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20.10.2013

12:12 Uhr

Phänomen „Helikoptereltern“

Mama und Papa als Eingreiftruppe

Quelle:dpa

Sie bringen ihre Kinder bis zur Klassentür, wollen den Kleinen jedes Problem ersparen. Doch Beschützerinstinkt ist nicht immer nützlich. Wann Überfürsorge zu einem echten Problem wird.

Immer brav an die Hand nehmen, damit bloß nichts passiert. Überfürsorgliche Eltern tun ihren Kindern nicht unbedingt etwas Gutes. Schwierig wird es insbesondere dann, wenn Eltern die Schulaufgaben ihrer Schützlinge übernehmen. ap

Immer brav an die Hand nehmen, damit bloß nichts passiert. Überfürsorgliche Eltern tun ihren Kindern nicht unbedingt etwas Gutes. Schwierig wird es insbesondere dann, wenn Eltern die Schulaufgaben ihrer Schützlinge übernehmen.

FrankfurtDie Mutter besucht an der Volkshochschule einen Lateinkurs, um ihrem Sohn bei den Hausaufgaben helfen zu können. Der Vater schreibt seiner Tochter den Schulaufsatz. Das ist aus Expertensicht in vielen Familien bereits Normalität - mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Immer häufiger ist von Eltern die Rede, die ihre Sprösslinge umkreisen wie Hubschrauber und alles für sie regeln wollen.

Eine bedenkliche Entwicklung, finden einige.
Ilka Hoffmann, bei der Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft für den Bereich Schule zuständig, kennt das Phänomen der „Helikoptereltern“. Sie beobachte etwa, dass viele Mütter und Väter von Schülern immer seltener direkt mit dem Lehrer sprechen, wenn sie mit dem Unterricht oder mit einer Note unzufrieden sind.

„Manche schreiben gleich ans Ministerium, auch wegen einer Drei im Diktat“, sagt Hoffmann. Einige Eltern gingen davon aus, sie wüssten, wie alles laufen muss - weil sie selbst einmal eine Schule besucht hätten. Das selbstbewusste und fordernde Auftreten mancher Mütter und Väter verunsichere vor allem junge Lehrer.

Fakten zur Betreuung

Was tun, wenn Eltern für ihr Kleinkind leer ausgehen?

Man kann vor dem Verwaltungsgericht (VG) auf einen Platz klagen. Gerade erst hat Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) Eltern geraten, von diesem Klagerecht Gebrauch zu machen. Weil eine Klage vielen aber zu langwierig ist, empfehlen Rechtsanwälte, ein Eilverfahren anzustrengen. So ist die Stadt Köln vor zwei Wochen per Eilentscheid verpflichtet worden, zwei Kleinkindern einen Platz zu verschaffen. So manche Kanzlei scheint ein Geschäft zu wittern und wirbt: „Wir klagen Ihr Kind in die Kita ein!“ Andere Anwälte halten es für sinnvoller, selbst initiativ zu werden, das Kind privat - oft teurer - unterzubringen und die Mehrkosten via Schadenersatzverfahren von der Kommune einzufordern.

Können Eltern immer zwischen Kita und Tagesmutter wählen?

Laut Gesetz besteht ein Recht auf Frühförderung in einer Tageseinrichtung oder in der Kindertagespflege. Manche Rechtsexperten bewerten das ausdrücklich als Entweder-Oder-Wahlrecht. Thomas Meysen vom Institut für Jugendhilfe und Familienrecht sagt dagegen, man müsse auch die jeweils andere Alternative akzeptieren, wenn nicht beide Varianten zur Verfügung stehen. Und das wird nach Ansicht des Städtetags definitiv nicht überall der Fall sein. Laut Kölner VG-Eilentscheid ist der Elternwille entscheidend. Die unterlegene Stadt Köln hat aber Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht eingelegt. Viele glauben, dass dieses die VG-Entscheidung kassieren wird.

Welche Variante ist denn besser?

Kita und Tagespflege stehen gleichwertig nebeneinander. Der Bund geht davon aus, dass gut zwei Drittel aller Plätze in einer Tageseinrichtung und rund 30 Prozent bei Tagesmüttern oder -vätern bereitstehen. In Kitas muss mindestens eine Kraft ausgebildete Erzieherin sein. Gruppengröße und Betreuer-Kind-Schlüssel legen die Länder fest. Tagesmütter können maximal fünf Kinder daheim aufnehmen oder kommen mitunter auch in den Haushalt der Eltern. Sie werben mit Flexibilität und Familienähnlichkeit. Tagesmütter müssen eine 160-Stunden-Qualifizierung absolvieren und brauchen vom Jugendamt eine Pflegeerlaubnis.

Wie steht es um die Qualität der U3-Betreuung?

Die umfassende und viel beachtete Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit (Nubbek-Studie) kam im Frühjahr zu ernüchternden Ergebnissen. Die pädagogische Arbeit in deutschen Kitas sei „im Durchschnitt nur mittelmäßig“. Quantität gehe vor Qualität. Die Kommunen betonen bei ihren Ausbau-Anstrengungen stets, dass sie Qualitätsansprüche hochhalten. Experten raten, genau auf den Schlüssel zu achten, wie viele ausgebildete Erzieherinnen auf wie viele Kleinkinder kommen.

Was ist wichtig für das Wohl der Kleinsten?

Kontinuität und Verlässlichkeit gehören dazu. Wird ein einjähriges Kind nur an zwei Tagen in der Woche gebracht, bleibt es immer fremd in der Gruppe. Regelmäßigkeit im Tagesablauf gibt den Kleinsten Sicherheit. Umstritten ist die Übernacht-Betreuung. Das Kind sollte niemals im Schlaf oder Halbschlaf in die Einrichtung kommen und immer von derselben Betreuungsperson zu Bett gebracht werden, die es dann am nächsten Morgen auch weckt. Mehr als 45 Wochenstunden externe Betreuung gelten als nicht förderlich.

In welchem Umfang haben Eltern Anspruch auf Betreuung?

In der Regel werden Halbtagsplätze angeboten. Ein- und zweijährige Kinder haben darauf auch dann einen Anspruch, wenn deren Eltern nicht arbeiten gehen. Das Angebot soll dem Eltern-Bedarf entsprechen. Wem ein Halbtagsplatz nicht reicht, der muss seinen erhöhten Bedarf nachweisen. Ob dabei Schichtarbeiter auch ein Übernacht-Angebot beanspruchen können, muss möglicherweise individuell geklärt werden.


Was gilt als zumutbar?

Der Platz muss in zumutbarer Nähe liegen - bisher wird das überwiegend definiert mit rund einer halben Stunde Zeitaufwand für eine Strecke. Bei speziellen Wünschen wie einer integrativen Gruppe oder Montessori-Pädagogik sind Absagen wohl angesichts geringer Kapazitäten hinzunehmen.

In seinem Buch „Helikopter-Eltern“ schreibt Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes ist: „Besonders machtvoll werden Helikopter-Eltern, wenn sie sich zusammentun. Dann werden Elternabende zu Lobbyistenabenden, zu parlamentarischen Unterausschüssen, ja zu Inquisitionsveranstaltungen.“ Kraus spricht wohl aus Erfahrung: Er leitet ein bayerisches Gymnasium.

Der Bundeselternrat hält dagegen: Vielen Eltern bleibe gar nichts anderes übrig, als sich um Schulthemen stark zu kümmern. Zum einen, weil die Schulen es erwarteten, zum anderen, weil die Kinder die Hilfe dringend bräuchten, sagt die Vize-Vorsitzende, Ursula Walther.

Mit Blick auf Bundesländer wie Bayern, die im deutschlandweiten Schulvergleich gut dastehen, betont sie: „Wenn sie da ihrem Kind nicht helfen, dann hat es keine Chance, außer es ist der absolute Überflieger“. Sie erzählt von Müttern, die ihren Halbtagsjob aufgaben, als ihr Kind aufs Gymnasium wechselte - um es unterstützen zu können.

Kommentare (2)

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leo

21.10.2013, 10:00 Uhr

Wie hier der Zusammenhang zwischen Helikoptereltern und burn-Out konstruiert wird, ist atemberaubend und wenig logisch. Und wenn sie Menschen finden, die in sich ruhen, dann gönne ich Ihnen dafür einen Preis.

Was "wir" glaub ich immer noch nicht verstanden haben, ist, dass derart überbehütete Kinder es eben nicht besonders "gut" haben, wie die Attributierung immer wieder suggestiert. Diese Kinder sind Menschen, die gelenrt haben, dass sie mit allen ihren natürlichen Impulsen und Interessen aus Sicht der Eltern eine potenzielle Gefahr sind udn auch, dass sie sich selber nichts zutrauen sollten. M.a.W. diese Kinder dürften SICH SELBST nicht vertrauen und erproben gelernt haben. Daraus kann abgeleitet werden, dass man lebenslange Fürsorge FORDERN kann und muss, weil man ja sonst "verloren" ist. Die Demokratie möchte ich mir eigentlich ncith vorstellen - aber sie ist ja schon da. Und / oder Kinder, deren tiefer Selbsthass darauf basiert, dass sie - und damit auch alle anderen - falsch sind. Der Ausfluss des Missionierens ist ebenfalls bereit szu beobachten. Denn: Die Bewachung durch Eltern verschäft sich zwar immer mehr, sit aber bereits seit einigen Generationen sichtbar.

hermann.12

21.10.2013, 10:48 Uhr

Die Problematik solcher Überbehütung liegt darin, das sowohl übersteigertes Anspruchsdenken wie unterwickeltes Selbstvertrauen und manchmal sogar beides daraus resultieren können. Aus egoistischer Sicht fördert das im besten Falle elitäte Abgrenzung, aus gegnerischer Sicht akademisches Schmarotzertum. Auf lange Sicht auf jeden Fall schädlich für alle.
Dieses Phänomen ist zum einen dem Wohlstand und zum anderen ideologischem Wunschdenken geschuldet, das sich auch durch die vielen Experimenten in der Schulpolitik ausdrückt. Zumal eine sinnvolle Evaluierung über Erfolg oder Misserfolg dieser Experimente bewusst vermieden wurde und wird, um Ideologie nicht aufgeben zu müssen.
Das erlaubt und fördert natürlich auch Eltern der Vorstellung nachzugehen, es müsse nur genügend Förderung her, um die Vorteile Dritter auszugleichen. Und Begabung oder Nichtbegabung zu negieren.
Zu viele schlecht ausgebildete oder von der Persönlichkeit ungeeignete Lehrer verstärken noch die Notwendigkeit elterlichen Ausgleich zu schaffen. Paradoxerweise wird damit das Ganze zum selbsterzeugenden und erhaltenden Phänomen, weil so ungeeignete Kandidaten ihre eigene Ungeeignetheit reproduzieren.
Meiner Meinung nach der Hauptgrund für die Unzufriedenheit mit Führungskräften und den Vertretern der Lehrberufe von der Schule bis zur Universität. Weil sowohl Erwartungshaltungen Ihnen gegenüber gestiegen sind, als auch die Fähigkeit zum Führen abgenommen hat durch falsche Führungskräfteauswahl.

Die ganze Thematik um die Plagiate bei Diplom- und Doktorarbeiten wäre wohl ohne diese Ideologie gar nicht denkbar gewesen. Der Formalismus verdrängt Befähigung und Inhalt

H.

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