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04.10.2011

07:29 Uhr

Presseschau

Griechenland abhaken, Europa retten!

VonMaxim Kireev

Die internationale Wirtschaftspresse sieht trotz der Erweiterung des Krisenfonds EFSF weiterhin schwarz für Griechenland und empfiehlt, lieber an das Schicksal der Eurozone zu denken. Die Presseschau.

Die internationale Wirtschaftspresse fordert, sich auf das Schicksal der Eurozone zu konzentrieren. dpa

Die internationale Wirtschaftspresse fordert, sich auf das Schicksal der Eurozone zu konzentrieren.

DüsseldorfDie britische Financial Times fordert Europas Politiker dazu auf, sich nicht von den Problemen in Athen ablenken zu lassen. Die Einsätze seien viel höher. „Die drängende Aufgabe ist nicht Griechenland zu retten, sondern die Eurozone“, schreibt das Blatt. Momentan sei es kontraproduktiv, Griechenland zu weiteren Kürzungen zu drängen. Dies habe bisher nicht nur die Misere des Landes verschlimmert, sondern auch Zweifel über die Robustheit der Eurozone aufkommen lassen. Diese beiden Aspekte müssten voneinander getrennt werden. „Griechenlands Bankrott innerhalb der Eurozone zuzulassen, ist ein Weg, dies zu erreichen“, meint die FT. Dies sei möglich, solange die anderen Wackelstaaten von den schlimmsten Auswirkungen einer solchen Entwicklung geschützt würden. Schließlich sorge Griechenland für lediglich zwei Prozent der europäischen Wirtschaftsleistung, daher dürfte selbst ein Totalausfall nicht übermäßig viel Schaden anrichten.

Auch die Agentur Reuters sieht Griechenland in einem Teufelskreis gefangen. Das Land müsse Schulden aufnehmen, um die laufenden Verpflichtungen zu bedienen, torpediere dabei das Wirtschaftswachstum und verschlechtere somit die Schuldenquote gemessen am BIP. Sich aus diesem Kreislauf zu befreien, würde jedoch noch lange nicht das Problem der griechischen Wettbewerbsfähigkeit lösen. Mit einer Produktivität von rund 30 Prozent unter dem europäischen Durchschnitt könne sich das Land nicht auf den Wachstumspfad zurückkämpfen, indem es den Gürtel immer enger schnalle. Die Reformen würden sich erst in einigen Jahren auszahlen, wobei die Kürzungen sofort die Nachfrage beschnitten. 


Haltbarkeit der Rettungspläne wird immer kürzer

Die Haltbarkeitsdauer von Europas Rettungsplänen werde immer kürzer, attestiert das Wall Street Journal mit Blick auf die Diskussion um den Krisenfonds EFSF. Kaum hätten Europas Parlamente die Ratifizierung der Erweiterung auf 440 Milliarden Euro abgeschlossen, diskutiere man bereits über die nächste Vergrößerung, angesichts der sich zuspitzenden Krise. Eine mögliche Option sei, den EFSF in eine Art Versicherung umzuwandeln. Sollte der Fonds etwa die ersten 20 Prozent der Verluste durch Staatsanleihen versichern, dürfte sich seine Feuerkraft auf 1,25 Billionen Euro erhöhen. Idealerweise könnte der EFSF die Schulden der Banken versichern und die drohende Kreditklemme in der EU zu umschiffen helfen. Doch sei schon die Hilfe für Staaten ein politisch heikles Thema. Grenzübergreifende Hilfen für Banken dürften noch konfliktträchtiger sein. „Europa muss irgendeinen Weg finden, um die Feuerkraft des EFSF zu erhöhen, ansonsten könnte der Druck auf das Finanzsystem der Eurozone zu groß werden“, meint das Blatt.

Wie eine Umschuldung Griechenlands aussehen könnte

Haircut

Die griechische Regierung erklärt sich für zahlungsunfähig und handelt mit ihren Gläubigern einen Forderungsverzicht (Haircut) aus. Für die Geldgeber kann das sehr teuer werden: Bei den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) untersuchten Staatspleiten zwischen 1998 und 2005 musste sie zwischen 13 Prozent (Uruguay) und 73 Prozent (Argentinien) ihres Investments abschreiben. Griechenland könnte seine Schuldenlast von mehr als 340 Milliarden Euro auf diese Weise zwar mit einem Schlag deutlich reduzieren, würde aber seine Kreditwürdigkeit am Finanzmarkt auf Jahre verspielen und sich den Zugang zu frischem Geld verbauen. Auch andere Sorgenkinder wie Irland und Portugal würden dann noch größere Probleme haben, sich neues Geld am Markt zu leihen. Ein weiteres Problem: Die Gläubiger sind vor allem Banken aus Griechenland und anderen Euro-Ländern, denen milliardenschwere Verluste drohten, was wiederum eine neue Finanzkrise auslösen könnte.

"Sanfte Umschuldung"

Eine mildere Form der Umschuldung wäre eine längere Laufzeit der vom IWF und der Europäischen Union gewährten Kredite von 110 Milliarden Euro - verbunden womöglich mit einer erneuten Senkung des Zinssatzes, den Griechenland für die Hilfen zahlen muss.Eurogruppen-Chef Juncker will auch die privaten Gläubiger mit ins Boot holen. Dem Krisenland soll so mehr Zeit eingeräumt werden, seine Schulden zurückzuzahlen und sein Sparprogramm umzusetzen. „Reprofiling“ nennt Jucker das. Ob private Gläubiger dazu gebracht werden sollen, Griechenland eine Atempause zu gewähren und dabei auf Geld zu verzichten, ist offen. Die Commerzbank rechnet nur dann mit einem Erfolg, wenn den Anlegern dafür Rückzahlungsgarantien ausgestellt werden. Das Problem: Die über Jahre angehäuften Staatsschulden müssten auf einen Schlag mit Garantien unterlegt werden - für die am Ende die Steuerzahler in anderen Ländern haften müssen.

Brady-Bonds

Diese Lösung hat in den achtziger Jahren Schule gemacht. Der damalige US-Finanzminister Nicholas Brady handelte einen nach ihm benannten Plan aus, der etliche lateinamerikanische Staaten vor der Pleite rettete. Übertragen auf Griechenland würde er wie folgt funktionieren: Banken und andere private Gläubiger tauschen die riskanten griechischen Staatsanleihen zum Marktpreis gegen Papiere ein, die von der Euro-Zone mit einer Garantie versehen werden. Die Gläubiger müssten damit auf einen Teil ihrer Ansprüche verzichten, denn am Markt werden die griechischen Bonds wegen des hohen Ausfallrisikos derzeit mit großen Abschlägen zum Ausgabepreis gehandelt - bei zehnjährigen Bonds sind es fast 40 Prozent. Der Vorteil: Die neuen Papiere sind gesichert, die Gläubiger haben damit Planungssicherheit. Griechenland würde auf diese Weise seine Schuldenlast drücken.

Längere Laufzeiten

Eine mildere Form der Umschuldung wäre eine längere Laufzeit der vom IWF und der Europäischen Union gewährten Kredite von 110 Milliarden Dollar - verbunden womöglich mit einer erneuten Absenkung des Zinssatzes, den Griechenland für die Hilfen zahlen muss. Nach einem Bericht des „Wall Street Journals“ hält der IWF die Schuldenlast für Griechenland intern für untragbar und soll daher eine Laufzeitverlängerung der Finanzhilfen auf bis zu 30 Jahre erwägen. Der IWF dementierte dies allerdings.

Pariser Club

Die Experten der Großbank UniCredit halten auf mittlere Sicht Verhandlungen zwischen Griechenland und dem Pariser Club für wahrscheinlich. Ihr Argument: Durch bilaterale Kredite und den Ankauf griechischer Anleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB) wird der Anteil der öffentlichen Gläubiger an den Verbindlichkeiten Griechenlands auf mindestens 40 Prozent steigen. Im Pariser Club haben sich 1956 die wichtigsten Gläubigerstaaten zusammengeschlossen und seither 421 Umschuldungsabkommen mit 88 Staaten - von Afghanistan bis Vietnam - im Wert von 553 Milliarden Dollar getroffen. Von 1985 und 1993 stand dem Pariser Club ein Mann vor, der auch in der Schuldenkrise eine zentrale Rolle spielt: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet.

Das Wirtschaftsmagazin Economist schaut auf die Banken, die am gestrigen Handelstag für ein „Meer von roten Zahlen“ gesorgt hätten. Besonders das belgisch-französische Geldhaus Dexia und Morgan Stanley hätten dabei die meiste Aufmerksamkeit bekommen. „Dexias Schwierigkeiten sind gravierender als die von Morgan Stanley, dafür jedoch weniger überraschend“, schreibt das Magazin. Die Bank habe sich seit 2008 nicht von den toxischen Papieren der „ersten Phase der Finanzkrise“ befreien können. Außerdem halte es viele griechische Anleihen. Morgan Stanleys Auftritt im Rampenlicht sei weniger erwartbar und deshalb Besorgnis erregender.

Dabei sei nicht ganz klar, warum es das Institut dermaßen hart getroffen habe. Dies seien wohl die Auswirkungen der Euro-Krise, die sich nun zum ersten Mal dauerhaft in den USA zeigten. „Die vorbeugenden Maßnahmen der Investoren erinnern eher an Panik“, meint das Blatt.

Kommentare (5)

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pendler

04.10.2011, 09:02 Uhr

Gebt den Griechen endlich die Drachme zurück.

Das Leiden muss doch irgendwann auch mal beendet werden. Aber wenn die Griechen mit der Drachme plötzlich wieder gesund werden, macht das Schule und die anderen Länder erkennen, dass der Euro nur dafür da war, um uns an die FED auszuliefern (indirekt).

Pequod

04.10.2011, 09:41 Uhr

Bedauerlicherweise haben die EU-Gestalter niemals den Un-
terschied zwischen einem Betrieb und einem Unternehmen
erkannt. Die EU kann leider nicht als Betrieb geführt
werden, wie die Ereignisse in Griechenland und den an-
deren angeschlagenen EU-Staaten drastisch zeigen, so daß
man davon ausgehen kann, daß die ''Führung'' in Brüssel
mit ihren betrieblichen Vorstellungen daneben liegt und zum Scheitern verurteilt ist.

Account gelöscht!

04.10.2011, 10:42 Uhr

Die Story mit Grichenland kann ich nicht mehr hören..., denn im Kern geht es nicht um die paar Griechen, es geht auch nicht darum, dass andere Staaten folgen könnten etc. Es geht einzig und allein um den europäischen Bankensektor und hier im speziellen um die französichen (belgischen) Banken, namhaft Dexia, BNP, SocGen. Allein diese Häuser haben in Griechenland wohl ca. 100 Mrd. Euro im Feuer. Fährt Griechenland vor die Wand ist in diesen Häusern die Eigenkapitaldecke aufgezehrt und der Bankbetrieb müsste eingestellt werden, bzw. Staaten müssten wieder Banken "retten". Man hat aus Lehman nichts (aber auch wirklich gar nichts!) gelernt!!!
"Unverschämt" ist jedoch, dass uns die Politiker dieses ganze Getue als "Griechenland-Rettung" oder als "EURO-Rettung" verkaufen....Und noch unverschämter ist, dass die Leute, die es beim Namen nenne, öffentlich denunziert werden (Herrschaften wie Bosbach, Schäffler... etc.). Man kommt nicht umhin, die EFSF-Abstimmung mit der Abstimmung über die "Ermächtigungsgesetze" zu vergleichen... Bleib nur noch abzuwarten, wer als "SA" bald pöbelnd durch die Straßen läuft und sog. "Widerständler" festsetzt...

WILLKOMMEN IN DER DIKTATUR DES KAPITALS!!!

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