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22.03.2017

18:26 Uhr

Polen

Mutmaßlicher Enkeltrick-Erfinder gefasst

Ermittlern in Polen geht der mutmaßliche Chef der Enkeltrick-Mafia ins Netz. „Hoss“ gilt als Erfinder der Betrugsmasche. Jahrelang soll er damit auch deutsche und österreichische Senioren um ihr Geld gebracht haben.

Bereits im Jahr 2009 wurde unter anderem in Banken vor dem Enkeltrick gewarnt. dpa

Falscher „Enkel“

Bereits im Jahr 2009 wurde unter anderem in Banken vor dem Enkeltrick gewarnt.

Warschau/WienZur Tarnung rasierte er Bart und Haare und setzte sich eine Brille auf, so berichten es die Fahnder. Sein Sohn brachte ihm demnach als Handwerker verkleidet Essen ins Warschauer Versteck. Dennoch kam die polnische Polizei dem mutmaßlichen Chef der Enkeltrick-Mafia auf die Spur, der als Erfinder der Betrugsmasche gilt. Vergangene Woche nahm sie Arkadiusz L. in einer Wohnung in der polnischen Hauptstadt fest.

Der Einsatz habe den unter dem Spitznamen „Hoss“ bekannten Betrüger vollkommen überrascht, heißt es von Polens Polizeieinheit für organisiertes Verbrechen CBSP über die Festnahme. „Er leistete keinen Widerstand“, sagt Sprecherin Agnieszka Hamelusz.

Das Phänomen Enkeltrick

Ursprung:

Als Erfinder des Enkeltricks gilt laut Ermittlern der langjährige Clanchef Arkadius L., der zeitweise in Hamburg lebte.

Idee:

Er kam den Berichten nach durch Zufall auf die Masche, da ein älterer Herr seine Anrede am Telefon nicht richtig verstand und ihn fragte, ob er sein Enkel sei.

Die Anrufer:

Die Anrufer sitzen zur Minderung ihres eigenen Risikos oft im Ausland und erhalten bis zu 50 Prozent Beuteanteil.

Vorgehen:

Die Anrufer müssen hochprofessionell vorgehen und perfekt deutsch sprechen, damit sie nicht auffallen.

Die Logistiker:

Die Logistiker streichen etwa ein Viertel der Beute ein, sind dafür zuständig, die Abholertrupps zu koordinieren.

Aufgabe:

Sie checken, wo im Umkreis der Wohnung des potenziellen Opfers Geldautomaten liegen und instruieren die Abholer.

Die Abholer

Die Abholer sind das unterste Glied in der Futterkette der Trickbetrüger, sie gehen mit dem direkten Personenkontakt das größte Risiko ein und werden bandenintern schnell ausgewechselt, wenn sie in einer Region auffällig geworden und somit nicht mehr einsetzbar sind.

Vorgehen:

Meist agieren bei einer Aktion drei Abholer: ein Fahrer, ein Observant und ein Abholer – meist werden für letztere Aufgabe in den Clans eher Frauen ausgewählt, da sie mutmaßlich vertrauenswürdiger wirken.

Ermittlungshemmnisse:

Häufig kommen die deutschen, österreichischen oder schweizerischen Ermittler nicht an die Hintermänner heran, da sie von anderen Ländern aus agieren, etwa aus Polen. Die dortigen Behörden kooperieren, können allerdings häufig nicht alle Taten nachweisen, die deutsche Behörden bilanzieren.

Anderes Recht:

Auch sehen ihrer Rechtsvorschriften meist andere Strafmaße als die deutschen Gesetze vor – sodass die Täter mit vermindertem Strafmaß davon kommen. Eine Auslieferung findet meist nicht statt. Ermittlungserfolge: Im Sommer gelang in einer seltenen Kooperation zwischen den Strafverfolgungsbehörden verschiedener Bundesländer und polnischer Behörden ein Schlag gegen den Clan des „Erfinders“ Arkadius L.:

Festnahmen:

Die Ermittler konnten zehn Köpfe des Clans festnehmen, darunter auch die Hauptanrufer Arkadius L. und Adam P. Im Zuge der Festnahmen wurde deutlich, dass sich die Betrüger über ihre Masche einen beträchtlichen Luxus inklusive rauschender Familienfeste und schneller Sportwagen aufgebaut hatten.

Ein Kampf gegen Windmühlen?

Viele der gefassten Hintermänner sind mittlerweile wieder auf freiem Fuß, sie hatten nur einige Monate Untersuchungshaft über sich ergehen lassen müssen. Danach mussten sie eine Erklärung abgeben, dass sie die Opfer in denen ihnen nachgewiesenen Betrugsfällen entschädigten.

Empörung:

Deutsche Ermittler entzürnt das, da sie davon ausgehen, dass die Personen weit größere Schäden angerichtet haben und da kaum gesichert ist, dass sie nicht künftig weiterhin ihre Netzwerke anleiten. Dennoch sind seit der vermehrten Aktivität der deutschen Behörden die Fallzahlen in Schwerpunktregionen deutlich zurückgegangen. Umsonst ist der Kampf also nicht.

Rund drei Jahre hatten ihre Kollegen gemeinsam mit Hamburger Ermittlern nach dem mutmaßlichen Kopf der organisierten Bande gesucht, die in großem Stil deutsche, Schweizer- und österreichische Senioren mit der Enkeltrick-Masche bestohlen haben soll. Der 49-jährige Pole war ihnen im Februar dieses Jahres bereits knapp entkommen. Ein polnisches Gericht ließ ihn auf Kaution frei. „Hoss“ tauchte zum vereinbarten Termin nicht wieder auf.

Jetzt werde er wohl nicht so schnell wieder auf freien Fuß kommen, sagt Hamelusz. Die dreimonatige Untersuchungshaft könne die Staatsanwaltschaft verlängern. Sie wirft dem 49-jährigen Polen Betrug in vier Fällen mit einem Schaden von rund 300.000 Euro vor. Nach Angaben der österreichischen Polizei soll die „Hoss“-Bande im deutschsprachigen Raum sogar eine Milliarde Euro erbeutet haben.

Erfolge der Polizei gegen Enkeltrick-Betrüger

Sondereinheit:

Die Sondereinheit Einheit Cash Down II aus Karlsruhe wurde 2014 eingestellt, da die Zuständigkeiten im Zuge einer Gebietsreform der Behörden neu verteilt wurden.

Regionale Zuständigkeit:

Nun werkeln wieder alle Polizeipräsidien vor sich hin. Das könnte ein Problem sein: „Um organisierte Kriminalität richtig und wirkungsvoll bekämpfen zu können, sollte man zentral vorgehen – schon allein wegen der Personenkenntnis, die man im Umgang mit den Familienclans beim Enkeltrick braucht“, sagt Ermittler Andreas Gerdon.

Fälle:

Zwischen 2010 und Mitte 2013 ermittelte die Sondereinheit in 348 Fällen, klärten 188 auf.

Erfolge:

Sie erreichten 75 Haftbefehle und bilanzierten einen Schaden von 3,7 Millionen Euro und zusätzlich von 2,7 Millionen Zloty bei Betrugsfällen in Polen, was noch einmal knapp 650.000 Euro entspricht.

Unterfranken:

Auch andere Polizeistellen bestätigten mit eigenen Aufstellungen über das Phänomen, das statistisch sonst unter Trickbetrug subsummiert wird, die zunehmende Relevanz. So verzeichnete das Polizeipräsidium Unterfranken etwa 2010 erst 59, im Jahr 2013 dagegen schon 234 Fälle des Enkeltricks in ihrer Zuständigkeit.

Mehr als ein Dutzend Komplizen habe der Pole gehabt, vor allem aus der Familie, wie Hamelusz sagt. Als ihr Anführer soll „Hoss“ den Enkeltrick erfunden haben. Bei der Masche gaukeln Betrüger ihren zumeist älteren Opfern am Telefon vor, ein Verwandter zu sein. Als vermeintliche Enkel oder Neffen bringen sie die oft alleinlebenden Senioren dann dazu, ihnen Geld zu geben.

Zwei Festnahmen

ArtikelDutzende Senioren mit "Enkeltrick" abgezogen

Eine Bande von Betrügern, die bundesweit ältere Menschen mit dem so genannten Enkeltrick um ihr Geld gebracht hat, ist jetzt aufgeflogen. Zwei 18 und 19 Jahre alte Männer wurden als mutmaßliche Haupttäter festgenommen.

Mit dem simplen und zugleich perfiden Trick war „Hoss“ möglicherweise lange im Geschäft. „Mindestens zehn Jahre – mindestens“, sagt Hamelusz. Bis er gefasst worden sei, habe er wohl abwechselnd in Deutschland, Polen, Österreich und Großbritannien gelebt, mutmaßt sie.

Wo „Hoss“ nun vor Gericht kommt und was er selbst zu den Vorwürfen sagt, steht bislang nicht fest. Nicht nur Polen will den mutmaßlichen Betrüger zur Verantwortung ziehen. Österreich erließ einen europäischen Haftbefehl. Einer Auslieferung habe der Beschuldigte freiwillig nicht zugestimmt, sagt Michal Dziekanski von der Warschauer Staatsanwaltschaft. Die polnische Justiz werde nun über das Gesuch entscheiden.

Von

dpa

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