sich rechtfertigen.

Für ihre Herkunft, für ihr Verhalten, dafür, dass sie Deutsche sind, obwohl sie Namen haben, die sich manchmal nicht so leicht buchstabieren lassen wie Müller und Meyer. Dafür, dass sie nicht unbedingt Christen sind (aber manchmal eben doch), dass sie so leben wie sie wollen. So wie ihre Eltern. Oder eben ganz anders. Dafür, dass sie gern Deutsche sind, aber auch gern Brasilianer, Türken und Uruguayer.

Kommentare (8)

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12.05.2014, 16:40 Uhr

Man mache sich nichts vor, Deutsche, die in anderen europäischen Ländern leben, insbesondere im Süden, haben ähnliche Eingliederungsprobleme. Noch nach 20 Jahren leben und arbeiten im Ausland, wird man immer mit Hitler Vergleichen in Gespräche gezerrt. Der nächste Punkt: "ich kenne deutschalnd, das ist Oktoberfest, richtig?" Und noch zum Schluss: "Ihr Deutschen seid sehr strikt, was Ihr Euch einmal in den Kopf gesetzt habt, das zieht Ihr durch, auch wenn's Blödsinn ist..."

Account gelöscht!

12.05.2014, 17:40 Uhr

Die Diskriminierung von Muslimen ist nicht zu rechtfertigen, genauso wenig wie das Schönreden einer sehr oft intoleranten Ideologie. Allen wäre am meisten geholfen wenn die Ursachen für Antisemitismus, Frauenapartheid, Gewalt gegen Andersgläubigen, usw. klar benannt werden. Besonders würde ich mir hier mehr Engagement von den Aufgeklärten Türken und Arabern wünschen. Gerade von denen bin ich persönlich schwer enttäuscht. Einer der wenigen Ausnahmen sind Hamed Abdel-Samad und Wafa Sultan. Die meisten anderen unterstützen, wie auch die Medien, oft unbewusst die Interessen der Islamverbände.

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12.05.2014, 18:17 Uhr

Was ich nie verstehen werde ist wieso das Fragen stellen und Interesse bekunden als störend oder unhöfflich aufgenommen wird. Momentan studiere ich im Ausland und wenn mir fragen über Herkunft , Bräuche und alles mögliche gestellt wird freue ich mich das sich jemand für meinen Hintergrund interessiert. Gut der unterschied ist hier ja das die Autorin nicht damit einverstanden ist das man einen unterschied zwischen ihr und "normalen" Deutschen gemacht wird. Das ist verständlich. Andererseits warum ist es verkehrt sie zu fragen ob sie Alkohol trinkt als Muslima? Abgesehen davon ist es für uns "normale" Deutsche auch nicht einfach. Deutsche mit Migrationshintergrund sagen nicht selten das sie sich doch eher als Araber, Kurde oder Türke fühlen. Sie einfach prinzipiell zu deutschen zu zählen ist auch nicht immer richtig. Bei der aus Uruguay stammenden Dame geht es aber anscheinend nur darum zu zeigen wie "dumm doch manche Leute sind" damit man sich selbst besser fühlen kann. Der Dialog ist höchstwahrscheinlich fingiert. Ist ziemlich ähnlich wie eine Konversation aus einem mir bekannten film.

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