Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.11.2015

14:55 Uhr

Periscope in Paris

Die Medienrevolution verschwimmt in Wackelbildern

Nach den Terroranschlägen von Paris sendeten viele Smartphone-Nutzer Live-Videos aus den Straßen ins Netz. Eine oft herbeigeschworene Revolution der Berichterstattung durch die verwackelten Bilder blieb indes aus.

Der Screenshot zeigt eine Szene vor dem Club Bataclan in Paris. ap

Video vom Terror in Paris

Der Screenshot zeigt eine Szene vor dem Club Bataclan in Paris.

Berlin/ParisMit einem Smartphone hat heute jeder seinen eigenen Nachrichtensender in der Tasche - so lautet das große Versprechen von Livestreaming-Apps wie Twitters Periscope oder des Konkurrenten Meerkat. Doch die Beispiele der vergangenen Tagen mit den Terroranschlägen in Paris zeigten eher, wie weit eine Medienrevolution durch Jedermann als Amateur-Reporter noch entfernt ist.

Tatsächlich zückten viele Menschen, die sich in der Nähe der Attentate am Freitag oder der gewaltigen Polizeiaktion im Vorort Saint-Denis befanden, ihre Smartphones und gingen live auf Sendung. Doch das Ergebnis waren meist verwackelte, wenig aufschlussreiche Bilder. Polizei auf den Straßen, laufende Menschen, gelegentlich eine Sirene im Hintergrund. Die Bilder waren angesichts schwacher Netzqualität verschwommen, viel erzählen konnten die Autoren auch nicht.

Dem Dienst machte auch der Ansturm der Anwender zu schaffen: Periscope ging am Freitagabend relativ schnell vom Netz und lief erst nach Mitternacht wieder stabil. Gespeicherte Videos wurden danach zum Teil mehrere zehntausend Mal angesehen - die Periscope-App hat eine Karte, auf der beendete Videostreams zu finden sind.

Bei dem stundenlangen Polizeieinsatz in Saint-Denis waren auch Vertreter klassischer Medien per Livestreaming dabei. Für den „Stern“ rannte Reporter Philipp Weber mit Smartphone in der Hand hinter Polizisten mit gezogener Waffe durch die Straßen. Worum es eigentlich ging, blieb bis zum Schluss unklar. Weber erntete für die Aktion prompt harsche Kritik. „Es geht hier ausschließlich ums Mittendrin-statt-nur-dabei-Sein, um einen obszönen Nervenkitzel“, schrieb Medienkritiker Stefan Niggemeier in seinem Blog.

Die Namen hinter dem Horror von Paris

Identifizierung der Attentäter

Seit den Anschlägen von Paris arbeiten die französischen und belgischen Sicherheitsbehörden an der Identifizierung der getöteten Attentäter und möglicher Unterstützer. Ein Überblick über die bisher Identifizierten. (Quelle: Reuters)

Getötet: Abdelhamid Abaaoud

Mutmaßlicher Drahtzieher der Anschläge von Paris. Der Belgier aus dem Brüsseler Stadtteil Molenbeek wurde eigentlich in Syrien vermutet. Am Donnerstag teilte die Staatsanwaltschaft mit, er sei bei der Razzia und anschließenden Schießerei am Mittwoch im Pariser Stadtteil Saint-Denis ums Leben gekommen. Offenbar wurde er erschossen.

Getötet: Ismail Omar Mostefai

Der Franzose mit algerischen Wurzeln war am Angriff auf die Konzerthalle Bataclan mit 89 Toten beteiligt. Mostefai lebte zeitweise in der Region von Chartres, südwestlich von Paris. Geboren wurde er in Courcouronnes im Süden der französischen Hauptstadt. Sein Name wurde von den Sicherheitsbehörden bereits 2010 auf eine Liste möglicher radikaler Islamisten gesetzt. Die türkische Regierung hat nach eigenen Angaben Frankreich im Dezember 2014 und im Juni 2015 wegen Mostefai kontaktiert, aber erst nach den Anschlägen eine offizielle Anfrage aus Frankreich erhalten.

Getötet: Samy Amimour

Der Franzose war ebenfalls am Angriff auf das Bataclan beteiligt. Er lebte in Drancy in der Nähe des nördlichen Pariser Stadtteils Saint-Denis, wo es am Mittwoch zu einer Schießerei mit einer mutmaßlichen zweiten Islamisten-Zelle kam. Amimour wurde seit Ende 2013 international gesucht. Seit Oktober 2012 wurde er von den Behörden beobachtet, weil der Verdacht bestand, er könnte sich in den Jemen absetzen.

Getötet: Fouad Mohamed Aggad

Er ist einer der drei Männer, die das Blutbad in der Konzerthalle Bataclan anrichteten. Der 23-Jährige kam aus dem französischen Straßburg und hatte vor den Anschlägen in Syrien gekämpft. Gemeinsam mit Amimour und Mostefaï hatte Aggad 89 Menschen in der Konzerthalle getötet. Als die Polizei das Gebäude stürmte, sprengte er sich in die Luft.

Getötet: Brahim Abdeslam

Der Franzose lebte in Belgien. Er sprengte sich vor dem Café Comptoir Voltaire in die Luft. Bruder des noch immer gesuchten Verdächtigen Salah Abdeslam.

Getötet: Bilal Hafdi

Einer der drei Angreifer auf das Pariser Fußballstadion Stade de France. 20 Jahre jung.

Unklar: Ahmad Al Mohammad

Bei einem weiteren Selbstmordattentäter beim Stade de France wurde ein Pass auf den Namen Ahmad Al Mohammad, 25 Jahre alt, aus dem syrischen Idlib gefunden. Die Fingerabdrücke des Mannes passen zusammen mit denen eines Flüchtlings, der unter dem Namen im Pass im Oktober 2015 in Griechenland registriert worden war. Über den dritten Selbstmordattentäter am Stade de France ist bisher nichts bekannt.

Gesucht: Salah Abdeslam

Der in Brüssel geborene Franzose wird verdächtigt, einen schwarzen VW Polo gemietet zu haben, der bei den Attacken in Paris eingesetzt wurde. Der Anwalt Xavier Carette sagte dem belgischen Sender RTBF, er sei am Sonntagmorgen von Paris nach Brüssel zurückgekehrt, nachdem er von der französischen Polizei auf dem Weg drei Mal gestoppt worden sei. Abdeslam wird auch Wochen nach dem Anschlag in Mitteleuropa vermutet.

Unterdessen wird in Paris in großem Stil versucht, aufgezeichnete Videos aus der Anschlagsnacht und den darauffolgenden Tagen an die Medien zu verkaufen. „Wenn Schüsse und ein Polizist zu sehen sind, aus der Ferne, in der Nacht, kostet das 500 Euro. Nur der Ton - das macht 100 Euro“, berichtete der Pariser Bürochef des ostfranzösischen Zeitungsgruppe Ebra, Pascal Jalabert, im Sender FTVinfo. In Saint-Denis versuchten Jugendliche, ihre Videos für 100 bis 300 Euro loszuwerden.

Die Aufnahmen einer Überwachungskamera aus einem der Restaurants, die am Freitag Ziel der Attentäter wurden, sei für 50.000 Euro angeboten worden, sagte Hervé Béroud vom Sender BFM-TV der Zeitung „Le Monde“. Die Station habe abgelehnt, weil das Video „schockierend“ sei. Dem „Journal de Dimanche“ hätten zwei Augenzeugen noch in der Nacht der Anschläge Videos und Bilder aus den Restaurants für 1000 Euro verkaufen wollen. Einige Fotos, auf denen Opfer zu sehen waren, landeten im Netz, wurden jedoch meist schnell entfernt. Die „Daily Mail“ stellte Aufnahmen von Überwachungskameras ins Netz, auf denen sich Gäste in einem Lokal in Sicherheit bringen.

Unter anderem die „New York Post“ veröffentlichte derweil die Aufzeichnung eines Periscope-Livestreams, der im Pariser Club Bataclan kurz vor dem tödlichen Angriff gemacht wurde. Das Video schockiert vor allem mit der Normalität des Geschehens, das an jedes andere Rock-Konzert erinnert.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×