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20.09.2014

10:02 Uhr

Oktoberfest-Auftakt

Neues Zelt, alte Probleme

Am Samstag schauen alle nach München. Das Oktoberfest eröffnet – ohne das legendäre Festzelt „Hippodrom“. Die illustre Gästeschar muss sich an eine neue Location gewöhnen. Die Probleme drum herum bleiben die Gleichen.

Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) läuft vor dem offiziellen Start über die Wiesn, dem Oktoberfestgelände in München (Bayern) - und findet zwei brasilianischen Tänzerinnen. Die Wiesn findet dieses Jahr vom 20. September bis zum 5. Oktober statt. dpa

Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) läuft vor dem offiziellen Start über die Wiesn, dem Oktoberfestgelände in München (Bayern) - und findet zwei brasilianischen Tänzerinnen. Die Wiesn findet dieses Jahr vom 20. September bis zum 5. Oktober statt.

MünchenWenn er Pech hat, blamiert er sich kräftig. Am Samstag um 12 Uhr muss Münchens neuer Oberbürgermeister das Oktoberfest eröffnen – zum ersten Mal. Und das geschieht traditionell mit dem Anstich eines großen Bierfasses. Dieter Reiter hofft, dass seine Premiere nicht allzu lang dauert, sonst könnten die Menschen ungeduldig werden. „Drei oder vier Schläge. Mehr sollten es nicht sein“, lautet die Vorgabe, die sich Sozialdemokrat Reiter selbst gibt. Und er hofft: „Ich gehe davon aus, dass meine Umgebung und ich trocken bleiben.“ Die Messlatte liegt hoch: Vorgänger Christian Ude (SPD) war 2005 der erste Münchner OB, der nur zwei Schläge brauchte.

Ein 200-Liter-Fass mit einem einzigen Schlag anzuzapfen, ist Experten zufolge nicht angeraten. Das würde das Fass zu sehr erschüttern und damit das Bier zum Schäumen bringen. Die „Wiesn“ schäumen in diesem Jahr schon genug: Die Preise sind abermals gestiegen, ebenso die Sicherheitsbedenken. Oktoberfest heißt aber nicht nur grenzenloser Bierkonsum, nicht nur regionales Volksfest. Für die Münchener Schickeria wie für die Wirtschaft sind die „Wiesn“ Kontaktbörse wie Laufsteg gleichermaßen. Entscheidendes Puzzleteil: Die Festzelte und deren Wirte.

Das Oktoberfest in Zahlen (2014)

Besucher

Rund 6 Millionen kommen alljährlich auf die Wiesn in München, der Rekord von 1985 lag bei 7,1 Millionen. Die Stadt als Veranstalter möchte gar nicht mehr Gäste anlocken - sonst wird es zu eng.

Festgelände

Das Wiesn-Gelände hat 34,5 Hektar - wenig für die riesige Besucherzahl. An die 400 000 Menschen drängen an einem starken Tag auf das Areal.

Wirtschaftsfaktor

Gut eine Milliarde Euro bringen die Besucher ein. Rund 435 Millionen Euro gaben sie etwa 2013 Umfragen und Berechnungen zufolge für Fahrgeschäfte, Bier, Hendl und Co. auf dem Fest aus. Der größere Anteil kam aber Einzelhandel, Hotellerie und Gastronomie sowie Bahn, Taxi und anderen Beförderungsmitteln zugute.

Beschäftigte

Rund 8000 fest angestellte und 5000 wechselnde Arbeitskräfte sind an den 16 Festtagen im Einsatz.

Festzelte

Das größte ist das Hofbräuzelt mit 10 000 Sitzplätzen inklusive Biergarten. Alle Zelte zusammen: rund 119 000 Plätze.

Essen & Trinken

2014 tranken die Gäste 7,7 Millionen Maß Bier. Dazu verzehrten sie rund 500 000 Brathähnchen, 112 Ochsen und 48 Kälber.

Toiletten

Rund 1500 Sitzplätze, ein Kilometer Stehplätze und 32 behindertengerechte Toiletten. Die Benutzung kostet nichts.

Trachten & Schützenzug

Mit bis zu 9000 Teilnehmern und sieben Kilometern Länge ist er am ersten Wiesn-Sonntag einer der größten der Welt.

Umwelt

Die Festleitung ist stolz auf die Fortschritte. Restmüll und Wasserverbrauch sanken um ein Vielfaches. Die Zahlen bleiben trotzdem enorm. Der Stromverbrauch liegt bei rund drei Millionen Kilowattstunden, etwa der Jahresverbrauch von 1200 Haushalten. Restmüll: Mehr als 900 Tonnen. Speisereste und Knochen: fast 400 Tonnen.

Fundsachen

Gut 3500 im vergangenen Jahr, darunter 900 Ausweise, 770 Kleidungsstücke, 530 Geldbörsen, 400 Schlüssel, 330 Smartphones und Handys, 305 Taschen, Rucksäcke und Beutel, 230 Brillen, 95 Regenschirme und Stöcke. Als Kuriosa wurden abgegeben: 2 Eheringe, 1 Katzentransportbox, 1 Schlagzeug-Beckenset. Gesucht wurde ein Bundesverdienstkreuz 2. Klasse.

Anstich

Zwei Schläge sind Bestmarke. Rekordhalter Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) schaffte das 2005 erstmals. Sein Nachfolger Dieter Reiter brauchte bei seiner Premiere im vergangenen Jahr knapp vier. Als 1950 der damalige Oberbürgermeister Thomas Wimmer erstmals zum Schlegel griff, brauchte er 19 Schläge.

In den vergangenen beiden Jahren kamen jeweils 6,4 Millionen Besucher, in dieser Größenordnung dürfte es weitergehen. Und auch der Bierkonsum dürfte wohl kaum abnehmen - 6,7 Millionen Maß Bier tranken die Oktoberfestgäste 2013, im Jahr davor waren es sogar 7,4 Millionen. Auch die inzwischen auf rund zehn Euro pro Maß gestiegenen Bierpreise schrecken da offenbar nicht ab. Mittendrin Prominenz aus Film, Funk, Fernsehen, Sport – und eben der Wirtschaft. Das Stichwort „Compliance“ ist aktueller denn je, der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff kann ein Lied davon singen. Der ewige Reigen um sehen, gesehen werden und Meetings zwischen Bierkürgen erhält in diesem Jahr erstmals seit 30 Jahren wieder eine neue Anlaufstelle.

Nachdem Promi-Wirt Sepp Krätz kurz nach dem Prozess gegen Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt wurde, verlor er seine Konzession für das von Promis aus dem Showgeschäft und Sport bevorzugte Hippodrom. Das Zelt wird nun nicht mehr aufgebaut. Die Münchner Szene ist aber nicht obdachlos – die neuen Wirtsleute Siegfried und Sabine Able durften am Standort des Hippodroms ihr neues Marstall-Zelt mit 3500 Sitzplätzen errichten. Der an die prächtigen Festzelte des 19. Jahrhunderts angelehnte Zeltbau sorgt mit einer ungewöhnlichen Farbmischung aus Pink, Orange und Grün für Aufsehen.

Direkt am Haupteingang steht die neue Bierburg. Der Platz ist prominent, die Gäste sind es auch: Hier feierten bisher im Hippodrom Boris Becker, Wladimir Klitschko oder Franz Beckenbauer. Das Hippodrom gehörte neben Kufflers Weinzelt und Käfer's Wiesnschänke zu den Zelten mit der höchsten Promi-Dichte und hatte eine mehr als 100-jährige Tradition. Früher konnten die Gäste innen in einer Manege reiten. Vieles ähnelt im Marstall dem Vorgänger: Champagnerbar, Tischdecken und erlesene Speisekarte - vom Tartar vom Wagyu-Ochsen über Hendl und bis zum veganen Holzfäller-Tofu-Pflanzerl. Ob und inwiefern hier geschäftliche Deals begossen werden, darüber herrscht diskretes Schweigen.

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