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16.08.2011

15:40 Uhr

Neues Leck gefunden

Kritik an Shell wegen Ölaustritt wächst

Erst Entwarnung, dann neues Problem: An der leckgeschlagenen Ölbohrinsel Gannet Alpha vor der britischen Küste ist ein weiteres Loch entdeckt worden. Shell gerät immer mehr in Erklärungsnot - und verharmlost.

Die Bohrinsel Gannet Alpha. Quelle: dpa

Die Bohrinsel Gannet Alpha.

LondonAn einer beschädigten Plattform des Konzerns Shell in der Nordsee läuft weiterhin Öl ins Meer. Nachdem ein bereits am vergangenen Mittwoch entdecktes Leck unter Kontrolle gebracht worden sei, habe sich das Öl einen neuen Weg gesucht, teilte der britisch-niederländische Konzern am Dienstag in London mit. Shell betonte, es handle sich nicht um ein neues Leck, wie Medien berichtet hatten. Das Havariekommando in Cuxhaven rechnet nicht damit, dass der Ölteppich auf die deutsche Küste zutreibt. Umweltschützer kritisierten die Förderung von Öl in der Nordsee und die Informationspolitik von Shell.

„Die Quelle ist unter Kontrolle“, erklärte der Technische Direktor von Shell in Großbritannien, Glen Cayley, laut einer Mitteilung. Derzeit liefen weniger als fünf Barrel Öl am Tag aus. Der neue Weg des Öls sei schwer zu finden. Das neue, kleinere Loch liege an einer verdeckten Stelle mit vielen Wasserpflanzen und einer komplexen Unterwasser-Infrastruktur. Es sei von einem Hubschrauber aus der Luft entdeckt worden.

An der beschädigten Plattform waren nach Schätzungen seit vergangener Woche rund 216 Tonnen Öl in die Nordsee geflossen. Nach Angaben der britischen Behörden handelt es sich um den größten Störfall dieser Art seit mehr als einem Jahrzehnt.

Die Plattform liegt rund 180 Kilometer vor der schottischen Küste bei Aberdeen. Das ursprüngliche Leck soll an einer Verbindungsstelle zwischen der Plattform und einer Leitung gelegen haben.

Das deutsche Havariekommando forderte beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie eine Prognose der Drift und damit der möglichen Ausbreitung an. Sollte das Öl entgegen der bisherigen Annahme doch auf die deutsche Küste zutreiben, könnten mehrere Schiffe zur Bekämpfung des Teppichs eingesetzt werden.

Ölunfälle in der Nordsee

Dezember 1966

Beim Zusammenstoß des norwegischen Öltankers „Anne Mildred Brovig“ mit einem Küstenmotorschiff westlich von Helgoland fließen rund 16.800 Tonnen Öl in die Nordsee. Hunderte ölverschmutzter Vögel werden an die Strände gespült.

April 1977

Im April 1977 schießen durch das fehlerhafte Wechseln eines Ventils innerhalb von sieben Tagen rund 31.000 Tonnen Öl und Gas von der norwegischen Bohrinsel „Bravo“ in die Nordsee. Ein Ölteppich von der zweifachen Größe des Saarlands bedeckt das Wasser.

Mai 1978

Der Öltanker „Eleni V“ stößt im Nebel vor der britischen Grafschaft Norfolk mit einem französischen Frachtschiff zusammen. Rund 5000 Tonnen Schweröl laufen ins Wasser.

Juli 1988

Im Juli 1988 gibt es auf der US-Ölplattform „Piper Alpha“ der Gesellschaft Occidental das bis dahin schwerste Unglück in der Geschichte der Ölförderung. Bei einer Explosion auf der Plattform und anschließenden Bränden sterben 167 Menschen. Das Öl-Gas-Gemisch aus den Bohrlöchern brennt allerdings zu großen Teilen ab. Eine große Umweltkatastrophe für die Nordsee bleibt nur deshalb aus.

Januar 1993

Der Öltanker „Braer“, der unter liberianischer Flagge fährt, läuft in einem schweren Sturm vor den schottischen Shetland-Inseln auf Felsen auf. Bis zu 98.000 Tonnen Öl laufen aus dem Leck aus, hunderte seltener Vögel verenden im Ölschlick.

Juni 1993

Im dichten Nebel kollidiert der Tanker „British Trent“, der bleifreies Benzin geladen hat, mit einem Frachtschiff aus Panama. Der Tanker auf dem Weg von Antwerpen nach Italien fängt Feuer. Sieben Seeleute sterben. Obwohl viel Benzin verbrennt, laufen mehr als 5000 Tonnen in die Nordsee.

Der Ölteppich ist inzwischen auf eine Größe von einem halben Quadratkilometer geschrumpft, wie das Havariekommando unter Berufung auf Informationen der britischen Maritime and Coastguard Agency (MCA) berichtete. Wellen und Wind hätten das Öl zerschlagen, so dass es sich im Wasser verteilt hat. Die MCA überwache den Ölteppich aus der Luft. Auch auf dem offenen Meer könne das Öl der Umwelt schaden. Denn auch dort seien Seevögel unterwegs. Shell hatte am Sonntag noch von einer 31 Kilometer langen Ölschicht mit einer maximalen Breite von 4,3 Kilometern gesprochen.

„Es ist eindeutig, das Shell große Schwierigkeiten im Umgang mit seiner undichten Leitung hat“, kritisierte der Direktor der Umweltschutzorganisation WWF Schottland, Richard Dixon. „Das lässt einen wirklich die Fähigkeit der gesamten Industrie infrage stellen zu reagieren, wenn ein solcher Unfall auf weit größerer Ebene in den sehr viel schwierigeren Gewässern der Arktis passiert wäre.“ Er forderte eine Untersuchung, um festzustellen, wann Shell von dem Unfall gewusst habe und wann die Öffentlichkeit und die Behörden informiert worden seien.

Grünen-Chefin Claudia Roth warf der Bundesregierung und der EU Untätigkeit vor. Sie hätten den Shell-Konzern längst dazu drängen müssen, alle Fakten zur Katastrophe auf den Tisch zu legen, sagte Roth in Berlin. Stattdessen gehe man jedoch den „Vertuschungsmanövern“ eines Konzerns auf den Leim, der bereits für immense Umweltverbrechen im Nigerdelta verantwortlich sei. „Shell streicht die Profite ein, die Umwelt und betroffenen Menschen dürfen dafür bezahlen“, beklagte Roth.

216 Tonnen - die Menge des aus der Shell-Plattform geströmten Öls - sind rund 206.700 Liter. Nach dem Untergang der vom britischen Konzern BP geleasten Ölplattform „Deepwater Horizon“ im April 2010 waren 780 Millionen Liter Rohöl in den Golf von Mexiko gelaufen.

Von

dpa

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