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02.03.2013

10:11 Uhr

Pontifex-Nachfolge

Wetten, dass ein Ghanaer Papst wird?

Wenn es nach den Wettquoten geht, ist die Papst-Nachfolge längst entschieden. Bei britischen Glücksspielanbietern ist Kardinal Peter Turkson aus Ghana der Favorit. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie richtig liegen.

Falsche Wahlplakate für den Kardinal Peter Turkson in Rom. Der Ghanaer ist laut Wettanbietern der große Favorit auf den Papst-Posten. Reuters

Falsche Wahlplakate für den Kardinal Peter Turkson in Rom. Der Ghanaer ist laut Wettanbietern der große Favorit auf den Papst-Posten.

LondonIm glücksspielbegeisterten Großbritannien laufen die Wetten auf den nächsten Papst. Beim Buchmacher William Hill, einem der größten Anbieter von Wetten aller Couleur, ist Kardinal Peter Turkson aus Ghana Favorit, gefolgt von Angelo Scola aus Italien. „Ich denke unsere Kunden wetten auf Scola, weil viele der bisherigen Päpste aus Italien kamen“, sagte ein Sprecher des Buchmachers. Für eine Wette auf Turkson spreche die Vermutung, dass die Zukunft der katholischen Kirche in Afrika liege.

Wer derzeit zwei Pfund auf den Kardinal aus Ghana setzt, bekommt im Erfolgsfall seinen Einsatz plus fünf Pfund Gewinn ausgezahlt. Wer auf Scola setzt, bekommt elf Pfund für vier. Der Erzbischof von Wien, Christoph Schönborn, liegt immerhin noch mit einer Quote von 10:1 im Rennen. Ein deutscher Kardinal ist nicht unter den Wettfavoriten.

Die möglichen Papst-Kandidaten

Joao Braz de Aviz, Brasilien, 65 Jahre

Er brachte frischen Wind in den Vatikan, als er 2011 zum Präfekten der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens gewählt wurde. Er befürwortet die Hinwendung zu den Armen, wie sie die lateinamerikanische Befreiungstheologie anstrebt, tendiert aber nicht zu den extremeren Ausprägungen dieser Lehre. Ein Nachteil für ihn dürfte sein, dass er relativ unbekannt ist.

Timothy Dolan, USA, 62 Jahre

Er ist die Stimme der US-amerikanischen Katholiken, seit er 2009 zum Erzbischof von New York ernannt wurde. Sein Humor und sein Schwung haben den Vatikan beeindruckt, dem es häufig an beidem mangelt. Die Kardinäle stehen einem Papst aus einer Supermacht jedoch skeptisch gegenüber, außerdem könnte seine kumpelhafte Art für einige zu amerikanisch sein.

Marc Ouellet, Kanada, 68 Jahre

Als Leiter der Bischofskongregation ist er so etwas wie der Personalchef im Vatikan. Er sagte einmal, Papst zu werden "wäre ein Alptraum". Obwohl er innerhalb der Kurie gut vernetzt ist, könnte der weitverbreitete Säkularismus in seiner Heimatprovinz Quebec gegen ihn sprechen.

Gianfranco Ravasi, Italien, 70 Jahre

Er ist seit 2007 der Kulturminister des Vatikan und vertritt die Kirche in der Welt der Kunst, der Wissenschaft, der Kultur und gegenüber Atheisten. Dieser Lebenslauf könnte ihm schaden, falls die Kardinäle beschließen, dass sie einen erfahrenen Seelsorger als Papst wollen und nicht schon wieder einen Professor.

Leonardo Sandri, Argentinien, 69 Jahre

Er kam als Kind italienischer Eltern in Buenos Aires zur Welt und ist damit ein echter transatlantischer Brückenbauer. Von 2000 bis 2007 hatte er den dritthöchsten Posten der Kirche als Stabschef des Vatikan inne. Er besitzt allerdings keine seelsorgerische Erfahrung und als Aufseher der Kirchen im Osten hat er nicht viel Macht in Rom.

Odilo Pedro Scherer, Brasilien, 63 Jahre

Er gilt als stärkster Kandidat aus Lateinamerika. Der Erzbischof von Sao Paolo, der größten Diözese im größten südamerikanischen Land, zählt in seiner Heimat zu den Konservativen, würde andernorts aber als gemäßigt durchgehen. Das rasante Wachstum der protestantischen Kirchen in Brasilien könnte gegen ihn sprechen.

Christoph Schönenborn, Österreich, 67 Jahre

Er ist ein früherer Student von Papst Benedikt, aber stärker als dieser von der Seelsorge geprägt. Der Erzbischof von Wien gilt als Anwärter auf das Amt des Papstes, seit er in den 90er Jahren den Katechismus herausgegeben hat. Er ist allerdings bei einigen Priestern in Österreich sehr unbeliebt.

Angelo Scola, Italien, 71 Jahre

Sein Posten als Erzbischof von Mailand gilt als Sprungbrett für das Amt des Papstes. Viele Italiener setzen auf den Bioethik-Experten. Als Chef der Stiftung zur Förderung des Verständnisses zwischen Muslimen und Christen kennt er auch den Islam. Er ist allerdings nicht sonderlich beredt, was ihm schaden dürfte, falls die Kardinäle einen Charismatiker an der Spitze der Kirche sehen wollen.

Luis Tagle, Philippinen, 55 Jahre

Sein Charisma wird oft mit der Ausstrahlung von Papst Johannes Paul verglichen. Er gilt auch als Vertrauter Benedikt, nachdem er mit ihm in der Internationalen Theologenkommission zusammengearbeitet hat. Er verfügt über viele Anhänger, wurde aber erst 2012 zum Kardinal ernannt - und jüngeren Kandidaten steht das Konklave meist skeptisch gegenüber.

Peter Turkson, Ghana, 64 Jahre

Er gilt als aussichtsreichster Kandidat aus Afrika. Als Leiter des vatikanischen Büros für Frieden und Gerechtigkeit ist er das soziale Gewissen der Kirche und plädiert für eine globale Finanzreform. Bei einer vatikanischen Synode zeigte er ein muslimkritisches Video und erregte damit Zweifel daran, wie er zum Islam steht.

Bei William Hill schätzt man, dass bei allen britischen Buchmachern bis zur Papstwahl insgesamt eine Million britische Pfund (rund 1,16 Millionen Euro) eingesetzt werden. Das ist wenig verglichen mit den Einsätzen bei einem einzigen Premier-League-Fußballspiel, wo oft bis zu drei Millionen Pfund über den Tresen gehen. Trotzdem sei die Papst-Nachfolge für eine Wette außerhalb des Sports sehr stark, heißt es bei William Hill. Bei der Wahl des britischen Premierministers werde etwa doppelt so viel Geld gesetzt.

Der Wett-Experte Leighton Vaughan Williams, Professor an der Nottingham Business School, geht sogar von einem Gesamteinsatz von bis zu zehn Millionen Pfund aus. Damit wäre die Papstwahl eines der größten Wett-Ereignisse der Geschichte, außerhalb des Sports. Grundsätzlich sei es schwierig, die Papst-Wahlen einzuschätzen, weil im Gegensatz zu politischen Wahlen nur eine kleine Gruppe Menschen wählt, die möglichst wenig Informationen nach außen dringen lässt. Einen guten Hinweis soll es aber geben: „Die Wettquoten sind die beste Richtschnur, die wir uns denken können“, betont Williams.

„Vor dem Konklave 2005 war Kardinal Ratzinger der Favorit in den Wettbüros und verließ die Sixtinische Kapelle als neuer Papst.“ Das sei aber kein Einzelfall: „In der Geschichte wurde häufig derjenige Kardinal zum Papst gewählt, der kurz vor dem Konklave bei den Buchmachern als Favorit gehandelt wurde – auch wenn sich die Quoten während des Konklaves noch einmal geändert haben.“

Die Wett-Leidenschaft bei Papst-Wahlen hat eine lange Tradition, sagt Williams. „Organisiertes Wetten auf die Identität des nächsten Papstes kann mindestens bis zum Jahr 1513 zurückverfolgt werden, als Leo X. gewählt worden war.“ Auf den amerikanischen Präsidenten sei erst 350 Jahre später gesetzt worden. „Wir wissen, dass beispielsweise 1549/1550 römische Banken Wetten zur damaligen Papstwahl organisierten.“ Und auch damals sei der Favorit auch tatsächlich Papst geworden.

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Von

dpa

Kommentare (4)

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RumpelstilzchenA

02.03.2013, 14:58 Uhr

Die bessere Alternative wäre, kein Papst mehr!!!

dibbeldidu

02.03.2013, 21:09 Uhr

Selbst das ultrakonservative Amerika hat den Sprung gewagt, und einen NICHT-Weißen als Präsidenten gewählt - zum zweiten Mal !!! Wie konservativ sind die wahlberechtigten Katdinäle ???

Bob

02.03.2013, 21:21 Uhr

Die Austrittswelle in der EU wäre phänomenal...

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