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20.08.2013

13:43 Uhr

Nach Geiselnahme in Ingolstadt

Debatte um schärfere Stalking-Gesetze entbrannt

Nach dem Geiseldrama in Ingolstadt fordert Justizministerin Merk eine härtere Bestrafung von Stalking. Die Polizei-Gewerkschaft hingegen hält die Geiselnahme für einen Einzelfall.

Großeinsatz am Rathaus in Ingolstadt. Nach der Geiselnahme wird über schärfere Stalking-Gesetze diskutiert. dpa

Großeinsatz am Rathaus in Ingolstadt. Nach der Geiselnahme wird über schärfere Stalking-Gesetze diskutiert.

München/IngolstadtNach der Geiselnahme in Ingolstadt ist eine Debatte um schärfere Stalking-Gesetze entbrannt. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte, es sei zwar richtig, bei dem Thema über schärfere Strafen nachzudenken. Entscheidend sei aber, dass die Gerichte zu einer richtigen Einschätzung des Täters kämen: „Wenn die Gefahr eines solchen Täters nicht richtig erkannt wird, dann nützt der entsprechende höhere Strafrahmen als solches auch noch nichts“, sagte Herrmann im Bayerischen Rundfunk.

Im Ingolstädter Rathaus hatte am Montag ein Stalker drei Menschen stundenlang als Geiseln festgehalten. Am Abend beendete ein Spezialeinsatzkommando der Polizei die Tat. Die Geiseln konnten unverletzt befreit werden. Der Mann wurde angeschossen und wird derzeit im Krankenhaus behandelt.

Der vorbestrafte 24-Jährige hat laut Polizei schon längere Zeit massive psychische Probleme. Seit mehreren Monaten stellte er einer Rathausmitarbeiterin nach, die dann auch unter den Geiseln war. Der Täter sollte am Dienstag dem Haftrichter vorgeführt werden. Das werde voraussichtlich am Nachmittag geschehen, sagte ein Polizeisprecher.

Spektakuläre Geiselnahmen in Deutschland

April 2013

Nach zehnstündigem Nervenkrieg beendet die Polizei eine Geiselnahme in einer Kölner Kindertagesstätte. Ein Mann war in die Kita eingedrungen und hatte den Leiter der Einrichtung als Geisel genommen. 17 Kinder und ihre Gruppenleiterinnen konnten flüchten. Die Ermittler vermuten Geldsorgen als mögliches Tatmotiv.

März 2013

Nach zwölf Stunden geht eine Geiselnahme im thüringischen Gefängnis Suhl-Goldlauter unblutig zu Ende. Der Häftling wird von einem Spezialeinsatzkommando überwältigt. Eine Justizbeamtin, die der Gefangene am Vortag als Geisel genommen hatte, bleibt unverletzt.

Juli 2012

Bei der Zwangsräumung einer Wohnung in Karlsruhe kommt es zu einem Geiseldrama mit fünf Toten. Der Täter erschießt seine Lebensgefährtin, den Gerichtsvollzieher und zwei weitere Männer. Dann tötet er sich selbst. Als ein Spezialeinsatzkommando die Wohnung stürmt, sind die Opfer bereits tot.

Juni 2010

Eine Filiale der Modekette H&M in Leipzig wird überfallen. Ein Mann nimmt elf Kunden und Angestellte als Geiseln. Nach einigen Stunden gibt er auf. Später stellt sich heraus, dass der kranke Mann mit seiner Tat einen vermeintlichen Ärztepfusch anprangern wollte.

Januar 2007

Zwei 17-Jährige töten bei einem Überfall im Ort Tessin (Mecklenburg-Vorpommern) ein Ehepaar und nehmen ein 15-jähriges Mädchen als Geisel. Nach einer missglückten Flucht kann die Polizei sie zur Aufgabe überreden.

Oktober 2006

Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei beendet in Königstein im Taunus eine Geiselnahme. Die Polizisten schießen einem psychisch kranken Mann in die Schulter, der eine Nachbarin in seine Gewalt gebracht hatte.

September 2004

Ein mehrstündiges Geiseldrama nimmt in Neuss bei Düsseldorf ein blutiges Ende. Mit einem Kopfschuss tötet ein Polizist den Täter, der seine Lebensgefährtin in seine Gewalt gebracht hatte.

Die Vorsitzende der Deutschen Stalking-Opferhilfe, Erika Schindecker, kritisierte in der „Süddeutschen Zeitung“ (Dienstag), der Stalking-Paragraf greife nicht richtig. „Die Hürden sind zu hoch. Erst muss etwas ganz Schlimmes passieren, bis ermittelt wird.“ Schärfere Gesetze könnten manchen Stalker davon abhalten, massiv gegen das Opfer vorzugehen, sagte Schindecker.

Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) forderte härtere Strafen. Der „Augsburger Allgemeinen“ (Dienstag) sagte Merk, das jetzige Gesetz berücksichtige nicht, wie stark ein Opfer durch das Stalking seelisch belastet werde. „Es muss reichen, dass die Attacken eines Stalkers geeignet sind, die Lebensführung des Opfers schwerwiegend zu beeinträchtigen.“

In Deutschland gibt es nach Angaben Schindeckers jährlich schätzungsweise zwischen 600 000 und 800 000 Fälle von Nachstellungen. Die polizeiliche Kriminalstatistik erfasste 2012 rund 24 600 Stalking-Fälle.

Polizei-Gewerkschafter und der Bayerische Städtetag sprachen sich gegen verschärfte Sicherheitsmaßnahmen in Rathäusern aus. Die Geiselnahme in Ingolstadt sei ein Einzelfall gewesen.

Von

dpa

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