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14.08.2012

14:54 Uhr

Quidi Vidi Brauerei

Bier aus zehntausend Jahre alten Eisbergen

VonGerd Braune

Iceberg Beer ist der Renner einer kleinen Brauerei in Neufundland. Die Quidi Vidi Brewery produziert ihr Bier mit teils 25.000 Jahre altem Wasser aus Eisbergen – und nutzt dabei das deutsche Reinheitsgebot.

Die blaue Flasche ist ein Markenzeichen von „Iceberg“.

Die blaue Flasche ist ein Markenzeichen von „Iceberg“.

St. John's/NeufundlandWasser von Eisbergen ist für seine Reinheit bekannt. Die kleine Brauerei Quidi Vidi in St. John´s, Hauptstadt der kanadischen Provinz Newfoundland and Labrador, sieht in den Eisbergen, die jährlich in großer Zahl an der Küste der Provinz vorbeitreiben, mehr als ein grandioses Naturschauspiel.

Sie sind die Basis für eine ihrer Marken: Eisbergbier, hergestellt aus zehntausend Jahre altem Eis von Eisbergen. „Wir sind weltweit die einzige Brauerei, die Bier aus Eis von Eisbergen herstellt“, sagt David Rees, Chef und Miteigentümer der Quidi Vidi Brewery.

Quidi Vidi Village ist ein malerisches Fischerdörfchen am Rande von St. John´s. Der natürliche, von Felsen umgebene Hafen ist durch eine nur wenige Meter breite Öffnung mit dem Atlantik verbunden. Boots- und Fischerhäuser schmiegen sich an einer Seite der Bucht an die Felswände, auf der anderen Seite der kleinen Bucht steht, direkt am Wasser, die Brauerei. Der merkwürdige Namen stammt aus einer Zeit, in der Kapitäne ihre Notizen noch in Latein abfassten, erzählt Rees.

Der Kapitän beschrieb, wie er die Bucht entdeckte und „was ich gesehen habe“: „Quid vidi“ oder „quidi vidi“ soll er notiert haben, was der Bucht und der Siedlung, deren Geschichte bis ins frühe 16. Jahrhundert zurückreicht, ihren Namen gab.

Aufmerksam beobachtet der 63 Jahre alte Rees seinen Besucher, während er seine Geschichte erzählt. Rückfragen liest er seinem Gesprächspartner von den Lippen ab. Denn Rees hat seit seinen 30. Lebensjahr eine starke Gehörschädigung, nachdem ein Freund aus Versehen in seiner unmittelbaren Nähe ein Gewehr gezündet hatte. Brauereibesitzer zu sein ist seine zweite Karriere, erzählt der freundliche 63-Jährige, ein echter Neufundländer, geboren in St. John´s.

Bis Anfang der 90er Jahre waren er und sein Geschäftspartner David Fong als Ingenieure in der Ölindustrie tätig. Sie suchten neue Herausforderungen und verfolgten interessiert die Gründung von Mikrobrauereien in Nordamerika. Dann kam das für Neufundland schicksalhafte Jahr 1992: Der Zusammenbruch der Kabeljau-Fischerei bedeutete für Tausende Fischer den Verlust von Arbeit und Einkommen. In Quidi Vidi entstand gerade eine neue Fischfabrik, die nun zur Ruine wurde.

Rees erkannte, welch großartige Umgebung dies für eine Brauerei war. Drei Jahre nach dem Kollaps des Kabeljaufangs gründeten er und Fong die Quidi Vidi Brewing Company, kauften die Bauruine und gestalteten sie in ein Brauhaus um. 1996 wurde das erste Bier auf den Markt gebracht, die Marke 1892, benannt nach dem Jahr, aus dem die Rezeptur stammt und in dem das damals weitgehend aus Holzhäusern bestehende Zentrum von St. John´s fast völlig abbrannte. Für das „Ale“ wird bis heute Malz aus England und Hopfen aus Tschechien importiert. „Nur Wasser, Hopfen und Malz für ein Bier im europäischen Stil“, sagt Rees. Gebraut wird nach dem deutschen Reinheitsgebot. Darauf achten Rees und seine Mitarbeiter, darunter der aus Deutschland stammende Bierbrauer Martin Rohwedder.

Die Idee mit dem Eisberg-Bier kam Rees vor vier Jahren. Immer wieder blockieren die Kolosse, die auf der „Eisbergallee“ an der Küste Labradors und Neufundland nach Süden treiben – wie der Eisberg, der vor 100 Jahren die Titanic versenkte –, die Hafeneinfahrt von Quidi Vidi und sitzen dort wochenlang fest. Eisbergwasser gilt als das reinste Wasser der Welt. „Es gab Wodka aus Eisbergeis, aber bis dahin kein Bier aus Eisbergen“, erzählt der Brauereichef.

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