Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.09.2014

14:47 Uhr

Oktoberfest-Police im Test

Lieber eine Maß als eine Wiesn-Versicherung

VonChristoph Henrichs

Zum Oktoberfest gehören auch Suff-Unfälle und Maß-Malheurchen. Manche prügeln sich gar derart grün und weißblau, dass Folgeschäden bleiben. Eine Unfallversicherung für einen Tag verspricht Hilfe, lohnt sich aber nicht.

Rund 10.000 Wiesngäste müssen pro Jahr betreut werden. Alkoholvergiftung, Schnittwunden und Prügelbeulen sind die häufigsten Diagnosen. Bleibende Schäden sind in der Minderzahl. dpa

Rund 10.000 Wiesngäste müssen pro Jahr betreut werden. Alkoholvergiftung, Schnittwunden und Prügelbeulen sind die häufigsten Diagnosen. Bleibende Schäden sind in der Minderzahl.

MünchenWochenlang ins Dirndl gehungert, monatelang für die Echtlederhose gespart, jahrelang den Trinksport trainiert: Viele Oktoberfesttouristen tun alles, um sich auf der Münchener Festwiesn den Traum von Trink-, Ess- und Spaßkultur zu erfüllen.

Wer nach einer weiten Anreise über den Weißwurst-Äquator endlich am Ziel der feuchten Bierträume angelangt ist, der will es krachen lassen. Und zwar so richtig. „Ein bisserl über die Stränge schlagen ist bei vielen Besuchern durchaus eingeplant“, weiß die Stiftung Warentest und nimmt die für den zünftigen Maß-Genießer maßgeschneiderte Versicherung unter die Lupe.

Es ist die 24-Stunden-Wiesn-Police der Versicherungsgruppe die Bayerische („versichert nach dem Reinheitsgebot“). Kurzfristig per wiesnschutz.de abschließbar, kostet die Unfallversicherung sechs Euro pro Tag – und damit nur etwas mehr als eine halbe Maß Gerstensaft.

Das Oktoberfest in Zahlen (2014)

Besucher

Rund 6 Millionen kommen alljährlich auf die Wiesn in München, der Rekord von 1985 lag bei 7,1 Millionen. Die Stadt als Veranstalter möchte gar nicht mehr Gäste anlocken - sonst wird es zu eng.

Festgelände

Das Wiesn-Gelände hat 34,5 Hektar - wenig für die riesige Besucherzahl. An die 400 000 Menschen drängen an einem starken Tag auf das Areal.

Wirtschaftsfaktor

Gut eine Milliarde Euro bringen die Besucher ein. Rund 435 Millionen Euro gaben sie etwa 2013 Umfragen und Berechnungen zufolge für Fahrgeschäfte, Bier, Hendl und Co. auf dem Fest aus. Der größere Anteil kam aber Einzelhandel, Hotellerie und Gastronomie sowie Bahn, Taxi und anderen Beförderungsmitteln zugute.

Beschäftigte

Rund 8000 fest angestellte und 5000 wechselnde Arbeitskräfte sind an den 16 Festtagen im Einsatz.

Festzelte

Das größte ist das Hofbräuzelt mit 10 000 Sitzplätzen inklusive Biergarten. Alle Zelte zusammen: rund 119 000 Plätze.

Essen & Trinken

2014 tranken die Gäste 7,7 Millionen Maß Bier. Dazu verzehrten sie rund 500 000 Brathähnchen, 112 Ochsen und 48 Kälber.

Toiletten

Rund 1500 Sitzplätze, ein Kilometer Stehplätze und 32 behindertengerechte Toiletten. Die Benutzung kostet nichts.

Trachten & Schützenzug

Mit bis zu 9000 Teilnehmern und sieben Kilometern Länge ist er am ersten Wiesn-Sonntag einer der größten der Welt.

Umwelt

Die Festleitung ist stolz auf die Fortschritte. Restmüll und Wasserverbrauch sanken um ein Vielfaches. Die Zahlen bleiben trotzdem enorm. Der Stromverbrauch liegt bei rund drei Millionen Kilowattstunden, etwa der Jahresverbrauch von 1200 Haushalten. Restmüll: Mehr als 900 Tonnen. Speisereste und Knochen: fast 400 Tonnen.

Fundsachen

Gut 3500 im vergangenen Jahr, darunter 900 Ausweise, 770 Kleidungsstücke, 530 Geldbörsen, 400 Schlüssel, 330 Smartphones und Handys, 305 Taschen, Rucksäcke und Beutel, 230 Brillen, 95 Regenschirme und Stöcke. Als Kuriosa wurden abgegeben: 2 Eheringe, 1 Katzentransportbox, 1 Schlagzeug-Beckenset. Gesucht wurde ein Bundesverdienstkreuz 2. Klasse.

Anstich

Zwei Schläge sind Bestmarke. Rekordhalter Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) schaffte das 2005 erstmals. Sein Nachfolger Dieter Reiter brauchte bei seiner Premiere im vergangenen Jahr knapp vier. Als 1950 der damalige Oberbürgermeister Thomas Wimmer erstmals zum Schlegel griff, brauchte er 19 Schläge.

Sie gilt zunächst für 24 Stunden auf dem Oktoberfestgelände und auf dem Weg der direkten An- und Abreise. Der Vorteil gegenüber anderen Unfallversicherungen: Alkoholkonsum ist in den Bedingungen der Wiesn-Police ausdrücklich vorgesehen und kein Ausschlusskriterium im Versicherungsfall, wenngleich die Bayerische nichtsdestotrotz „einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Bierkonsum“ anmahnt.

Mei, is des schee! Nachhaltige Unfallfolgen, unfallbedingte kosmetische Operationen, Kosten für einen Krankentransport oder für die Wiederbeschaffung verlorener Papiere: Das tägliche rundum-sorglos-Paket soll Trachtenträger und Humpenstemmer vor Freude jodeln lassen.

Die Police selbst liest sich aber nüchterner als ein Verkehrspolizist am Bavariaring. Wer denkt schon gern und ohne Schaudern an amputierte Zeigefinger (10 Prozent der Versicherungssumme), ausgestochene Augen (25 Prozent) und Vollinvalidität (100 Prozent)?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×