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27.10.2014

15:15 Uhr

Pistorius-Prozess

Staatsanwaltschaft kündigt Berufung an

Es ist noch nicht vorbei: Das Urteil über Oscar Pistorius soll neu verhandelt werden. Auch viele Südafrikaner hielten das Strafmaß für zu niedrig. Indes wollen die Eltern der getöteten Freundin den Verurteilten besuchen.

Oscar Pistorius ließ während der Gerichtsverhandlungen seinen Gefühlen freien Lauf. dpa

Oscar Pistorius ließ während der Gerichtsverhandlungen seinen Gefühlen freien Lauf.

PretoriaSüdafrikas Paralympics-Star Oscar Pistorius soll nach dem Willen der obersten Justizbehörde seines Landes viel länger als fünf Jahre für die Erschießung seiner Freundin Reeva Steenkamp büßen. Gegen das Urteil werde die Staatsanwaltschaft „innerhalb der nächsten Tage“ Berufung einlegen, kündigte die Nationale Strafverfolgungsbehörde (NPA) am Montag in Pretoria an.

Bei der Behörde, die im südafrikanischen Rechtssystem über der Anklagevertretung steht, hatte sich nach der Verkündung des Strafmaßes für Pistorius am vergangenen Dienstag auch die einflussreiche Frauenliga des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) beschwert.

NPA-Sprecher Nathi Mcnube erklärte, die Behörde habe in den letzten Tagen rechtliche Fragen geprüft, die sich aus dem Verfahren und dem Urteilsspruch gegen Pistorius ergeben hätten. Staatsanwalt Gerrie Nel und seine Assistentin hätten auf dieser Grundlage begutachtet, ob es hinreichende Argumente gebe, den Fall neu aufzurollen.

Mit dem angestrebten Verfahren vor Südafrikas Obersten Berufungsgericht sollen sowohl der Schuldspruch gegen Pistorius wegen fahrlässiger Tötung als auch das Strafmaß von fünf Jahren angefochten werden. Sollte es zu einer Berufungsverhandlung kommen, könnte der 27-Jährige nach Einschätzung von Strafrechtsexperten möglicherweise doch noch wegen Mordes verurteilt werden.

Darauf steht in Südafrika lebenslänglich, was in der üblichen Rechtspraxis des Landes auf 25 Jahre Haft hinausläuft. Ob die Berufung vom zuständigen Gericht zugelassen wird, ist jedoch noch unklar. Auch der Zeitpunkt der offiziellen Beantragung sowie der Entscheidung darüber waren zunächst offen.

Der Fall Pistorius – eine Chronologie

14./ 15. Februar 2013

Nach tödlichen Schüssen auf seine Freundin Reeva Steenkamp wird Pistorius festgenommen. Wegen Mordverdachts erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage.



19. Februar

Er habe geglaubt, auf Einbrecher zu schießen, beteuert der behinderte Profisportler. „Ich hatte nie die Absicht, meine Freundin zu töten“, heißt es in einer Erklärung.

Der 26-jährige beinamputierte Paralympics-Star erschoss - so viel ist unumstritten - am Valentinstag seine Freundin Reeva Steenkamp durch die geschlossene Badezimmertür. Er selbst gibt an, sie versehentlich getötet zu haben, da er sie für einen Einbrecher gehalten habe. Die Staatsanwaltschaft sieht hingegen einen vorsätzlichen Mord nach einem Streit des Paares.

20. Februar

Die Ermittler hätten das Dopingmittel Testosteron und mehrere Spritzen in Pistorius' Schlafzimmerschrank gefunden, teilt die Polizei mit. Sein Anwalt beteuert, es handele sich um pflanzliche Arzneimittel.

Dem jungen Athleten wird noch ein weiterer Anklagepunkt vorgehalten, nämlich illegaler Besitz von Munition. Vorab waren in südafrikanischen Medien auch noch andere Vorwürfe genannt worden. So soll Pistorius zwei Mal in der Öffentlichkeit eine Waffe benutzt haben. Einmal schoss er demnach aus dem offenen Verdeck eines Autos in die Luft und ein anderes Mal ging eine Waffe versehentlich in einem Restaurant los.

21. Februar

Der leitende Polizeiermittler Hilton Botha steht selbst unter dem Verdacht des versuchten Mordes, wie die Polizei bestätigt. Er wird von seinen Aufgaben entbunden.

22. Februar

Pistorius kommt gegen Kaution und Auflagen überraschend frei. Der Richter kritisiert Staatsanwaltschaft und Polizei: Es gebe keine klaren Beweise für eine vorsätzliche Tat. Aber auch Pistorius' Aussage sei widersprüchlich. Der Prozess soll am 4. Juni beginnen.

14. April

Der mordverdächtige Paralympics-Star vergnügt sich nach Berichten südafrikanischer Medien wieder auf Partys.

4. Juni

Der Prozess wird auf den 19. August vertagt. Weitere Ermittlungen seien notwendig, erklärt das Magistratsgericht in Pretoria. Pistorius bleibt auf freiem Fuß.

14. August

Die Polizei schließt ihre Ermittlungen ab. Polizeisprecher Generalleutnant Solomon Makgale teilte mit, Ermittler, Experten für Forensik und Ballistik, Psychologen und Techniker seien mit dem Fall betraut gewesen und seien zuversichtlich, genügend Beweise gegen Pistorius gesammelt zu haben.
Zu den wichtigsten Beweismitteln dürften Telefondaten sowie die Ergebnisse einer Untersuchung der Badezimmertür sein, durch die Pistorius seine Freundin mit mehreren Schüssen getötet hatte. Vor allem die Einschusswinkel dürften Aufschluss darüber geben, ob Pistorius auf seinen Beinstümpfen stand, wie er selbst behauptet, oder ob er seine Prothesen trug, wovon die Anklage ausgeht.

19. August

Der Richter gibt bekannt, dass Pistorius sich ab dem 3. März 2014 wegen vorsätzlichen Mordes vor Gericht verantworten muss.

3. März 2014

Prozessauftakt: Der High Court in der Hauptstadt Pretoria befasst sich mit dem Fall. Sollte das Gericht Pistorius schuldig sprechen, droht dem Sportler lebenslang - was in Südafrika eine Mindesthaftstrafe von 25 Jahren bedeutet. Damit dürfte er frühestens mit Anfang 50 aus dem Gefängnis entlassen werden. In Südafrika gibt es keine Todesstrafe.

10. März

10. und 13. März: Pistorius übergibt sich bei der Verlesung des Autopsieberichts und als auf dem Bildschirm im Gerichtssaal eine Aufnahme von Steenkamps Leiche erscheint.

7. bis 15. April

Pistorius beginnt seine Aussage mit einer Entschuldigung bei Steenkamps Familie. Immer wieder bricht er im Kreuzverhör in Tränen aus und verwickelt sich auch in Widersprüche. Er bleibt aber dabei, dass er zwar geschossen hat, jedoch nicht wusste, dass sich Steenkamp in der Toilette aufhielt.

30. Juni

Nach sechswöchiger Unterbrechung, in der sich Pistorius psychiatrischen Untersuchungen unterziehen musste, erklären drei Psychiater und ein Psychologe übereinstimmend, dass der Angeklagte zum Tatzeitpunkt voll schuldfähig war.

11. und 12. September

Richterin Thokozile Masipa spricht Pistorius von den Vorwürfen des Mordes und des Totschlags frei. Er wird wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässigen Waffengebrauchs in einem Fall schuldig gesprochen, das Strafmaß wird noch nicht verkündet. Es liegt allein im Ermessen der Richterin.

17. Oktober

Nach viertägigen Anhörungen zum Strafmaß fordert die Staatsanwaltschaft mindestens zehn Jahre Haft. Die Verteidigung plädiert auf Hausarrest sowie gemeinnützige Arbeit.

21. Oktober

Richterin Thokozile Masipa verurteilt Pistorius wegen der tödlichen Schüsse zu fünf Jahren Haft. Für den fahrlässigen Gebrauch einer Waffe in einem anderen Fall verhängt sie außerdem drei Jahre Haft auf Bewährung gegen den 27-Jährigen. Er wird nach der Strafmaßverkündung sofort ins Gefängnis gebracht.

Sollte es zu einem Berufungsverfahren kommen, könnte Pistorius beantragen, bis zu einem Urteil erneut auf Kaution in Freiheit zu bleiben. Falls dies zugestanden wird, könnte er das Gefängnis verlassen, in das er nach der Strafmaßverkündung am vergangenen Dienstag eingewiesen worden war. Ein Berufungsverfahren kann sich nach Einschätzung des Strafrechtsexperten Professor André Thomashausen von der Johannesburger Kanzlei Werth Schröder Inc. über zwei oder mehr Jahre erstrecken.

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