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08.07.2013

18:17 Uhr

Prozess gegen Kapitän

Anwaltsstreik gefährdet Start des „Costa Concordia“-Prozesses

Der Prozess gegen den Kapitän der havarierten „Costa Concordia“ könnte sich weiter verzögern. Grund ist ein Anwaltsstreik in Italien. Aber auch, wenn der Prozess pünktlich am Dienstag beginnt, könnte er Jahre dauern.

Das Wrack der Costa Concordia vor Giglio in Italien. Der Prozess gegen den Kapitän des Schiffes soll am Dienstag beginnen. dpa

Das Wrack der Costa Concordia vor Giglio in Italien. Der Prozess gegen den Kapitän des Schiffes soll am Dienstag beginnen.

Grosseto/RomEin Streik der Anwälte in Italien hat den planmäßigen Beginn des Prozesses gegen den „Costa“-Unglückskapitän Francesco Schettino an diesem Dienstag kurzfristig infrage gestellt. Wegen des Ausstands wurde der für Montag vorgesehene Abschluss der Voranhörungen zur Havarie des Kreuzfahrtschiffes auf den 20. Juli verschoben. Am Dienstag sollte das Gericht im toskanischen Grosseto entscheiden, ob das Verfahren gegen Schettino wie geplant beginnt oder auf den 17. Juli vertagt wird.

Die Anwälte in Italien wollen noch bis zum 16. Juli streiken, um gegen Justizreformen zu protestieren. Wenn auch die in den Prozess involvierten Anwälte streiken, könnte der Prozess um die Havarie der „Costa Concordia“ erst danach beginnen. Kapitän Schettino ist dann voraussichtlich der einzige Angeklagte. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem fahrlässige Tötung und Körperverletzung, Havarie und das Verlassen des Schiffes während der Evakuierung vor. Die „Costa Concordia“ hatte im Januar 2012 mit rund 4200 Passagieren und Besatzungsmitgliedern an Bord vor der italienischen Toskana-Insel Giglio einen Felsen gerammt, war aufgeschlitzt worden und gekentert. 32 Menschen starben bei dem Unglück, darunter zwölf Deutsche. Das Wrack liegt immer noch vor der Küste, es soll im September aufgerichtet und weggeschleppt werden.

Fragen und Antworten zum Costa-Concordia-Prozess

Was wird Schettino vorgeworfen?

Schettino muss sich wegen einer ganzen Reihe mutmaßlicher Straftaten verantworten. Ihm werden fahrlässige Tötung und Körperverletzung, Havarie, unterlassene Kommunikation mit den Behörden und das Verlassen des Schiffes während dessen Evakuierung vorgeworfen.

Ist er der einzige Angeklagte?

Voraussichtlich wird Schettino der einzige Angeklagte in dem Prozess sein. Fünf weitere Beschuldigte hatten in den Voranhörungen Deals mit der Staatsanwaltschaft ausgehandelt, die eine direkte Verurteilung ohne Beweisaufnahme vorsehen. Das Gericht muss aber noch entscheiden, ob es dieses Vorgehen zulässt oder den Beschuldigten in einem normalen Verfahren der Prozess gemacht wird.

Wie lange dauert der Prozess?

Das Gericht hat zunächst fünf Verhandlungstage für den Juli angesetzt – wann es danach weitergeht, ist noch offen. Wegen eines Anwaltsstreiks in Italien wird sich der Prozessbeginn verzögern und auf den 17. Juli verschoben. Weitere Termine könnten dann nach der Sommerpause im Herbst folgen und das Verfahren sich über mehrere Monate hinziehen, bevor die entscheidende Phase ansteht.

Wann ist mit einem endgültigen Urteil zu rechnen?

Nach einem möglichen erstinstanzlichen Urteil ist auch eine Berufung möglich, weshalb bis zu einem rechtskräftigen Urteil Jahre vergehen könnten.

Wer nimmt noch an dem Verfahren teil?

Die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere mit Sitz in Genua tritt als Nebenkläger auf. Sie fordert Schadenersatz für den Verlust ihres Schiffes, wollte sich aber vorab nicht zu ihren Erwartungen äußern. Auch die Gemeinde Giglio ist als Nebenkläger zugelassen. „Wir erwarten vor allem, dass die Wahrheit gefunden wird und dass der schlimme Schaden anerkannt wird, den die Insel Giglio erlitten hat“, sagte Sprecher Cristiano Pellegrini. Die Kommune fordere daher mindestens 80 Millionen Euro Schadenersatz.

Haben die Opfer schon Schadensersatzzahlungen erhalten?

Die meisten deutschen Betroffenen haben bereits Entschädigungen von etwa 11 000 Euro angenommen. Mehr als 100 Opfer streiten noch in den USA um höhere Summen. Sie wollen Entschädigungen von jeweils mindestens 100 000 Dollar (etwa 77 000 Euro) bekommen. Auch in dem Prozess in Grosseto wollen einige Überlebende und Opferangehörige als Nebenkläger auftreten.

Das Verfahren könnte ein Mammutprozess werden, der sich über mehrere Monate hinzieht. Für den einzigen Angeklagten Schettino war vorab über eine Haftstrafe von bis zu 20 Jahren spekuliert worden. Der Prozess könnte sich über Jahre hinziehen.

Ursprünglich wollte das Gericht zum Ende der Voranhörungen am Montag beschließen, ob es Absprachen über das Strafmaß zwischen der Staatsanwaltschaft und fünf weiteren Beschuldigten zulässt. Fast alle beteiligten Verteidiger hatten jedoch erklärt, wegen des Streiks nicht an der Voranhörung teilzunehmen, weshalb die Entscheidung auf Samstag kommender Woche verschoben wurde.

Die fünf Beschuldigten – der indonesische Steuermann, zwei Offiziere, der „Costa“-Krisendirektor und der Hotelmanager des Schiffes – hatten sich mit der Staatsanwaltschaft auf das jeweilige Strafmaß geeinigt. Wenn das Gericht die Deals zulässt, sollen sie ohne Beweisaufnahme zu Haftstrafen zwischen 20 und 34 Monaten verurteilt werden, wie die regionale Zeitung „La Nazione“ berichtete.

Die Reederei Costa Crociere und die Kommune Giglio wollen in dem Prozess gegen Schettino als Nebenkläger auftreten und Schadenersatz fordern. Allein die Insel Giglio verlange 80 Millionen Euro, sagte ein Sprecher. Auch Überlebende und Angehörige der Opfer werden zum Prozess in Grosseto erwartet.

Von

dpa

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