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18.07.2012

16:07 Uhr

Problemfamilien

Wenn Eltern ihre Kinder verwahrlosen lassen

Hunger, Verwahrlosung, Schläge: Die Schicksale von Kindern, die ihren Eltern bis in den Tod ausgeliefert sind, schockieren immer wieder. Das Sorgerecht wird heute öfter als früher entzogen. Ob das reicht?

Teddys, Blumen und Kerzen vor einem Mehrfamilienhaus in Baden-Württemberg, in dem Ende Mai 2012 ein fast zweijähriges Kleinkind an Verwahrlosung gestorben ist. dpa

Teddys, Blumen und Kerzen vor einem Mehrfamilienhaus in Baden-Württemberg, in dem Ende Mai 2012 ein fast zweijähriges Kleinkind an Verwahrlosung gestorben ist.

WiesbadenExtreme Vernachlässigung ist der Hauptgrund, wenn Richtern Eltern das Sorgerecht für ihre Kinder entziehen. Darin ist sich die Fachwelt einig. Schwerwiegende Ernährungs- und Hygienemängel sowie eine starke emotionale und soziale Vernachlässigung erlebt Richter Stefan Heilmann vom Familiensenat des Frankfurter Oberlandesgerichts immer wieder. „Es gibt Eltern, die haben keinerlei Empathie und können gar nicht erkennen, was ihr Kind braucht.“ Gewalt, psychische Erkrankungen und Suchtprobleme spielen oft auch eine Rolle.

Das Wohl von etwa 12.700 Jungen und Mädchen in Deutschland war nach Auffassung der Familiengerichte im vergangenen Jahr so stark gefährdet, dass sie den Eltern das Sorgerecht ganz oder teilweise aberkannten. Damit waren zehn von 10.000 Kindern und Jugendlichen betroffen - so viele wie nie. Noch vor zehn Jahren waren es gerade einmal fünf von 10.000, wie das Statistische Bundesamt erhoben hat. Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut in München spricht von „einer rasanten Entwicklung“.

Urteilen die Gerichte strenger? „Die verfassungsrechtlichen Maßstäbe für den Entzug des Sorgerechts sind sehr hoch“, erläutert Heilmann. Das körperliche, psychische oder geistige Wohl des Kindes müsse so stark gefährdet sein, dass es mit ziemlicher Sicherheit zur erheblichen Schädigung führe, wenn nicht eingegriffen werde, formuliert es Kindler. Und: Die Eltern können oder wollen diese Gefahren nicht abwenden und die öffentliche Hilfe reicht auch nicht.

„Die Familiengerichte sind früher mit im Boot des staatlichen Wächteramtes“, sagt Heilmann. Sie würden von den Jugendämtern seit 2005 schon angerufen, wenn die Eltern nicht bereit oder in der Lage seien, sich mehr für das Wohl ihres Kindes einzusetzen. Seit 2009 könnten die Gerichte zudem mit den Eltern auch schon mal über eine mögliche Kindeswohlgefährdung sprechen.

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