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16.04.2012

14:34 Uhr

Opfer als Zeugen

Überlebende fürchten sich vor dem Prozess gegen Breivik

Vielen Überlebenden des Utöya-Massakers graut davor, dem Massenmörder Breivik vor Gericht zu begegnen. Sie haben schwere Verletzungen und Traumata davon getragen - nun kommen die Gefühle wieder hoch.

Gedenkstelle für die Opfer des Massakers: Überlebende und Hinterbliebene kämpfen mit ihrer Trauer. Reuters

Gedenkstelle für die Opfer des Massakers: Überlebende und Hinterbliebene kämpfen mit ihrer Trauer.

OsloAls Per Anders Langeröd von dem Bombenanschlag in Oslo erfuhr, beruhigte er seine Facebook-Freunde mit dem Hinweis, er sei „auf Utöya in Sicherheit“. Kurz darauf kam der Terror auch in das Ferienlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation auf der Insel. Als Polizist verkleidet, machte der Attentäter Anders Behring Breivik Jagd auf die zumeist jungen Teilnehmer des Camps. Langeröd schwamm um sein Leben, hinaus auf den eiskalten See.

Die Überlebenden des Blutbads am 22. Juli vergangenen Jahres sind darauf gefasst, dass das Entsetzliche sie einholt, wenn Breivik jetzt vor Gericht steht. „Mir graut vor dem Prozess“, sagte der 26 Jahre alte Student Langeröd vor dem Verhandlungsauftakt am Montag. „Es wird alles wieder hochkommen. Geschichten. Fragen. Hätte ich andere retten können? Hätte ich mehr tun können? Es war purer Zufall, dass ich überlebt habe.“

Insgesamt 77 Menschen tötete Breivik an jenem Sommertag mit einer Bombe und gezielten Schüssen. Der 33-Jährige wiederholte am Montag vor Gericht sein Geständnis, bezeichnete sich aber erneut für nicht schuldig im strafrechtlichen Sinn. Er betrachtet sich als eine Art Kreuzritter und begründet die Anschläge auf Vertreter der politischen Linken damit, dass er Norwegen vor einer Islamisierung schützen müsse. Über Breiviks Zurechnungsfähigkeit streiten die Experten. Dass er vor Gericht Reue zeigt, ist nicht zu erwarten. Selbst seine Anwälte sagen, er bedauere bloß, dass es nicht noch mehr Tote gegeben habe. „Das ist schwer zu begreifen, aber ich erzähle Ihnen das, um die Leute auf seine Aussage vorzubereiten“, erklärte Verteidiger Geir Lippestad vorab.

Die Überlebenden und Hinterbliebenen können sich für den auf zehn Wochen angesetzten Prozess von der Arbeit oder der Schule befreien lassen. Einige sagen als Zeugen aus. Langeröd ist die ersten zwei Wochen in Berlin, auf Abstand. Er weiß nicht, ob er sich den Prozess überhaupt antun will.

Andere haben das Bedürfnis, dem Mörder im Gerichtssaal in die Augen zu sehen - wohlwissend, dass das nicht einfach wird. „Ich weiß nicht, wie ich reagieren werde. Ich glaube, man kann sich darauf nicht gefasst machen“, erklärte vorher die Abgeordnete Stine Renate Haaheim, die sich ebenfalls schwimmend hatte retten können. „Der Prozess wird sicher grauenvoll. Aber ich glaube, da müssen wir durch, wenn wir das Geschehene bewältigen wollen.“

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