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25.07.2014

16:40 Uhr

Nach den Abstürzen

Luftfahrt-Experten diskutieren über Flugrouten

Jahrelang ging die Zahl der Unfalltoten in der zivilen Luftfahrt zurück. Nun stürzten binnen weniger Tage drei Flugzeuge ab. Warum Fliegen so sicher wie selten zuvor ist. Und worüber Flug-Experten nun debattieren.

Französische Soldaten eingetroffen

Erste Bilder der Absturzstelle von Flug AH 5017

Französische Soldaten eingetroffen: Erste Bilder der Absturzstelle von Flug AH 5017

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DüsseldorfAfrika, Asien, Europa: Drei Flugzeugabstürze binnen weniger Tage verhageln den Trend der sinkenden Opferzahlen in der zivilen Luftfahrt. Insgesamt starben dabei mehr als 460 Menschen - das sind schon fast doppelt so viele Opfer wie weltweit im ganzen Vorjahr. Denn 2013 zählte das deutsche JACDEC-Büro 251 Tote bei Unfällen in der kommerziellen Luftfahrt. Damit geht der Juli als einer der tödlichsten Monate der jüngeren Luftfahrtgeschichte zu Ende - und er unterbricht den jahrelangen Trend rückläufiger Opferzahlen.

Die Ursachen in den drei Fällen waren unterschiedlich: In der Ostukraine war es nach bisherigen Erkenntnissen ein Abschuss, in Taiwan bei Flug GE222 eine missglückte Landung und beim Absturz von Flug AH5017 der Air Algérie möglicherweise schlechtes Wetter, so der bisherige Kenntnisstand.

Mitten im Taifun

48 Tote bei Flugzeugabsturz in Taiwan

Mitten im Taifun: 48 Tote bei Flugzeugabsturz in Taiwan

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Nimmt man den weiter ungeklärten malaysischen Unglücksflug MH370 auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking sowie einen weiteren Unfall in Pakistan hinzu, so ist das laufende Jahr mit mehr als 700 Opfern schon jetzt eines der schlimmsten seit langem. Zur touristischen Hochsaison wirft diese spektakuläre Unglückskette die Frage auf: Ist Fliegen noch sicher?

„Ja“, lautet die Antwort von Experten wie Cord Schellenberg: „Ich persönlich fliege mit einem guten Gefühl und bin ganz beruhigt, denn über die Jahrzehnte ist der Luftverkehr nicht nur immer sicherer geworden, sondern es zeigt sich auch, dass das Gefährlichste an der ganzen Reise die Anfahrt zum Flughafen ist“, sagte er im dpa-Interview. Die Statistik gibt ihm Recht: Die Wahrscheinlichkeit, mit einem Flugzeug abzustürzen, ist gering.

Flugzeugabsturz über der Ukraine

Absturz mit 298 Toten

Beim Absturz der Boeing 777 kamen wohl alle 298 Menschen an Bord ums Leben. Ein Überblick darüber, was bisher über die Katastrophe bekannt ist.

Das Flugzeug

Es handelt sich eine Boeing 777-200ER der Malaysia Airlines, die sich mit 283 Passagieren und einer 15-köpfigen Crew an Bord auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur befand. Die Maschine verließ Amsterdam am Donnerstag um 12.15 Uhr Ortszeit, ankommen sollte sie am Freitag um 6.10 Uhr morgens (wiederum Ortszeit).

Die Route

Die Ostukraine ist Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen prorussischen Rebellen und ukrainischen Sicherheitskräften. Die Separatisten haben im Zuge des Konflikts ukrainische Militärflugzeuge über der Region abgeschossen. Die Route, auf der die Boeing flog, war aber anscheinend keinen Beschränkungen unterworfen, wie die International Air Transport Association, eine Vereinigung der Luftfahrt-Industrie, sagt. Eurocontroll, eine auf Flugsicherheit spezialisierte europäische Organisation, teilt mit, dass die Maschine anscheinend in einer Höhe von 10.000 Metern flog, die genehmigt war. Dagegen hätten ukrainische Stellen den Luftraum für Flüge in geringerer Höhe gesperrt.

Der Absturz

Ukrainische Behörden teilten Malaysia Airlines nach deren eigenen Angaben mit, dass sie den Kontakt mit dem Flugzeug verloren hätten, als es sich etwa 50 Kilometer von der ukrainisch-russischen Grenze entfernt befand. Laut dem Service FlightAware.com, der den Weg von Flugzeugen verfolgt, war die letzte bekannte Position von Flug MH17 in 10.000 Meter Höhe knapp westlich der ukrainischen Grenze zu Russland. Ukrainische Stellen meldeten den Absturz, und ein Journalist der Nachrichtenagentur AP entdeckte die Stelle in der Nähe eines Dorfes, das 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt liegt und von prorussischen Kämpfern kontrolliert wird. Nach den Schilderungen des Reporters brach das Flugzeug anscheinend vor dem Aufprall auf der Erde auseinander. Brennende Wrackteile und Gegenstände, die den Passagieren gehörten, waren über ein großes Gebiet verstreut.

Die Ursache

Ein Berater des ukrainischen Innenministeriums sagte, das Flugzeug sei von einer Rakete abgeschossen worden, aber er legte keine Beweise dafür vor. Umgekehrt erklärte ein prorussischer Separatistenführer, er sei sich sicher, dass ukrainische Truppen den Airliner zum Absturz gebracht hätten. Aber auch er belegte seine Behauptung nicht. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko wies Anschuldigungen zurück, dass das Militär des Landes die Tragödie verursacht habe.

Auch die US-Geheimdienste gehen inzwischen einem Regierungsvertreter zufolge davon aus, dass die Maschine mit einer Boden-Luft-Rakete vom Himmel geholt wurde. Wer sie abschoss, sei aber noch unklar.

Unabhängige westliche Verteidigungsexperten sagten AP, dass sowohl die ukrainischen als auch die russischen Streitkräfte über die Kapazitäten verfügten, SA-17-Raketen zu starten. Diese Raketen können eine Höhe von 20.000 Metern erreichen. Es ist möglich, dass ein paar dieser Waffensysteme beim Rückzug ukrainischer Truppen in die Hände prorussischer Rebellen fielen. AP-Journalisten sahen einen Raketenwerfer ähnlich dem SA-17-System am Donnerstag nahe der ostukrainischen Stadt Snischne, die von Aufständischen kontrolliert wird.

Die Passagiere

Mindestens 154 Menschen an Bord waren Niederländer, wie Huib Gorter, Vizepräsident von Malaysia Airlines in Europa, sagt. Zu den Insassen zählten demnach ferner 27 Australier, 23 Malaysier (darunter alle 15 Crewmitglieder) und 11 Indonesier. Darüber hinaus wurden bis Donnerstagnacht sechs britische, vier deutsche, vier belgische und drei philippinische Passagiere sowie ein Kanadier identifiziert. Unter den Toten waren jüngsten Angaben zufolge drei Kleinkinder, die nicht in die Passagierliste aufgenommen worden waren. Die Nationalität von 41 weiteren Insassen war zunächst noch ungeklärt.

Immerhin gut drei Milliarden Menschen nutzen nach Angaben des internationalen Airline-Verbands IATA pro Jahr ein Flugzeug. Täglich sind es mehr als acht Millionen Menschen. Etwa 100 Jahre nach dem Start der ersten Linienmaschine gilt Fliegen als sicher wie selten zuvor. Die Branche versucht, jeden noch so kleinen Zwischenfall aufzuklären und ihn so künftig zu vermeiden.

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