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17.09.2015

17:24 Uhr

Oktoberfest in München

Zwischen Wiesnrausch und Flüchtlingsdramen

VonAxel Höpner

Mehr als 70.000 Flüchtlinge haben die Münchener in den vergangenen Wochen herzlich empfangen. Jetzt will die Stadt auf dem 182. Oktoberfest feiern. Denn: Das normale Leben in der Stadt soll weitergehen.

Anna (von links nach rechts), Sarah und Lisa empfangen auf dem Oktoberfestgelände in München Medienvertreter zum Wiesn-Rundgang. dpa

Rundgang

Anna (von links nach rechts), Sarah und Lisa empfangen auf dem Oktoberfestgelände in München Medienvertreter zum Wiesn-Rundgang.

MünchenEs ist ein Spagat für Josef Schmid. Fesch herausgeputzt steht der Münchener Bürgermeister vor dem Motodrom, in dem gleich tollkühne Motorradfahrer die Steilwand erobern werden. In Haferlschuhen, blauen Wadlstrümpfen, kurzer Lederhose und mit blauer Weste ist Schmid zum traditionellen Wiesnrundgang gekommen.

Heute darf er den OB Dieter Reiter vertreten – der ist unermüdlich in Sachen Flüchtlinge unterwegs. Ein Tusch von der Blaskombo „Apfelstrudel“ für Schmid, dann verkündet der: „Ich finde es richtig, dass das normale Leben in dieser Stadt weitergeht.“

Oktoberfest: Die „Wiesn“ und ihre Tücken

Das Oktoberfest

Die Massen strömen, das Bier auch: Oktoberfest. Aus aller Welt reisen Menschen nach München, um das größte Volksfest der Welt zu erleben. Am nächsten Samstag (20. September) startet die Wiesn mit dem Anzapfen des ersten Bierfasses und Böllerschüssen.

Wieso eigentlich „Wiesn“?

Es geht nicht um mehrere und schon gar nicht um grüne Wiesen. Sondern um eine einzige: die Theresienwiese. Von saftigem Gras ist maximal an den Rändern etwas zu sehen - das 34,5 Hektar große Festareal ist kiesig und von Teerstraßen durchzogen. Sie bekommen zum Fest Namen: Wirtsbudenstraße, Schaustellerstraße und Matthias-Pschorr-Straße - andere Straßen sind einfach nummeriert, etwa Straße 3 Ost.

Wie entstand das Volksfest?

Im Jahr 1810 feierten Kronprinz Ludwig, der spätere König Ludwig I., und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen ihre Hochzeit als großes Volksfest. Es sollte vier Jahre nach der Proklamation des Königreichs das Gemeinschaftsgefühl fördern und die Ausrichtung auf die Residenzstadt München sowie die Wittelsbacher unterstreichen. Ein Höhepunkt war ein Pferderennen auf der damals tatsächlich noch grünen Wiese.

Warum sticht der Bürgermeister das erste Fass an?

Das ist eine mehr als 60 Jahre alte Geschichte. Sie begann mit Oberbürgermeister Thomas Wimmer 1950. Angeblich fuhr er auf dem Wagen der Wirte-Familie Schottenhamel mit - und der Wirt ließ ihn spontan anzapfen. Es gibt eine andere Version, nach der das Anzapfen sehr wohl geplant war - setzte Wimmer doch damit ein Zeichen für Volksnähe und Neuanfang.

Privileg Fassanstich

Seitdem ist die Eröffnung des Festes Privileg des Stadtoberhauptes. Die Zahl der Schläge ist durchaus relevant für dessen Ansehen - ein speziell münchnerischer Maßstab für Potenz und Können. Brauchte Wimmer beim ersten Mal 19 Schläge, so perfektionierte Christian Ude das Anzapfen und schaffte es als erster OB mit nur zwei Schlägen. Dafür übte er mit seinem Trainer, dem Brauer Helmut Huber.

Was ist das „Wiesn-Bier“?

Erst mal: Die Maß. Mit kurzem a. Sie umfasst selbst schlecht eingeschenkt wenigstens 0,9 Liter. Das ist eine ganze Menge, denn das Wiesn-Bier hat zwischen 5,8 und 6,4 Prozent Alkohol, normales Bier nur etwa 5 Prozent. Das Bier wird von sechs Brauereien speziell für die Wiesn gebraut. Beim ersten Oktoberfest kostete das Bier übrigens drei Kreuzer und drei Pfennige. Inzwischen liegt der Preis bei bis zu 10,10 Euro.

Wie kommt man ins Bierzelt?

Am Besten: Unter der Woche tagsüber. Da geht eigentlich immer etwas. Ansonsten: Einladen lassen. Denn selbst Monate vorher ist es praktisch aussichtslos, einen der begehrten Tische zu reservieren. Die Stammgäste haben bei den Wirten meist Vorrang - und damit sind die Reservierungen auch schon ausgeschöpft. Es gibt komplexe Regeln, nach denen stets Teile des Zeltes unreserviert bleiben müssen.

Über Umwege

Manche Gäste stecken der Bedienung ein paar Scheine zu, damit sie Plätze frei räumt. Wird sie vom Wirt dabei erwischt, fliegt sie raus - die Gäste unter Umständen gleich mit. Wer einmal im Zelt ist, sollte es nicht leichtfertig verlassen - und dabei gar Klamotten liegen lassen, um den Platz zu reservieren. Die Zelte werden regelmäßig wegen Überfüllung geschlossen. Und dann gibt es keinen Weg zurück.

Wie kleidet sich der „Wiesn-Besucher“?

Da sind die Münchner locker. Für sie gilt: Leben und leben lassen. Wer glaubt, mit den rund um die Wiesn erhältlichen Dirndl und Lederhosen trage er richtig Tracht, der liegt daneben. Eine echte Lederhose sollte aus Hirschleder sein. Mit dem traditionellen Zubehör vom Gamsbart zum Charivari - eine Art Bauchschmuck aus Silber für den Herrn - sind vierstellige Beträge weg. Für ein echtes Trachtendirndl auch.

Die „Zuagroasten“

Billige Klamotten outen den Träger leicht als „Zuagroasten“ (Zugereisten). Das gern verkaufte karierte Hemd etwa passt zum Bergsteigen oder Holzhacken - aber nicht zur Lederhose. Zu der gehört ein weißes Leinenhemd. Unter Einheimischen verpönt: zu kurze Dirndl - also alles, was oberhalb des Knies endet. No go: Frau in Lederhose. T-Shirts mit „Leistungstrinker“ müssen auch nicht unbedingt sein.

Am Dirndl erkennt man Singlefrauen?

Tatsächlich: Trägt sie die Schleife der Schürze links, ist sie frei - es darf also ein Versuch gewagt werden. Ist die Schürzenschleife rechts gebunden, bedeutet das: Verheiratet oder jedenfalls in festen Händen. Schleife in der Mitte: Jungfrau. Schleife hinten: Verwitwet, Kellnerin - oder keine Einheimische, so bindet man eben auch die gemeine Küchenschürze.

Vorsicht

Weil so viele Damen das Dirndl ohne Gebrauchsanweisung gerade erst an der Bude auf dem Weg zur Wiesn gekauft haben, geraten die Schleifenregeln durcheinander - und stiften so genau das Unheil und die Verwirrung, die sie ursprünglich verhindern sollten.

Die existenzielle Not der Flüchtlinge wolle aber niemand ausblenden. „Lebensfreude und Hilfsbereitschaft schließen sich nicht aus.“ Am Samstag wird es daher wieder heißen „Ozapf is“. Mehr als 6,5 Millionen Besucher erwartet die Stadt, die sollen 7,5 Millionen Liter Bier trinken und 100 Ochsen sowie 60 000 Schweinshaxen verspeisen. Alles wie gehabt.

Doch diesmal präsentiert sich München den Besuchern als Stadt der Gegensätze. Das zeigt sich schon am Hauptbahnhof. Ein Stand bietet Wiesndirndl für 89 Euro an, daneben hängen Lebkuchenherzen mit einem „Gruß aus München“. An den Gleisen kommt in diesen Tagen ein Zug mit einer kleinen Flüchtlingsgruppe an, Polizisten begleiten sie zur Schalterhalle. Dort warten bereits ehrenamtliche Helfer in lila Westen und versorgen die Flüchtlinge mit Decken, Wasser und Obst.

Skandal-Gastronom Sepp Krätz: Late-Night-Wiesn im Hippodrom

Skandal-Gastronom Sepp Krätz

Premium Late-Night-Wiesn im Hippodrom

Nach einer Verurteilung wegen Steuerhinterziehung verlor Sepp Krätz seinen Platz auf dem Oktoberfest und seine Schank-Lizenz. Nun macht er ein paar Hundert Meter entfernt seine eigene „Wiesn“ – mit einigen Schmankerln.

Seit die Grenzen kontrolliert werden und mehr Züge direkt in andere Städte geleitet werden, ist der Andrang am Hauptbahnhof kleiner geworden. Nun steht Bürgermeister Schmid im Mittelpunkt. Den schwindelerregenden „Tower“ erklimmt er beim Rundgang und lässt sich im Encounter von Außerirdischen erschrecken. Auch eine Fahrt mit der weltgrößten mobilen Geisterbahn Daemonium darf nicht fehlen. Dabei, gesteht Schmid, sitzt er am liebsten gemütlich im Riesenrad.

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