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14.08.2014

10:42 Uhr

Putins Sanktionen

Reiche Russen müssen Verzicht lernen

Nobelrestaurants in Moskau sind in Sorge. Wegen der Sanktionen können sie ihren verwöhnten Kunden bald viele erlesene Speisen nicht mehr anbieten. Stattdessen kommt wohl Hausmannskost auf den Tisch.

Angst vor Einfuhrstopps

Wie das Importverbot die Russland-Anrainer trifft

Angst vor Einfuhrstopps: Wie das Importverbot die Russland-Anrainer trifft

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MoskauReiche Russen müssen auf einige ihrer Lieblingsgerichte wie australische Steaks oder Sushi mit norwegischem Lachs verzichten. Russland hat verfügt, dass die Einfuhr von Fleisch, Fisch, Gemüse, Käse und anderen Milchprodukten aus den USA, der Europäischen Union, Norwegen, Kanada und Australien gestoppt wird. Doch durch russische Produkte können sie kaum ersetzt werden.

„Wir werden von Rindfleisch aus den USA und Australien nach Brasilien und Argentinien ausweichen müssen, die allerdings kein marmoriertes Rindfleisch produzieren“, sagt Sergei Mironow, der Leiter von RestConsult, Berater und Besitzer mehrerer Restaurants in Moskau. „Wie wir ohne Parmesan, Philadelphia oder Mascarpone auskommen sollen, die wir für Tiramisu, Käsekuchen und Sushi benötigen, weiß ich nicht.“

Fragen und Antworten zu Sanktionen gegen Russland

Auf welche Sanktionen müssen sich Unternehmen einstellen?

Die EU diskutiert bislang über eine mögliche Einschränkung für Rüstungsausfuhren sowie für Exporte von Hochtechnologie für den Energiebereich. Offen ist, was damit genau gemeint ist. Außerdem sollen Möglichkeiten geprüft werden, den Zugang Russlands zu den EU-Finanzmärkten zu erschweren.

Was wären die Folgen?

Eingriffe in die Finanzierung würden die russische Wirtschaft querbeet treffen. „Die Abhängigkeit Russlands von externen ausländischen Finanzierungen hat in den letzten Jahres stark zugenommen“, schreiben die Volkswirte der Hypovereinsbank (HVB). Sollte die EU dem Beispiel der USA mit einem Verbot für die Finanzierung erster russischer Unternehmen folgen, werde dies zwangsläufig sehr schnell wirken - denn bislang hätten russische Firmen Finanzierungen in Dollar zumindest teilweise durch Finanzierungen in Euro ersetzen können.

Und wie sieht es mit Handelsbeschränkungen aus?

Von Handelsverboten beispielsweise bei Rüstung und Maschinen wären natürlich die Hersteller selbst betroffen. Schon jetzt berichten Maschinenbauer über Einbrüche, obwohl es noch gar keine konkreten Schritte gibt. „Die Russen würden uns die Maschinen ja gern abnehmen, aber es ist nicht sicher, ob sie zum Zeitpunkt der Fertigstellung überhaupt noch nach Russland ausgeführt werden können“, sagt der Präsident Branchenverbandes VDMA, Reinhold Festge. Einzelne Firmen berichten, russische Kunden sähen sich schon jetzt nach Alternativen zum Beispiel in Asien um. Die mittelständische Wirtschaft fürchtet, dass ein Embargo bei uns vor allem auf Klein- und Mittelbetriebe in den Branchen Maschinen- und Fahrzeugbau, Elektronische Erzeugnisse, Pharma und Nahrungsmittel zurückschlagen würde.

Wie wichtig ist denn Russland insgesamt als Kunde?

Russland hat zuletzt (2013) Waren für rund 36 Milliarden Euro in Deutschland gekauft. Das entspricht rund 3 Prozent aller Exporte. Damit steht das Land aber nur auf Platz 11 der wichtigsten Kunden, hinter Handelspartnern wie zum Beispiel Belgien, Polen, der Schweiz oder Österreich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes führen aber lediglich 10 Prozent aller Exporteure Waren nach Russland aus. „Für etwa 73 Prozent dieser Unternehmen machen die Exporte nach Russland maximal ein Viertel ihrer gesamten Exporte aus.“ Einzelne Firmen oder Branchen könnten also deutlich heftiger getroffen werden als die Gesamtwirtschaft.

Dann droht also kein handfester Konjunktureinbruch?

Eher nicht. Sollte die ohnehin aktuell schwächelnde russische Wirtschaft weiter einbrechen, hätte das zwar auch negative Konsequenzen für Deutschland. Wegen des begrenzten Anteils der Exporte nach Russland wäre das für die deutsche Wirtschaft aber „wohl verschmerzbar“, meinen die HVB-Ökonomen.

Wie könnte Russland auf ein Embargo reagieren?

Auch das ist völlig unklar. Allerdings hätte Moskau genügend Mittel für einen Gegenschlag: Binnen eines Jahrzehnts hat es das Riesenreich von Platz 16 auf Platz 8 der weltweit größten Volkswirtschaften geschafft. Ein Großteil der Wirtschaftsmacht des „Rohstoffgiganten Russland“ beruht auf Erdöl, Erdgas, Kohle sowie Metallen wie Nickel, Aluminium. Und genau hier könnte das Drohpotenzial liegen - theoretisch zumindest: „Nach rationalen Erwägungen würden sich die Russen stärker selbst schaden, wenn sie uns den Gashahn beginnen abzudrehen, weil sie ... von den Einnahmen daraus abhängig sind“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier, am Donnerstag im Südwestrundfunk.

Im vergangenen Jahr importierte Russland Nahrungsmittel und Agrarprodukte im Wert von 43 Milliarden Dollar, wie aus Regierungsangaben hervorgeht. Auf die Produkte der Verbotsliste entfielen davon etwa 25 Milliarden Dollar, erklärte Capital Economics. Einige Produkte, die schwer zu ersetzen sind – wie spanischer Schinken, italienischer Parmesan-Käse oder sonnengetrocknete Tomaten - könnten ganz von der Speisekarte verschwinden oder sehr rar werden.

Zudem müssen nun örtliche Anbieter gefunden werden, um die Wurst aus der EU zu ersetzen. Viele Fleischkonzerne in Russland sind von EU-Importen abhängig, da die Viehwirtschaft in dem Land nicht weit entwickelt ist.

Kommentare (6)

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Herr peter Spirat

14.08.2014, 10:52 Uhr

yapp, der Russe mss evtl. etwas mehr bezahlen, aber er kann ausweichen. Aber die EU bleibt auf ihren (übersubventionierten) Lebensmitteln sitzen
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Gibt es auch Sanktionsgewinner?

Doch während die beiden Kontrahenten schwere Nachteile erleiden, gibt es auch Gewinner. Russland selbst versorgt sich künftig stärker in den Schwellenländern, die bei den Sanktionsspielchen der EU und USA nicht mitmachen wollen.

Der Handel mit China wurde intensiviert, die Türkei (immerhin NATO-Mitglied!) will künftig mehr Obst und Gemüse liefern, aus Südamerika kommt Fleisch, auch Indien verstärkt seine Handels-Beziehungen mit Russland.

Der EU ist diese Entwicklung ein Dorn im Auge, weil die eigenen Sanktionen damit teilweise ins Leere laufen. Die EU-Kommission warnte deshalb: Wenn andere Länder jetzt die EU-Exporte nach Russland ersetzten, so sei das von einem politischen Standpunkt aus schwer zu rechtfertigen." Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus aber offenbar nicht.

Account gelöscht!

14.08.2014, 11:02 Uhr

Ich habe noch keinen Reichen Menschen erlebt, der auf irgendetwas verzichten musste. Selbst in der sozialistischen DDR konnten treue und hochrangige (=Reich/Mächtig) Staatsbedienstete (Systemfanatiker) ALLES bekommen.

Herr peter Spirat

14.08.2014, 11:10 Uhr

Der HB-Artikel ist ja auch als April-Scherz gedacht.

Gerade die reichen Russen bekomme ALLES, was sie haben wollen. Das ist bei uns so und das ist überall auf der Welt so.

Warum sind diese Menschen denn reich, wenn sie nicht einmal das klaufen können, was sie wollen. Und wenn der Lachs nicht aus Norwegen kommt, kommt er eben aus Latain-Amerika.

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