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14.07.2016

21:11 Uhr

Pokémon Go

Nintendos Weg zur Weltherrschaft

VonAlexander Möthe

Die Welt dreht wegen einer Handy-App völlig durch. Pokémon Go lässt Nintendos Aktie in die Höhe schnellen und hat nach zwei Tagen schon den Alltag vieler Spieler im Griff – auch in der Handelsblatt-Redaktion.

App-Hype

Pokemon Go - auch in Deutschland sind die Monster los

App-Hype: Pokemon Go - auch in Deutschland sind die Monster los

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Düsseldorf„Kannst Du mir Pokébälle schicken? Ich will ein Tauboga und habe keine Pokébälle mehr!“ Kennen Sie Sätze wie diese am Arbeitsplatz? Glückwunsch, dann haben auch Sie Kollegen, die von „Pokémon Go“ besessen sind. Seit Mittwoch ist die App um die Fantasiewesen Pokémon (kurz für: Pocket Monster) in Deutschland für iOS und Android erhältlich.

Zehn Jahre nachdem die „Schnapp sie Dir alle!“-Kampagne um die putzigen Viecher dem japanischen Videospielhersteller Nintendo und zahllosen Lizenznehmern erstmals ein gigantisches Geschäft bescherte, feiert das animierte Sammelkartenspiel sein Debüt auf dem Smartphone. Und auch diesmal sieht es nach Verkaufsrekorden aus. Der Kurs der Nintendo-Aktie legte als Reaktion auf Wochensicht spontan um mehr als 50 Prozent zu.

Downloadzahlen rücken die Entwickler Niantic und The Pokémon Company, eine Nintendo-Tochter, bisher nicht heraus. Nutzerzahlen können bislang nur geschätzt werden, ein dreistelliger Millionenbereich weltweit scheint aber nicht unwahrscheinlich. Die App selbst ist kostenlos und startete in den vergangenen Wochen bereits im englischsprachigen Raum. Analysetools für Webstatistiken zufolge hat dort die Zahl aktiver Nutzer inzwischen schon die Dating-Plattform Tinder und den Kurznachrichtendienst Twitter überholt. Und: Die Google-Statistiken weisen inzwischen mehr Suchanfrage nach Pokémon Go als nach Pornographie aus.

Immobilien und der „Pokémon Go“-Hype: „Es gibt einen Pokéstop in Reichweite der Wohnung!“

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„Es gibt einen Pokéstop in Reichweite der Wohnung!“

Das Smartphone-Spiel „Pokémon Go“ lockt auch Stubenhocker auf die Straßen. Ein Vermieter in Frankfurt preist eine Wohnung als erster mit einem Vorzug an: Ein Pokéstop kann vom Sofa erreicht werden. Ein Interview.

Das wirklich Schlimme ist: Das Pokémon-Fieber ist ansteckend. Und zwar viel ansteckender als in den vergangenen 20 Jahren. Bisher fesselte das Spiel meist Kinder und Jugendliche, die dem simplen, aber lange motivierenden Spielprinzip auf dem Leim gingen. Die Spiele, massiv befeuert durch eine erfolgreiche Zeichentrickserie, kultivierten den Trieb des Jägers und Sammlers. Pokémon wollten gefunden, gefangen, trainiert und in Kämpfe geschickt werden. Die Smartphone-App bringt die kleinen Monster mit der großen Fangruppe aus der abstrakten Fantasiewelt in die Realität. Dank „Augmented Reality“ lassen sich die digitalen Tiere in der direkten Umgebung blicken. An den Ausspruch „unter meinem Schreibtisch sitzt ein Rattfratz“ sollten Sie sich vielleicht gewöhnen.

Wäre der Newsroom des Handelsblatt exemplarisch für die Gesamtentwicklung, würde sich die Pokémon-Welle von nichts und niemanden, Chefredakteure mit einbegriffen, aufhalten lassen. Die Kollegen jagen. Teils aus alter Verbundenheit, weitgehend aus Neugier darauf, was technisch inzwischen möglich ist. Das trifft auch auf den Autor dieser Zeilen zu: Hatte ich es trotz Videospielaffinität immer vermieden, Geld für Pokémon-Titel auszugeben, macht die kostenlose App den Widerstand zwecklos. Unmittelbar vor der Redaktion entdecke ich einen Poké-Stop, wo nützliche Spielgegenstände versteckt sind. Und auch daheim finde ich gleich drei dieser Verstecke. Auf meinem Sofa erwartet mich eine schwarze Kugel mit bösen Augen: Nebulak, ein Gift-Pokémon.

Pokémon GO: Kleine Kampf-Monster erobern die Welt

Das Spiel

„Pokémon“, kurz für „Pocket Monster“, tragen seltsame Namen wie Pikachu, Traumato oder Magnetilo, kämpfen gern gegeneinander und haben eine gewaltige weltweite Fangemeinde.

1. Wieso scheint die ganze Welt auf einmal nach „Pokémon“ verrückt zu sein?

Es ist das erste Mal, dass man „Pokémon“ auf dem Smartphone spielen kann. Der japanische Spiele-Anbieter Nintendo brachte die beliebten Figuren bisher nur in Games für die hauseigenen Konsolen heraus. Inzwischen jedoch wechseln immer mehr Spieler auf Smartphones und Nintendo konnte diesen Trend nicht mehr ignorieren.

2. Was sind „Pokémon“ überhaupt und worum geht es bei dem Spiel?

„Pokémon“ ist eine Wortbildung aus „Pocket Monster“ - Taschenmonster. Zum ersten Mal tauchten sie 1996 in einem Spiel in Japan auf. Die „Pokémon“ sind darauf versessen, gegeneinander zu kämpfen. Der Spieler fängt sie als „Pokémon-Trainer“ mit Hilfe weiß-roter Bälle ein und bildet sie aus. Im „Pokémon“-Universum gibt es mehr als 700 Figuren. Die beliebteste dürfte „Pikachu“ sein - ein kleines gelbes Monster mit einem Schwanz in der Form eines Blitzes. Neben den Videospielen blüht ein gewaltiges Geschäft mit Sammelkarten und allen möglichen anderen Fanartikeln von Plüschfiguren bis Brotdosen.

3. Was ist das besondere an dem Smartphone-Game?

Im Grunde geht es auch hier darum, „Pokémon“ zu fangen und dann gegeneinander antreten zu lassen. Der Clou ist jedoch die Standort-Erkennung (GPS) auf dem Smartphone. Die „Pokémon“ verstecken sich an verschiedenen Orten – und ein Spieler sieht sie nur, wenn er in der Nähe ist. Dann werden die Figuren auf dem Display des Telefons in die echte Umgebung eingeblendet („Augmented Reality“). In den USA, Neuseeland und Australien sammelten sich schon große Menschenmengen an Orten mit populären „Pokémon“ an. Die kleinen Monster reagieren auf die virtuelle Umgebung: So tauchen Wasser-Pokémon besonders häufig in der Nähe von Flüssen oder Seen auf.

4. Wer steckt hinter dem Spiel?

Es wurde gemeinsam entwickelt von der Nintendo-Beteiligung Pokémon Company und der ehemaligen Google-Tochter Niantic Labs. Letztere hatte unter dem Dach des Internet-Konzerns das ebenfalls auf Ortungsdaten basierte Spiel „Ingress“ programmiert. In ihm kämpfen zwei Lager um virtuelle Portale, die an verschiedenen Orten platziert wurden.

„Ich wusste bis gestern nicht, wozu ein Pokéball gut ist. Heute habe ich schon mindestens 50 dieser Dinger gesammelt“, sagt etwa die Kollegin, die mich zuvor um Unterstützung gebeten hatte. „Pikachu fand ich als Kind schon süß. Mit Pokémon an sich hatte ich aber nichts am Hut.“ Taubsi, Enton oder Traumato sind für sie, wie für viele andere, neu. Ein anderer Kollege gibt zu, dass er dem Hype zunächst nichts abgewinnen konnte: „Einen Tag lang habe ich sie als Freaks beschimpft, jetzt spiele ich es selber“, führt er aus, „und ich beginne mein Lebensumfeld danach zu klassifizieren.“ Pokémon Go als Gruppendynamik. Nintendo war vielleicht noch nie so nah an der Weltherrschaft.

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