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16.12.2013

13:43 Uhr

Nahrungsmittel-Skandal

Erneut Ärger mit Pferdefleisch

Frankreich hat seinen nächsten Lebensmittelskandal – und wieder geht es um Pferdefleisch. Tiere aus der Pharma-Produktion sollen auf den Tellern gelandet sein. Die Behörden kennen in diesem Zusammenhang kein Pardon mehr.

In Frankreich ist Pferdefleisch sehr beliebt – umso härter trifft die Bürger und die Branche nun der zweite Skandal um das Produkt innerhalb eines Jahres. dpa

In Frankreich ist Pferdefleisch sehr beliebt – umso härter trifft die Bürger und die Branche nun der zweite Skandal um das Produkt innerhalb eines Jahres.

Narbonne/ Paris/ MarseilleBei einer großangelegten Razzia gegen mutmaßlichen illegalen Handel mit Pferdefleisch hat die französische Polizei 21 Verdächtige festgenommen. Rund hundert Polizisten waren am Montag in Südfrankreich im Einsatz, um Schlachthöfe und die Büros von Fleischhändlern zu durchsuchen, wie aus Ermittlerkreisen verlautete. Hunderte Pferde aus Laboren der Pharmaindustrie oder aus Reitställen sollen mithilfe gefälschter tierärztlicher Dokumente in den Fleischhandel gekommen sein. Einige der Tiere sollen dem Pharmagiganten Sanofi abgekauft worden sein.

Ein Sprecher des Pharmaunternehmens Sanofi sagte, die Pferde würden genutzt, um Antikörper für die Serumherstellung zu gewinnen. Diese würden für eine ganze Reihe von Medikamenten eingesetzt, vom Mittel gegen Tollwut bis hin zu Gegengiften bei Schlangenbissen. „Die Pferde sind eine Fabrik für Antikörper“, sagte er. Die Tiere aus der Serumproduktion seien gesund, ihr Fleisch sei aber nicht für die menschliche Ernährung zugelassen.
Sanofi arbeite mit den Ermittlungsbehörden zusammen, sagte der Sprecher. Es sei nicht bekannt, wie lange der Betrug mit dem Pferdefleisch schon gehe. Es könne sein, dass das Fleisch Hunderter solcher Pferde in den Handel gelangt ist. Allein in den vergangenen drei Jahren seien bei Sanofi rund 200 Pferde ausgemustert worden.
„Es gab das Pferd aus Privatbesitz in einem Reitstall, das (...) im Schlachthof endete, obwohl es mit Medikamenten behandelt worden und damit nicht mehr für den Konsum geeignet war“, sagte ein Ermittler der verantwortlichen Untersuchungsbehörde aus Marseille. „Und es gab Pferde aus Laboren, denen entweder Blut für die Produktion von Impfstoffen entnommen wurde oder die Versuchstiere waren.“ Für den Verbraucher gebe es nicht automatisch ein Risiko. „Aber auf jeden Fall hätten die Tiere nie auf dem Teller landen dürfen.“ Der französische Verbraucherminister Benoît Hamon äußerte sich ähnlich und sagte, es gehe bei den Ermittlungen stärker um Lebensmittelsicherheit als um einfachen Betrug. Diese Pferdekadaver hätten vernichtet werden sollen, doch stattdessen seien sie beim Metzger gelandet, sagte er.

Antworten zum Pferdefleisch-Skandal

Wie kam der Skandal ans Licht?

Mitte Januar entdeckten irische Lebensmittelinspekteure bei Routinekontrollen zunächst Spuren von Pferdefleisch in Rindfleisch-Hamburgern. Es ging um Fertigprodukte der britischen Supermarktketten Tesco, Iceland, Aldi (UK) und Lidl (UK). Anfang Februar wurde in einer Fertigungsanlage und in einem Fleischlager in Irland weiteres Rindfleisch mit Pferdefleischspuren entdeckt. Daraufhin ordnete die britische Lebensmittelaufsicht umfangreiche Untersuchungen an. In der Folge wurden mit Pferdefleisch versetzte Rindfleischprodukte auch in Frankreich und Schweden entdeckt. Mittlerweile wurden auch in Deutschland in vielen Fällen falsch deklariertes Pferdefleisch gefunden.

Um welche Produkte geht es?

Es geht um Tiefkühl-Fertigkost aus Hackfleisch, die größtenteils bei Discountern verkauft wird, darunter Rindfleisch-Lasagne, Spaghetti Bolognese und fertige Hamburger-Frikadellen. In den Produkten wurden teilweise zwischen 30 und 100 Prozent Pferdefleisch gefunden.

Wie kam Pferdefleisch in den Produktionskreislauf?

Laut britischen Medienberichten handelt es sich um eine kriminelle „Pferdemafia“ in Rumänien. Das Fleisch wird demnach vor Ort verarbeitet und an französische Fleischverarbeitungsfirmen exportiert, die es nach Firmenangaben ohne Wissen darüber, dass es sich eigentlich um etwas Anderes handelt, als Rindfleisch verarbeitet haben. Mittlerweile zeigt sich jedoch, dass in den Pferdefleisch-Skandal europaweit mehr Unternehmen verwickelt sind, als bislang vermutet. Darunter auch deutsche Hersteller.

Welche Firmen sind in welchen Ländern involviert?

In einem Fall geht es um den Tiefkühlhersteller Findus in Großbritannien (der nichts (mehr) mit Nestlé zu tun hat, auch wenn der Konzern eine gleichnamige Tochterfirma in der Schweiz hat). Er vertreibt Fertigkost der französischen Firma Comigel, die wiederum einen Teil ihres zu verarbeitenden Fleischs aus Rumänien bezieht und damit bei der luxemburgischen Firma Tavola produzieren lässt. Zwischen November 2012 und Ende Januar 2013 kamen mindesten 359.722 Packungen Lasagne und Cannelloni aus dem verdächtigen Betrieb in Luxemburg nach Deutschland. Comigel gibt an, das Fleisch vom französischen Lieferanten Spanghero bezogen zu haben. Dieser weist wiederum auf einen rumänischen Zulieferer hin. Eine weitere Spur führt laut französischen Regierungsangaben vom französischen Hersteller Poujol zu einem Händler nach Zypern.

Sind die Produkte gefährlich?

Die Behörden sehen keine unmittelbare gesundheitliche Gefahr durch den Verzehr von Pferdefleisch. Das Fleisch kann jedoch unter Umständen Spuren von Medikamenten enthalten. Es wird auf Rückstände des Schmerzmittels Phenylbutazon getestet. Erste Test-Resultate bestätigen den Verdacht. In französischen Tiefkühlprodukten sind Reste von Phenylbutazon enthalten. Es wird bei Pferden häufig therapeutisch angewendet, teilweise auch als Doping-Mittel im Pferdesport. In der Medizin ist es ein Medikament gegen Rheuma.

Wieso wurden Pferdefleischspuren nicht schon vorher entdeckt?

In Großbritannien wurde Rindfleisch nach Angaben der Lebensmittelaufsichtsbehörde FSA in den vergangenen zehn Jahren nicht routinemäßig auf Pferdefleischspuren getestet. Eigentlich sollen solche Fälle durch das Passsystem verhindert werden. Seit 2009 braucht jedes Pferd in der Europäischen Union einen sogenannten Equidenpass, der unter anderem über Herkunft und Impfung des Tieres Auskunft geben soll. In Deutschland werden die Pässe auch durch Pferdezüchter- oder Reitsportverbände vergeben, was das System manipulationsfähig macht.

Wie haben die Firmen reagiert?

Die Firmen haben die fraglichen Produkte sofort aus dem Handel genommen. In Deutschland waren bereits Aldi Nord, Aldi Süd, Eismann, Edeka, Kaiser´s, Kosnum Leipzig, Lidl, Metro, Real, Rewe und Tengelmann betroffen.

Wie reagieren die Behörden?

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) will Konsequenzen aus dem Skandal mit falsch deklariertem Pferdefleisch in Fertigprodukten ziehen. Bei einem Treffen der Verbraucherminister von Bund und Ländern hat sie einen Entwurf für einen Nationalen Aktionsplan vorgelegt. EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg spricht indes von einer dauerhaften Einführung von DNA-Tests für Fleisch auf EU-Ebene.

Wie viel Pferdefleisch ist als Rindfleisch verzehrt worden?

Die Behörden in Frankreich und anderen EU-Staaten wissen bisher nicht, seit wann und in welchem Umfang Pferdefleisch als Rindfleisch verkauft wurde. „Das kann man nur sehr schwer feststellen“, sagte der Leiter der luxemburgischen Veterinärinspektion, Felix Wildschütz, der Nachrichtenagentur dpa. Vor allem in Frankreich suchten die Behörden ältere Lagerbestände von Tiefkühlkost, um Proben zu entnehmen und auch die möglicherweise verwendeten Mengen von Pferdefleisch abschätzen zu können.

Wie ist Deutschland betroffen?

In Deutschland sind seit Mitte Februar Fälle bekannt, in denen Händler mit Produkten beliefert wurden, die Pferde- statt Rindfleisch enthalten. Auch die britische Regierung gerät weiter unter Druck. Ein früherer Mitarbeiter der Lebensmittelaufsicht FSA will schon im April 2011 geholfen haben, einen Brief des größten britischen Pferdefleisch-Exporteurs High Peak Meat Exports an den damals zuständigen Minister aufzusetzen, in dem auf unzureichende Kontrollen in der Pferdefleischverarbeitung hingewiesen wurde.


Der Drahtzieher des illegalen Fleischhandels soll ein Händler aus der südfranzösischen Stadt Narbonne sein. Rundfunkberichten zufolge sollen er und eventuell auch weitere Händler die Tiere gekauft und vermutlich die Veterinärdokumente gefälscht haben. Sie seien als Schlachttiere für die Fleischgewinnung deklariert worden. Unter des Festgenommenen befinden sich neben Händlern auch Fleischproduzenten und Tierärzte.
Der Verdacht des illegalen Handels mit Pferdefleisch ist ein erneuter schwerer Schlag für die französische Branche. Die südfranzösische Firma Spanghero hatte im Zentrum des europaweiten Pferdefleisch-Skandals zu Jahresanfang gestanden. Das Unternehmen hatte fälschlicherweise als Rindfleisch deklariertes Pferdefleisch verkauft, das in Tiefkühl- und Fertiggerichten wie Burgern und Lasagne in zahlreichen europäischen Ländern wie Deutschland in den Handel kam. Die jetzigen Ermittlungen sind nach den Worten von Verbraucherschutz-Minister Benoit Hamon eine direkte Folge der Marktbeobachtung nach dem vorangegangenen Pferdefleisch-Skandal

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