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22.01.2007

16:11 Uhr

Nichts mehr zu retten

Zementier den Style!

VonThomas Mersch

Deutschland hat sein „Unwort des Jahres 2006“ bekommen: „Freiwillige Ausreise“. Es soll zu „mehr sprachkritischer Reflexion“ aufrufen. Als ob da noch was zu retten wäre. Vor allem Manager und Werber tun sich als Wortpanscher hervor. Wie die Wirtschaft die Sprache verhunzt.

Illustration: Frank Hoppmann/Handelsblatt

Illustration: Frank Hoppmann/Handelsblatt

KÖLN. Neulich im Griechenlandurlaub. Schon seit Stunden schlurft ein reichlich nachlässig gekleideter, älterer Herr mit weißem Haar an meiner Strandliege vorbei und nuschelt sich was in den Bart. In seiner Hand baumelt ein Korb, der Inhalt ist mit einem speckigen Tuch verdeckt. Endlich, es ist wohl seine siebte oder achte Runde, da erst verstehe ich, was er sagt. „Donuts, fresh donuts.“ Pause. „The best.“ Beim Wort „best“ röhrt die Stimme des Mannes wie ein aufgebohrtes Puch-Mofa.

Ich winke ihn zu mir. Für drei Euro bekomme ich einen fingerdick mit Zucker ummantelten Teigring. Beim ersten Bissen drängt sich der Verdacht auf, dass schon Alexander der Große seine Süßspeisen in demselben Fett ausgebacken hat wie mein Kuchenhändler. Trotzdem verspeise ich das gesamte Ding (ich hasse es, Lebensmittel wegzuwerfen). Wenige Stunden später erteilt mir mein Verdauungstrakt eine Lektion in Demut.

Man mag mich für bescheuert halten. Dabei lebe ich nur eine deutsche Tugend: Sobald mir jemand etwas auf Englisch andrehen will, greife ich zu. Ich bringe meine Frisur mit den Schwarzkopf-Produkten „got2b – attitude for hair“ in Position. (Zugegeben, das Haargel heißt ganz enttäuschend „Sprühkleber“, die Beschreibung dagegen rockt: „Für radikalste Spikes verschwenderisch sprühen ... dann mit direktem Föhnstrahl finishen und so den Style einzementieren.“) Meine Freundin schminkt sich mit dem „Extreme Stay“ von Nivea die Lippen (erhältlich in den Farben „Extreme Lychee“, „Extreme Pinkini“, „Extreme Kiss“). Mein Sohn nascht den Schokoriegel „Lion“, denn der ist „dangerously better“. Und wenn ich mir morgens den Schlaf aus den Augen wasche, dann mit dem „Wellness-Duschgel“ von Ream. Denn das hat nicht nur den OxyFresh-Komplex, sondern eine „neuartige Formulierung“ – und ich liebe es, mit meiner Seife zu sprechen.

Für die Leute, die sich diese Sprüche aus dem Hirn winden, empfinde ich tiefsten Respekt. Und kann über die Miesepeter nur lachen, die sagen, dass früher alles deutscher und damit besser war.

Wie einfach die Zeiten geworden sind. Leichtfüßig kommt das anglo-amerikanisierte Land daher. Als „Wort des Jahres“ haben wir uns gerade die „Fanmeile“ gegönnt. Grimmigdeutsches Schlachtenbummlertum hat ausgedient. Nichts ist mehr zu spüren von der Miefigkeit, die unlängst das Land beherrschte. Nivea brachte seine Pflegewaren noch mit Sprüchlein wie „Gibt der Haut zu trinken“ (50er-Jahre) unters Volk. Die Beatles radebrechten „Sie liebt dich“ (60er-Jahre), um in Deutschland ihre Platten loszuwerden. Sie waren jung und brauchten das Geld.

Doch damals sind schon subversive Elemente am Werk, wasserscheue „Freaks“, die in ungebügelten Hemden rumlaufen und bei der Bundeswehr das Tragen von Haarnetzen bewilligt bekommen, damit sich ihr üppiger Schopf nicht im Natodraht verheddert. Sie sagen „Hi“, wenn sie „guten Tag“ meinen.

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