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07.04.2015

09:30 Uhr

Mord oder Todschlag?

Tödliche Schüsse im Rendsburger Finanzamt - Urteil steht bevor

Erst fühlt sich ein Steuerberater jahrelang vom Finanzamt schikaniert - dann erschießt er einen Finanzbeamten in dessen Büro. War es heimtückischer Mord oder Totschlag? Sieben Monate nach den tödlichen Schüssen steht das Urteil bevor.

Der 55 Jahre alte angeklagte Steuerberater aus Fockbek sitzt hat bereits gestanden einen Sachgebietsleiter in dessen Büro erschossen zu haben. Nun geht es um die Frage, ob es Mord oder Todschlag war. dpa

Prozess um Mord an Finanzbeamten

Der 55 Jahre alte angeklagte Steuerberater aus Fockbek sitzt hat bereits gestanden einen Sachgebietsleiter in dessen Büro erschossen zu haben. Nun geht es um die Frage, ob es Mord oder Todschlag war.

KielDas Kieler Landgericht will nach dem tödlichen Angriff auf einen leitenden Beamten im Rendsburger Finanzamt am Dienstag ein Urteil verkünden. Der angeklagte 55-jährige Steuerberater aus Fockbek hat gestanden, am 1. September 2014 den 57-jährigen Sachgebietsleiter in dessen Büro erschossen zu haben. Er ist wegen heimtückischen Mordes angeklagt. Der Staatsanwalt hat eine lebenslange Freiheitsstrafe beantragt.

Die Darstellung des Angeklagten, er habe seine Pistole nur aus Versehen dabei gehabt, sei unglaubwürdig, sagte der Staatsanwalt. Der Mann habe sein Opfer erschießen wollen und dessen Arglosigkeit ausgenutzt. Der Verteidiger plädierte dagegen auf Totschlag. Er zog das Mordmerkmal der Heimtücke in Zweifel und stellte das Strafmaß ins Ermessen des Gerichts.

Für Mord drohen dem gesundheitlich angeschlagenen und zeitweise auf einen Rollstuhl angewiesenen Angeklagten mindestens 15 Jahre Haft. Dann wäre eine Entlassung auf Bewährung möglich. Totschlag wird mit fünf bis fünfzehn Jahren Freiheitsentzug bestraft.

Tödliche Gewalt

Kunden greifen Mitarbeiter an

In deutschen Behörden gab es schon häufiger Vorfälle, bei denen wütende Kunden auf Mitarbeiter losgingen und diese schwer verletzten - in einigen Fällen wie jetzt im Finanzamt von Rendsburg in Schleswig-Holstein wurden Angestellte sogar getötet.

In diesem Fall war ein Selbstständiger so verzweifelt...

... dass er zur Attacke überging. Ein Steuerberater (55) erschießt im September 2014 im Finanzamt Rendsburg (Schleswig-Holstein) einen Beamten (57). Der Täter hatte die Behörde für seine finanzielle Misere verantwortlich gemacht.

Ein Rentner...

... erschießt im April 2013 den Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont (Niedersachsen). Tatort ist dessen Büro im Hamelner Kreishaus. Anschließend tötet sich der 74 Jahre alte Täter selbst. Er soll jahrelang Ärger mit der Justiz gehabt haben.

Mit einem Fleischermesser bewaffnet...

... stürmt ein 52 Jahre alter Mann im September 2012 in das Jobcenter im niederrheinischen Neuss und ersticht eine Mitarbeiterin. Der Vater von fünf Kindern hatte der Behörde illegalen Handel mit seinen persönlichen Daten unterstellt.

Die Randale in einem Jobcenter...

... in Frankfurt am Main im Mai 2011 war der Ausgangspunkt eines weiteren tödlichen Vorfalls: Eine 39-Jährige randalierte und verletzte einen Polizisten mit dem Messer. Dessen Kollegin schießt und trifft die Frau tödlich.

Mit 25 Stichen...

... in den Kopf tötet ein 46 Jahre alter Langzeitarbeitsloser im Februar 2001 den Direktor des Arbeitsamtes in Verden in Niedersachsen. Die Behörde hatte dem Täter zuvor die Unterstützung gestrichen.

Aus Rache und Hass...

...auf die Justiz erschießt ein 69-Jähriger im Mai 1998 einen 52 Jahre alten Amtsrichter in Essen. Er feuert viermal auf den Richter in dessen Dienstzimmer. Dann tötet er sich selbst.

Der 55-Jährige lag seit Jahren mit der Finanzbehörde im Streit. Er fühlte sich schikaniert und glaubte, das Finanzamt vergraule seine Kunden. Den Beamten galt er dagegen als Querulant. Seine Anträge mussten über den Schreibtisch des Opfers. Vor der Tat hatte eine Mandantin dem Steuerberater gekündigt. Auch ihr Vater drohte abzuspringen.

Laut Staatsanwalt gab der Angeklagte dafür dem Finanzamt die Schuld und beschloss, den Finanzbeamten zu töten. Er habe das Opfer „quasi in die Falle gelockt“, als er sich in dessen Büro bitten ließ. Kurz darauf fielen die Schüsse, einer davon in den Rücken des Opfers.

Laut psychiatrischen Gutachten ist der Angeklagte voll schuldfähig. Er sei weder psychisch krank noch habe ihm zur Tatzeit die Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit gefehlt. Die Persönlichkeit des hoch intelligenten Angeklagten sei geprägt von viel Selbstmitleid und einem „Mangel an Empathie“. Obwohl der Mann die Tat mit Worten bedauere, sei „sein Schuldempfinden schwer spürbar“.

Wut aufs Finanzamt: Brief des Rendsburger Todesschützen gefunden

Wut aufs Finanzamt

Brief des Rendsburger Todesschützen gefunden

Ein Steuerberater erschießt in Rendsburg einen Finanzbeamten. Die Ermittler gehen von Mord aus. In einem jetzt gefundenen Brief macht der Mann die Behörde für seine finanziellen Nöte verantwortlich.

Menschen, die den Steuerberater seit vielen Jahren kennen, beschreiben ihn als notorischen Querulanten: Der Mann soll immer wieder Leserbriefe geschrieben haben und im Finanzamt mit Beschwerden vorstellig geworden sein.

Nach Ansicht des Experten will sich der Angeklagte nicht an die Tat erinnern. „Er sagt an dieser Stelle nicht die Wahrheit - das ist meine Einschätzung als Gutachter.“ Vor Gericht hatte sich der 55-Jährige auf einen Blackout berufen.


Von

dpa

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