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13.04.2006

09:51 Uhr

Prozess um „Ehrenmord“

Hohe Jugendstrafe für Mord an der Schwester

Zu einer hohen Jugendstrafe hat das Berliner Landgericht einen 20-Jährigen verurteilt, der einen so genannten „Ehrenmord“ an seiner Schwester begangen hatte. Er hatte die Deutsch-Türkin Hatun Sürücü erschossen, da ihr westlicher lebensstil in der Familie auf Ablehung gestoßen war.

HB BERLIN. Das Berliner Landgericht hat den zur Tatzeit erst 18-jährigen Todesschützen zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Die beiden mitangeklagten älteren Brüder wurden freigesprochen. Ihnen konnte keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden.

Das Berliner Landgericht sah es am Donnerstag als erwiesen an, dass der Berliner Türke seine 23-jährige Schwester Hatun am 7. Februar des Vorjahres mit drei Schüssen in den Kopf getötet hatte. Nach Ansicht der Richter musste die junge Frau, Mutter eines kleinen Sohnes, sterben, weil der Täter den westlichen Lebensstil seiner Schwester ablehnte, die auch das muslimische Kopftuch abgelegt hatte. Ungeklärt blieb laut Gericht, ob die Familie den Entschluss zur Tötung gemeinschaftlich fasste.

Der inzwischen 20-Jährige, schmale Mann hatte die Tat gleich zu Beginn des Prozesses gestanden. Das Gericht sprach von einer „unfassbaren Dimension“ der Tat. „Die lebenslustige, junge Frau wurde Opfer, weil sie ihr Leben lebte, so wie sie es für richtig hielt - dafür wurde sie erschossen von ihrem Bruder und das alles mitten unter uns“, sagte der Vorsitzende Richter Michael Degreif. Mit dem Strafmaß blieb das Gericht unter der höchsten Jugendstrafe von zehn Jahren.

Der Fall hatte bundesweit Entsetzen hervorgerufen und eine Debatte über Zwangsehen und Parallelwelten von Ausländern in Deutschland ausgelöst. Die in Deutschland geborene junge Frau hatte sich nach einer Zwangsverheiratung in der Türkei von ihrem Mann getrennt und nach der Rückkehr nach Berlin ein eigenständiges Leben mit ihrem Sohn begonnen.

Hatun Sürücü sei aber auch eine einsame Frau gewesen, die den Kontakt zu ihrer Familie wieder herstellen wollte, sagte der Richter. Hier liege die besondere Tragik des Falles. Durch die Annäherung der Schwester habe sich bei dem jüngeren Bruder der Druck verstärkt, dies zu verhindern. Letztlich habe eine „Mischung aus überlieferten, traditionellen, fest verankerten Vorstellungen von Familienehre in ostanatolischen Familien“ und einem eigenen Islamverständnis des jungen Mannes zu der Bluttat geführt. Er habe die Familienehre aufrechterhalten wollen. Die Lebensweise seiner Schwester habe er verachtet.

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