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12.11.2014

17:34 Uhr

Rassismus-Vorwürfe

Wie lange bleibt der Schwarze Piet noch schwarz?

Der Nikolaus kommt in die Niederlande, und mit ihm der Streit. Daran ändert auch ein neues Urteil nichts: Der Schwarze Piet darf bleiben, trotz der Rassismus-Vorwürfe. Doch er wird längst abgeschminkt.

Ein Mann in Verkleidung von „Sinterklaas“ (Nikolaus) fährt neben seinen Helfern, den „Zwarten Pieten“ (Schwarzer Piet) durch Amsterdam: Die schwarzen Helfer des Nikolauses sorgen für Streit. dpa

Ein Mann in Verkleidung von „Sinterklaas“ (Nikolaus) fährt neben seinen Helfern, den „Zwarten Pieten“ (Schwarzer Piet) durch Amsterdam: Die schwarzen Helfer des Nikolauses sorgen für Streit.

AmsterdamNiederländische Kinder können aufatmen: Der Nikolaus kommt auch dieses Jahr wie gewohnt. Wenn sein Dampfschiff am Samstag in der Käsestadt Gouda ankommt, werden nicht nur Geschenke an Bord sein, sondern auch seine lustigen Helfer, die sogenannten Zwarten Pieten – schwarz angemalt wie immer. Das sei keine Diskriminierung, die verboten werden müsse, befand das höchste Verwaltungsgericht in Den Haag am Mittwoch.

Auch der holländische Nikolaus, Sinterklaas genannt, versprach am Dienstagabend höchstpersönlich: „Es bleibt altmodisch gesellig.“ Rund 900.000 Niederländer – 300-000 mehr als im Vorjahr – schauten gebannt das Exklusiv-Interview mit dem Nikolaus in der ersten Ausgabe des „Sinterklaas-Journaal“, die tägliche TV-Nachrichtensendung zum Nikolausfest am 5. Dezember. Und alle sahen mit eigenen Augen: Die Pieten sind rabenschwarz, haben Kraushaarperücken, dicke rote Lippen und sind kostümiert wie Sarottimohren.

Dagegen hat auch das höchste Verwaltungsgericht nichts. Trotz aller Rassismus-Vorwürfe dürfen die Pieten weiterhin drei Wochen lang mit Sinterklaas durch Städte und Dörfer ziehen. Kein Bürgermeister darf das verbieten, urteilte der Staatsrat in Den Haag.

Die königlichsten Orte der Niederlande

Amsterdam

Hauptstadt und mit etwa 800 000 Einwohnern auch die größte Stadt der Niederlande, jedoch nicht Regierungssitz. Weil Amsterdam die Hauptstadt ist, wird der Thronwechsel hier vollzogen. Die Stadt ist berühmt für ihre von Bäumen und Bürgerhäusern gesäumten Kanäle und stolz auf ihre Tradition der Toleranz - jahrhundertelang zog sie Freigeister und Verfolgte an. Heute kommen jedes Jahr Millionen Touristen - die einen besuchen Museen mit Meisterwerken von Rembrandt und van Gogh, die anderen Rotlichtviertel oder Haschisch-Cafés.

Delft

In der kleinen Stadt befindet sich die Totengruft der Oranier. Der einzige Grund dafür ist, dass 1584 hier ein Attentäter Wilhelm von Oranien - den Stammvater des Oranier-Hauses - erschoss. Der Einfachheit halber begrub man ihn in der größten Kirche der Stadt, die dadurch zur Grabkirche der Oranier wurde. Zuletzt wurde dort 2004 der Vater von Beatrix, Prinz Bernhard, beigesetzt.

Den Haag

Wie Parlament und Regierung residiert auch der Monarch in Den Haag. Willem-Alexander wird zunächst noch im Vorort Wassenaar wohnen bleiben, später übernimmt er dann die Residenzen von Beatrix: das Wohnschloss Huis ten Bosch und das Arbeitsschloss Noordeinde. Beatrix selbst zieht nach Kasteel Drakensteyn bei Utrecht. Die Residenzen sind verglichen mit denen anderer Königshäuser bescheiden: Sie liegen schwer auffindbar in engen Straßen oder weggeduckt hinter Bäumen.

Der königliche Palast

Im Königlichen Palast wird Königin Beatrix am 30. April offiziell abdanken. Kurioserweise wurde das Gebäude als das genaue Gegenteil eines Königspalastes konzipiert. Es war das Rathaus von Amsterdam, und alle seine Skulpturen und Gemälde feiern ein republikanisches Staatswesen. 1806 jedoch machte Napoleon die Niederlande zum Königreich und setzte seinen Bruder Louis auf den Thron. Ein König braucht einen Palast - und so funktionierte er das Rathaus kurzerhand dazu um. Allerdings merkte er schnell, dass man in so einem Verwaltungsgebäude schlecht wohnen kann - zu ungemütlich! Dabei ist es geblieben: Der Palast steht die meiste Zeit leer.

Die Nieuwe Kerk

In der Nieuwe Kerk von Amsterdam wird der neue König Willem-Alexander am 30. April offiziell in sein Amt eingeführt. Die „Neue Kirche“ ist nicht mehr so richtig neu, sondern fast 600 Jahre alt. Sie wird heute nicht mehr für Gottesdienste genutzt, sondern für Konzerte und Ausstellungen. Das Auffälligste an ihr ist, dass der Turm fehlt. Ursprünglich war einer geplant, doch dann gaben die Amsterdamer ihr Geld lieber dafür aus, das größte Rathaus Europas zu bauen. Die Kirche sollte das öffentliche Leben lieber nicht zu stark dominieren.

Doch damit ist die erbitterte Debatte noch längst nicht beendet. Denn die Richter äußerten sich nicht zum Rassismus-Vorwurf. Dazu sei es nicht befugt. „Auch wenn das für alle Beteiligten unbefriedigend ist“, räumte der Vorsitzende Richter Jaap Polak ein.

Die Kläger sind enttäuscht. Sie erwägen nun, vor den Europäischen Gerichtshof zu ziehen. „Zwarte Piet ist Rassismus“, sagt Quinsy Gario. Der Künstler hatte im vergangenen Jahr die Proteste in Gang gesetzt. Für ihn und andere schwarze Niederländer aus den früheren Kolonien Surinam und den Antillen ist die Figur ein Symbol der grausamen Sklavenzeit und der alltäglichen Diskriminierung.

Dem stimmte auch ein UN-Menschenrechtsausschuss zu. Und im Juli befand das Amsterdamer Verwaltungsgericht: Zwarte Piet sei ein „negatives Stereotyp des schwarzen Menschen“. Dieses Urteil aber hob das höchste Gericht des Landes nun auf.

Für die meisten weißen Niederländer sind die Vorwürfe totaler Unsinn. Für sie sind die Pieten lustig, freundlich und bringen den Kindern am 5. Dezember die Geschenke. „Es ist Tradition und ein unschuldiges Kinderfest“, empört sich etwa die Pieten-Gilde, die selbst ernannte Lobby des Festes.

Doch das Fest hat längst seine Unschuld verloren. Die Pieten-Fundamentalisten schrecken vor nichts zurück: Wütende Leserbriefe, Boykottaufrufe gegen Geschäfte und sogar Todesdrohungen. Wer dem Piet an die Schminke will, muss sich auf etwas gefasst machen. Nun scheinen sie Erfolg zu haben. „Schwarze Piet bleibt schwarz“, titelte triumphierend die Boulevardzeitung De Telegraaf. Doch das ist voreilig.

Trotz des Urteils stehen die Bewahrer der Tradition auf verlorenem Posten. Viele Niederländer wollen nämlich nur eins: Ein Ende von Zank und Streit. Promis wie Top-Model Doutzen Kroes und Ex-Fußballer Patrick Kluivert sind für ein „Piet-Makeover“. Und sogar die Sieger des Gerichtsverfahrens zeigten sich nach dem Urteil kompromissbereit: Die Tradition werde sich verändern, langsam aber sicher.

Und tatsächlich: Piet wird längst abgeschminkt. Supermärkte und Warenhäuser werben mit bunten oder weißen Pieten. Ein Discounter verkauft sogar schwarze Nikoläuse. Die Stadt Amsterdam, die nun von den Richtern recht bekommen hat, will den Helfern schwarze Ruß-Flecken aufs Gesicht schmieren. Dann weiß jedes Kind, dass sie nur schwarz sind, weil sie durch die Schornsteine in die Häuser klettern. Die Käsestadt Gouda will auch einen goldgelben „Käse-Piet“ und einen braunkarierten „Waffel-Piet“ präsentieren.

Von

dpa

Kommentare (1)

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Herr Rainer Gabriel

17.11.2014, 15:44 Uhr

Ich konnte am 15.11.14 in Enschede den Einzug von Sinterklaas und seinen swarten Piet's erleben. Wenn es in Deutschland ein solch fröhliches Fest für Kinder gäbe, wäre es einfach nur schön. Kein Kind sieht schwarze Diener sondern freundliche Piet's mit kleinen Gaben die sich in den vielen Kostümen der Kinder wiederspiegeln. Sie wollen wie er aussehen.
Ein Zigeunersteak ist da viel rassistischer...ich muss schmunzeln

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