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02.12.2014

13:32 Uhr

Prozess gegen Femen

Oben ohne im Kölner Dom

Am ersten Weihnachtstag 2013 sprang eine junge Frau barbusig auf den Altar des Kölner Doms. Nun muss sich Femen-Aktivistin Josephine Witt vor Gericht für die Aktion verantworten.

Die Femen-Aktivistin Josephine Witt im Kölner Dom: Sie wollte nach eigenen Angaben gegen die katholische Kirche und deren Machtstrukturen protestieren. dpa

Die Femen-Aktivistin Josephine Witt im Kölner Dom: Sie wollte nach eigenen Angaben gegen die katholische Kirche und deren Machtstrukturen protestieren.

KölnMan sollte meinen, dass Joachim Meisner einen gehörigen Schreck bekam, als ihm am ersten Weihnachtstag im Kölner Dom eine barbusige Frau auf den Altar sprang. Aber der Kardinal nahm es gelassen. „Wissen Sie“, sagt er jetzt zur Deutschen Presse-Agentur. „Ich bin 80 Jahre alt. Ich habe so viel erlebt: erst die Nazizeit, dann die ganze kommunistische Zeit – da kann mich sowas doch nicht schrecken.“

Gleichwohl steht die Femen-Aktivistin an diesem Mittwoch (3. Dezember) vor Gericht. Bei Youtube lässt sich die Szene nachverfolgen. Die Frau steht schreiend auf dem Altar, auf ihrem Oberkörper prangt in schwarzen Buchstaben die Parole „I am god“ – ich bin Gott. Männer, darunter einige rot gekleidete Domschweizer (Domwächter), zerren sie herunter und schleppen sie weg.

Die Frau heißt Josephine Witt und bezeichnet sich als Femen-Aktivistin. Unmittelbar nach der Aktion sagte sie der Deutschen Presse-Agentur, sie habe damit gegen die katholische Kirche und deren Machtstrukturen protestieren wollen.

Die Frauenbewegung Femen: Was will sie?

Frauenbewegung

Femen ist eine internationale Frauenbewegung geführt von mutigen Aktivistinnen, die ihre nackten Oberkörper mit Slogans bemalen und auf ihren Köpfen bunte Blumenkränze tragen. So beschreibt sich die Organisation selbst auf ihrer Facebook-Seite.

Quelle: Femen

Aktive

Von den Aktivistinnen seien jene, die an vorderster Front kämpfen, speziell trainierte Frauen, die physisch und psychisch dazu in der Lage sind, humanitäre Aktionen jeglicher Art an Komplexität und Provokation durchzuführen, so Femen.

Haltung

Aktivistinnen seien auf gegnerische Repression vorbereitet - allein ihr ideologischer Wille treibe sie an. Femen bildee als eine Spezialeinheit der feministischen Bewegung eine kriegerische Speerspitze, die moderne Inkarnation der furchtlosen und freien Amazone, heißt es weiter.

Ideologie

„Wir leben in einer Welt der männlichen ökonomischen, kulturellen und ideologischen Vorherrschaft. In dieser Welt ist die Frau eine Sklavin, der das Recht auf jegliche Art von Besitz entzogen wurde. Im Besonderen aber wird sie daran gehindert die rechtmäßige Besitzerin ihres eigenen Körpers zu sein.“

Grundsätze

„Durch die Stärke des Muts und durch das Vorbild der Femen sollen globale aufständische Gesetze von Frauen über das Patriarchat initiiert werden, um die historisch erste und letzte existierende Form der Sklaverei zu beenden.“

Ziel

„Femen strebt an, die einflussreichste und kampffähigste Frauen-Vereinigung der Welt zu werden.“

Forderungen

„Femen fordert die sofortige politische Entmachtung jeglicher diktatorischer Regime, welche unzumutbare Lebensbedingungen für Frauen herstellen. Allen voran theokratische islamistiche Staaten, welche die Shari’ah sowie andere Formen des Krieges gegen Frauen praktizieren.“

Motto

„Mein Körper ist meine Waffe! (My Body Is My Weapon!)”

Finanzen

„Um die Aktionen der Organisation zu ermöglichen, akzeptiert Femen Spenden von Menschen, die die Ideen und Methoden der Bewegung teilen und finanziert sich darüber hinaus durch den Erlös aus dem Verkauf von Kleidung und Accessoires mit den Symbolen der Organisation.“

„Gerade Köln gilt als Hochburg der Katholiken in Deutschland, und Meisner steht für eine sehr konservative Ausrichtung“, sagte sie. Inzwischen ist Meisner allerdings im Ruhestand – sein Nachfolger Rainer Woelki macht bisher vor allem durch Flüchtlingshilfe von sich reden.

Witt war im vergangenen Jahr auch an einer Aktion gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin beteiligt. Damals waren sie und ihre Mitstreiterinnen von Putins Leibwächtern gestoppt worden. Im Dom wurde Witt – obschon bereits überwältigt – von einem Gottesdienstbesucher geohrfeigt. Das Verfahren gegen ihn wurde gegen Zahlung von 500 Euro eingestellt.

Witt hingegen muss sich wegen Störung der Religionsausübung vor dem Amtsgericht verantworten. Sollte sie für schuldig befunden werden, drohen ihr bis zu drei Jahre Gefängnis. Die Femen erinnern auf ihrer Website an den Protest von Pussy Riot in einer russisch-orthodoxen Kirche in Moskau. Als die Bandmitglieder dafür inhaftiert worden seien, hätten deutsche Bürger und Politiker scharf protestiert.

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