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21.07.2015

18:56 Uhr

Promis am Online-Pranger

Wenn das Schmähgewitter aufzieht

Ein falsches Wort kann ausreichen, und schon zieht ein sogenannter Shitstorm herauf. Ist das moderne Hexenverfolgung oder haben die Mächtigen nur ein Problem damit, dass jetzt auch jeder andere seine Meinung sagen kann?

BerlinWas verbindet Angela Merkel, Til Schweiger und Dieter Nuhr? Alle mussten in jüngster Zeit einen sogenannten Shitstorm über sich ergehen lassen. Gegen die Bundeskanzlerin richtete sich ein Schmähgewitter, nachdem sie ein Flüchtlingsmädchen – unabsichtlich – zum Weinen gebracht hatte.

Auf Schweigers Facebook-Seite posteten Dutzende Nutzer ausländerfeindliche Kommentare wegen eines Hinweises auf eine Spendenaktion für Flüchtlinge. Und über den Kabarettisten Dieter Nuhr rollte die Empörungswelle nach einer ironischen Bemerkung über Griechenland hinweg.

Stärken und Schwächen von Angela Merkel

„Alternativlos“

Das ist eines der Lieblingswörter, wenn Kanzlerin Angela Merkel andere von ihrer Politik überzeugen möchte. Alternativlos ist derzeit für die CDU auch Merkels achte Wahl zur Parteichefin. Die Christdemokraten können sich momentan nicht vorstellen, wer außer der Physikerin aus der DDR die Partei führen sollte.

Ausdauer

Merkel schreibt sich selbst „kamelartige Fähigkeiten“ zu: Reserven anlegen, dosiert einsetzen. Krank ist sie selten - wenn doch, erfährt man es in der Regel nicht. Anders am Montag. Da war ihr so unwohl, dass sie eine Interview-Aufzeichnung unterbrach. Noch am Abend präsentierte sie sich wieder munter. Wer nicht zäh ist, kann Kanzleramt und Parteivorsitz nicht machen.

Geduld

Merkel kann zuhören - und abwarten. Selten reagiert sie im Affekt. So dauerte es lang, bis sie Russlands Präsident Wladimir Putin offen attackierte.

Uneitel

Anhänger wie Gegner schätzen Merkels Bodenhaftung, ihre unaufgeregte Art. Keine Skandale, keine Eskapaden, keine Diva. Oder wie Wolfgang Schäuble sagt: „Die ist nicht so Hurra-mäßig wie bei Napoleon - aber erfolgreicher.“

Ideologiefrei

Merkel zeigt sich erst einmal für alles offen und denkt nicht in den Grenzen der Unionspolitik.

Kein Redetalent

Merkel kann ein Publikum nicht mitreißen. Öffentlich formuliert sie selten scharf und pointiert.

Erklärungsdefizit

Viele Menschen sagen auch, sie wüssten nicht, was Merkels Botschaft sei. Sie erkläre ihre Politik nicht.

Keine Nachwuchsförderung

Dass Merkel so unangefochten in der CDU ist, liegt auch daran, dass sie Konkurrenten kalt gestellt hat und keine Talente gezielt fördert.

Keine Vision

Kritiker beklagen, dass Merkel keine eigenen Ziele entwerfe, sondern Ideen anderer sammele und dann die Mehrheitsmeinung suche, um nicht zu unterliegen.

Nachtragend

Merkel vergisst nichts. Wer bei ihr einmal in Ungnade fällt, ist abgemeldet. Bei nächst passender Gelegenheit zieht sie Konsequenzen. Vor allem viele Männer sehen darin wieder eine Stärke. „Sie kann Rache kalt genießen“, sagt einer aus der Opposition.

In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ setzte Nuhr sich zur Wehr: Die Anonymität des Internets bedeute „einen zivilisatorischen Rückschritt in Richtung Faschismus und Mittelalter, Pogrom und Hexenverbrennung“, wetterte er. Dagegen regt sich Widerspruch: „Ich halte die pauschale Shitstorm-Kritik der letzten Tage für falsch“, sagt der Tübinger Professor Bernhard Pörksen in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. „Hier zeigt sich, bei aller berechtigten Empörung über eine ungehemmte Aggression, eben auch eine Publikumsverachtung, die nur die Fronten verhärtet.“

#MerkelStreichelt: Die Kanzlerin und das Flüchtlingsmädchen

#MerkelStreichelt

Die Kanzlerin und das Flüchtlingsmädchen

Als ein libanesisches Mädchen bei einem Treffen mit der Kanzlerin weint, weil sie Angst vor der Abschiebung hat, will Angela Merkel tröstende Worte finden. Doch der Versuch misslingt – findet die Twitter-Gemeinde.

Hexenverbrennung oder Publikumsverachtung – was stimmt? Eine pauschale Antwort ist schon deshalb unmöglich, weil die Treiber eines Shitstorms denkbar unterschiedlich sind. Am einen Ende des Spektrums stehen Neonazis und andere Menschenverächter. Wenn es um das Thema Flüchtlinge geht, müssen die Kommentarfunktionen von Zeitungen mitunter gesperrt werden. Bis hin zu Morddrohungen ist alles dabei. Das hat Dieter Nuhr im Blick, wenn er davon spricht, dass die „Vernichtung der abweichenden Meinung“ angestrebt werde: „Ein Shitstorm ist ein Massenauflauf, der zum Ziel hat, den Andersdenkenden (...) mundtot zu machen.“

Dann gibt es jene, die grundsätzlich gegen alles polemisieren und so jede Debatte im Keim ersticken: „Trolle“ werden sie genannt. Doch diese Gruppen allein können kaum hinter einem richtigen Shitstorm stecken. Denn der wird vom Adressaten ja genau deshalb als Sturm empfunden, weil so unglaublich viele Schmähungen auf ihn einprasseln. Die Wahrheit ist: Auch ganz normale Leute haben sich daran gewöhnt, im Internet sehr deutlich ihre Meinung zu sagen.

Prominente sind dabei für viele ein Hilfsmittel, um selbst wahrgenommen zu werden: „Bei Twitter etwa haben Sie ganz besondere Chancen, wenn Sie jemanden mit einem bekannten Twitter-Account in ihren Tweet aufnehmen und sich dann an eine aktuelle Debatte dranhängen“, erläutert Prof. Martin Emmer, der die politische Kommunikation über Online-Medien erforscht.

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