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05.03.2013

16:41 Uhr

Nach Säureanschlag

Polizei ermittelt gegen Bolschoi-Startänzer

Wende im Drama am Bolschoi-Ballett: Nach dem Säureanschlag auf den Chef der weltgrößten Tanztruppe ermittelt die Polizei gegen Startänzer des Theaters. Hintergrund des Anschlags ist offenbar der Kampf um Traumrollen.

Ballettmeister Sergei Filin verlässt das Krankenhaus. Ein erster Verdächtiger des Säure-Angriffs ist festgenommen worden. ap

Ballettmeister Sergei Filin verlässt das Krankenhaus. Ein erster Verdächtiger des Säure-Angriffs ist festgenommen worden.

MoskauDer in Aachen in der Augenklinik behandelte Chef des weltberühmten Moskauer Bolschoi-Balletts kann die spannende Wende nach dem Säureanschlag auf ihn nur aus der Ferne verfolgen. Moskaus Polizei meldet nach dem Attentat auf den 42-jährigen Sergej Filin eine erste Festnahme. Die Haupttäter werden aber noch gesucht.

Ein 32-Jähriger sei gefasst worden. Der Mann soll den zur Fahndung ausgeschriebenen Hauptverdächtigen am 17. Januar zum Tatort gefahren haben. Filin erlitt durch die Schwefelsäure schwere Verätzungen im Gesicht und in den Augen. Zwar schweigen die Ermittler zu den Details. Russlands Hauptstadtpresse macht sich aber ihren eigenen Reim auf das Drama in der größten Balletttruppe der Welt.

Unter Berufung auf Kontakte in das Bolschoi Theater und zur Polizei berichten etwa die Zeitungen „MK“ und „Iswestija“, dass die Spur in die Reihen der mehr als 200 Tänzer führe. Die Augen richten sich nun auch auf den Solisten Pawel Dmitritschenko, dessen Wohnung am Dienstag durchsucht worden sei. Er soll im Clinch mit Filin liegen. Der Hauptgrund dafür: Der Ballettchef soll Dmitritschenkos Ehefrau Angelina Woronzowa Traumrollen verwehrt haben.

Von Anfang an waren sich in diesem Krimi der Tanzwelt fast alle einig, dass das Motiv für den Anschlag in Filins beruflichem Umfeld zu suchen ist. Das Drama hat in den vergangenen sieben Wochen immer neue Abgründe aufgetan am größten Staatstheater Russlands.

Die Rede war von rabiaten Konkurrenzkämpfen zwischen Tänzern, die Schlange stehen um Partien in Klassikern wie „Dornröschen“, „Schwanensee“ und „Nussknacker“. Schließlich werden die Aufführungen aus dem im Zarenglanz wieder eröffneten Musentempel bisweilen in Kinos in aller Welt übertragen. Über Ruhm und die Sonderhonorare für Solisten entscheidet am Bolschoi vor allem auch Ballettchef Filin.

Es war der Startänzer und Ballettpädagoge Nikolai Ziskaridse, der Filin und Theater-Generaldirektor Anatoli Iksanow vorgeworfen hatte, mit ihren Machtspielen Zwietracht in der Truppe zu säen. Der in Rollen oft als Bösewicht besetzte Ziskaridse wehrte sich gegen Vorwürfe der Theaterleitung, dass er etwas zu tun haben könnte mit dem Anschlag auf Filin.

Ziskaridse ist Trainer der Solistin Woronzowa, die nun in dem Drama auch im Mittelpunkt steht. Sie soll sich mit dem Wunsch, den „Schwan“ in Russlands wichtigstem Ballett zu tanzen, an Filin gewandt haben. Bolschoi-Sprecherin Katerina Nowikowa erklärte unlängst, dass Filin der Ballerina empfohlen habe, sich eine weibliche Pädagogin zu suchen, um der Rolle gerecht zu werden.

Dem Vernehmen nach empfand Ziskaridse das jedoch als Affront gegen sich selbst und seine Arbeit. Nicht zuletzt sieht sich Filin auch noch Vorwürfen ausgesetzt, er habe Woronzowa geschnitten, weil er selbst noch eine Rechnung aus früheren Tagen mit ihr offen hatte.

Demnach gab die Tänzerin wohl Filin einst einen Korb, als der noch eine andere Balletttruppe leitete und sie unbedingt engagieren wollte. Woronzowa ging lieber an das Bolschoi. Die Diskussion dreht sich jetzt auch darum, ob der dann auch ans Bolschoi berufene Filin Woronzowa dies jetzt heimzahlt. Die Polizei hält sich bedeckt, spricht von vielen Anhaltspunkten - und noch mehr offenen Fragen.

Von

dpa

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