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09.01.2004

16:01 Uhr

Prozess geht weiter

„Kannibale von Rotenburg“ suchte Frau fürs Leben

Die Phantasie in seinem Kopf war voller Gewalt. Gleichzeitig suchte er eine Frau fürs Leben - Armin Meiwes. Nett und kinderlieb soll er gewesen sein, sagen Zeuginnen. Bis er einen Mann tötete und aß.

HB KASSEL. Neben Opfern für seine Gewaltfantasien hat der als „Kannibale von Rotenburg“ angeklagte Armin Meiwes gleichzeitig eine Frau fürs Leben gesucht. Zwei Zeuginnen schilderten den 42-Jährigen am Freitag vor dem Kasseler Landgericht zudem als freundlichen, hilfsbereiten und kinderlieben Mann, der sich nach einer eigenen Familie gesehnt habe. Mit beiden Frauen habe er vergeblich versucht, eine feste Partnerschaft aufzubauen. Meiwes hat zugegeben, einen Berliner Ingenieur auf dessen Verlangen getötet, zerlegt und gegessen zu haben.

Eine 39-jährige Zeugin widersprach den Aussage des Angeklagten, sie hätte mit ihm eine Liebesbeziehung gehabt. „Das war keine Beziehung“, betonte die Frau, die eine Zeit lang in Meiwes Nähe gewohnt hatte, am Freitag vor dem Kasseler Landgericht. Sie zeigte sich sehr zurückhaltend und trug bei ihrem Zeugenauftritt offensichtlich eine Perücke. Nach einer gemeinsamen Silvester-Party sei Meiwes ihr zwar sympathisch gewesen. Spätestens als er ihr jedoch gesagt habe, dass er „auf Männer stehe“, sei ihr klar gewesen, dass er nicht der richtige Mann für sie sei.

Meiwes dagegen, der die Zeugin sichtlich verärgert befragte, erklärte, die Beziehung sei daran zerbrochen, dass sie sich habe sterilisieren lassen wollen.

Die Staatsanwaltschaft hat Meiwes wegen Mordes zur Befriedigung des Geschlechtstriebes angeklagt. Die Ermittler werfen dem Computer-Spezialisten aus Rotenburg vor, ab Mitte 1999 im Internet „junge Männer für reale Schlachtung und Verspeisung“ gesucht zu haben. Im März 2001 habe er einem Internet-Bekannten aus Berlin mit dessen Einverständnis den Penis abgeschnitten, den Mann getötet und in der Folgezeit sein Fleisch verzehrt. Zu Prozess-Beginn hatte Meiwes Anfang Dezember ein umfassendes Geständnis abgelegt, dabei jedoch betont, nicht aus sexuellen Motiven getötet zu haben. Sein Anwalt Harald Ermel spricht von Tötung auf Verlangen.

Als Kind keine Vorliebe fürs Schlachten

Ein älterer Halbbruder des Angeklagten berief sich vor Gericht auf sein Recht zur Aussageverweigerung. Der 48-Jährige ließ jedoch zu, dass der Vorsitzende Richter Volker Mütze das Protokoll seiner polizeilichen Vernehmung verlas. Danach hatte er Meiwes bis zu seiner Festnahme im Dezember 2002 als „ganz normalen Typ“ wahrgenommen. „Für mich war es ein ganz normales Leben, was der Armin geführt hat“, sagte er der Polizei.

Als Kind habe Meiwes die üblichen Kontakte zu Gleichaltrigen gehabt, gern gebastelt und sich auch gern um Tiere gekümmert, heißt es in der Aussage weiter. Eine besondere Vorliebe für Schlachtungen habe er nicht gezeigt. Zu seiner Homosexualität habe sich Meiwes auch in der Familie bekannt, nur die Mutter habe dies nicht toleriert. Über Kontakte zur Kannibalismus-Szene habe er dagegen nie etwas verlauten lassen. „Ich war der Auffassung, dass der Armin keiner Fliege etwas zu Leide tun kann“, zitiert das Polizei-Protokoll den Halbbruder, der in der Datenverarbeitung tätig ist.

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