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21.03.2012

06:18 Uhr

Mutmaßlicher Attentäter

Verirrter Krimineller oder eiskalter Terrorist?

VonThomas Hanke

Mohammed Merah war seit Jahren kriminell, galt aber als harmlos. Nach dem mutmaßlichen Mord an sieben Menschen zeichnet sich das Bild eines gut ausgebildeten Terrorhelfers ab - der viele Fragen aufwirft.

Der TV-Sender France 2 veröffentlichte ein Video von Mohamed Merah. Screenshot France 2

Der TV-Sender France 2 veröffentlichte ein Video von Mohamed Merah.

ParisSchon am Nachmittag haben die französischen Medien und Sicherheitsexperten begonnen, die Frage nach Ermittlungspannen zu stellen. Tatsächlich zählte Mohammed Merah zu der sehr überschaubaren Zahl von Djihadisten, von denen bekannt ist, dass sie in Trainingslagern der Terroristen an der afghanisch-pakistanischen Grenze waren. Merah, das wusste die Polizei, hielt sich zwischen 2010 und 2011 sogar zweimal mehrere Monate lang dort auf. Außerdem war von seinem älteren Bruder bekannt, dass er ein Anhänger der Salafisten, der fundamentalistischen Sunniten ist.

Merah passte also perfekt in das Schema des "Schläfers", des gut ausgebildeten Terrorhelfers, der sich in einem westlichen Land aufhält und jederzeit für einen Anschlag aktiviert werden kann. Die Ermittlungsbehörden gaben am Mittwochnachmittag sogar an, er sei überwacht worden. Doch sie dementierten sich selber mit der Aussage, dass sie nicht wussten, wo er sich aufhielt: Nachdem man durch die IP-Adresse des Computers seiner Mutter eine Verbindung zwischen ihm und dem ersten Mordfall gefunden habe, sei man auf das Problem gestoßen, dass sein Aufenthaltsort unbekannt war.

Der französische Sicherheitsexperte Heisbourg machte den Behörden seines Landes ernste Vorwürfe: In Frankreich gebe es allenfalls 20 bis 25 extrem gefährliche Djihadisten mit dem Profil von Merah. Es sei absolut unerklärlich, wieso er nicht ständig überwacht wurde und sein Aufenthaltsort unbekannt war. Die zweite große Frage ist, ob Merah tatsächlich alleine handelte, wie die Polizei behauptet. Der Staatsanwalt erläuterte, es handele sich um den "seltenen Fall eines atypischen, selbstradikalisierten Salafisten".

Er habe auf eigene Faust agiert, sei auch nicht über die bekannten Schleuserorganisationen, sondern völlig selbstständig in das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet gereist. Dem stehen Informationen entgegen, wonach sein Bruder ihn an djihadistische Netzwerke herangeführt habe. Auf diese Weise sei aus dem gewöhnlichen Kleinkriminellen, der wegen Diebstahls- und Körperverletzungsdelikten mehrfach verurteilt wurde, ein Anhänger des "Heiligen Krieges" geworden.

Toulouse Tagesprotokoll (Mittwoch)

03.05 Uhr, Toulouse

Elitepolizisten versuchen vergeblich, die Wohnung des mutmaßlichen Täters zu stürmen. Der schwer bewaffnete 24-Jährige verschanzt sich in dem Mehrfamilienhaus. Bei Schusswechseln werden zwei Polizisten verletzt. Der Einsatzort ist weiträumig abgesperrt.

09:00 Uhr, Jerusalem

Auf dem Har-Hemenuchot-Friedhof beginnt die Bestattungszeremonie für die vier Opfer des Anschlags auf die jüdische Schule. Der israelische Innenminister Eli Jischai und Parlamentspräsident Reuven Rivlin halten kurze Ansprachen. Unter den Gästen ist auch der französische Außenminister Alain Juppé.

gegen 09:00 Uhr, Toulouse

Der mutmaßliche Serienmörder will sich nach Angaben des Innenministers Claude Guéant am Nachmittag der Polizei ergeben. Der Mann habe einem Polizisten seine Absichten erklärt, nachdem er eine Waffe aus dem Fenster geworfen habe.

11.00 Uhr, Paris

Präsident Nicolas Sarkozy trifft sich mit Vertretern der jüdischen und muslimischen Glaubensgemeinschaften.

11.30 Uhr

Paris: Sarkozy warnt in einer Fernseh-Ansprache vor Rachegedanken und einer Verquickung von Religion und Terrorismus.

Toulouse: Der mutmaßliche Attentäter hat nach Angaben des Innenministers die Kommunikation mit der Polizei eingestellt. Mehrere Familienmitglieder des Mannes wurden festgenommen.

Nachmittag, Toulouse

Medienberichte machen die Runde, Elitepolizisten hätten den Tatverdächtigen überwältigt. Doch die Nachricht ist falsch. Stundenlang gehen die Verhandlungen mit dem Islamisten weiter. Sarkozy verzichtet auf eine Pressekonferenz.

15:00 Uhr, Montauban

Auf einem Militärstützpunkt beginnt die Trauerfeier für die drei ermordeten Soldaten. Neben Sarkozy nimmt auch sein Herausforderer bei der Präsidentenwahl, François Hollande, teil.

16:40 Uhr, Toulouse

Staatsanwalt François Molins berichtet, der mutmaßliche Serientäter habe an diesem Mittwoch einen Anschlag gegen einen weiteren Soldaten geplant. Zudem habe er zwei Polizisten erschießen wollen. Im Gespräch mit Polizisten bedauerte er, nicht noch mehr Menschen getötet zu haben.

21:00 Uhr, Toulouse

In dem Stadtviertel von Toulouse, in dem sich der mutmaßliche Serientäter in seiner Wohnung aufhält, wird die Straßenbeleuchtung gelöscht.

Auch die Umstände der letzten Wochen werfen die Frage auf, ob Merah wirklich ein Einzeltäter war. Er lebte von Sozialhilfe, verfügte aber dennoch über ausreichende finanzielle Mittel, um mehrere Wochen lang zwei Leihwagen zu mieten, ein ganzes Arsenal von Kriegswaffen samt Munition anzuschaffen und mehrere Wohnungen zu unterhalten. Es liegt auf der Hand, dass ihm von irgendeiner Seite zumindest finanzielle Unterstützung gewährt wurde - wenn nicht mehr.

Kommentare (7)

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muai

22.03.2012, 06:50 Uhr

"Mohammed Merah war seit Jahren kriminell, galt aber als harmlos." - WIE kann ein Krimineller HARMLOS sein???

Account gelöscht!

22.03.2012, 07:47 Uhr

Aruba,

ich bin entzückt, zum ersten Mal etwas von Ihnen zu lesen, was vollkommen ohne den Hinweis darauf, daß Sie Frankreich hassen, auskommt und stimme Ihnen ausnahmsweise einmal zu: Durhgeknallte gibt's in jeder Religion, die brauchen keine Organisation, die wollen einfach ins Fernsehen.

Und dann: Suicide by Police.

Nur daß ihm die Gendarmerie offensichtlich den Gefallen nicht tun will, wie's aussieht.

Ach, das ist schön, Ihnen mal zugestimmt zu haben ;-)

Account gelöscht!

22.03.2012, 08:01 Uhr

Ja, es gab das WTC, das Pentagon und dann noch diesen abgestuerzten Flieger ohne Zielerreichung.

Ich frage mich immer wieder, wieviele Menschen wurden hier durch die USA in einer Art Sippenhaft deshalb und ohne jede Beteiligung und ohne jedes Rechtsverfahren...ermordet?

Die Weltpresse schweigt. Man regt sich beispielsweise sehr ueber Hinrichtungen von Verurteilten in China auf. China ist halt ein Wirtschaftsproblem - fuer die USA. Der Rest dieser Geschichte - nicht zu begreifen.

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