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19.05.2015

17:08 Uhr

Ratgeber in Anzeigenblatt

Gleichgeschlechtliche Ehe? Verstört die Kinder

Das Amtsblatt „OWL am Sonntag“ erlebt derzeit zweifelhaften Ruhm im Internet. Eine Ratgeberin empfiehlt im aktuellen Heft den Boykott einer schwulen Hochzeit – zum Wohl der Kinder. Die Sozialen Medien rotieren.

Für manche ist die homosexuelle Ehe offenbar ein rotes Tuch. dpa

Gleichgeschlechtliche Hochzeit

Für manche ist die homosexuelle Ehe offenbar ein rotes Tuch.

DüsseldorfRatgeber in Zeitungen und Zeitschriften können eine hilfreiche Sache sein. Hier können Menschen meist anonym Rat für Situationen einholen, in denen sie nicht wissen, wie es weitergehen soll. Und offen reden, ohne persönlich konfrontiert zu werden. Entsprechend beliebt sind diese Rubriken in verschiedensten Publikationen. Das kann mal Dr. Sommer in der „Bravo“ sein, Psychologen oder Mediziner in diversen Wochenzeitschriften – oder auch einmal Barbara Eggert im ostwestfälischen Beilagenblatt „OWL am Sonntag“.

Es ist ein Anzeigenblatt, wie es in dieser Form vielfach gibt. Es kommt als Beilage zur „Westfalen-Blatt“, wird von einem Tochterunternehmen des Verlags herausgegeben und erreicht in der Region zwischen Paderborn und Bielefeld Mediadaten zufolge eine Auflage von mehr als 300.000 Exemplaren.  Einer dieser mehreren Hunderttausend Leser ist Bernhard, 43 Jahre alt, Name vielleicht von der Redaktion geändert. Der Vater von zwei Töchtern im Alter von sechs und acht Jahren hat Sorgen, was die seelische Unversehrtheit seiner Kinder angeht. Grund seiner Besorgnis: die gleichgeschlechtliche Hochzeit seines Bruders.

Im Leserbrief schildert er sein Dilemma: Sein homosexueller Bruder ehelicht seinen Lebenspartner und hätte gerne, dass seine Nichten zu den Blumenkindern gehören. Bernhard bereitet das Bauchschmerzen. Denn Bernhard bereitet diese Form der Ehe Bauchschmerzen. Er artikuliert seine Sympathie für seinen zukünftigen Schwager, hat nichts gegen Schwule, aber dann kommt das Aber: Die Ehe, so hat er den Töchtern erklärt, das sei „eine ernste Entscheidung zwischen Mann und Frau“.

Sein Bruder und dessen Freund seien „wunderbare Menschen“, eine Ehe findet er jedoch „unpassend“. Für ihn und seine Frau sei es ein Problem, dass sich die Kinder in diesem Alter schon mit dem Thema sexuelle Orientierung auseinandersetzen müssen. Bernhard möchte nun wissen, wie er sich verhalten soll, offenkundig unsicher, wie eine Entscheidung gegen den Wunsch des Bruders aufgenommen würde.

Die öffentliche Antwort Barbara Eggerts folgte am vergangenen Sonntag in „OWL am Sonntag“. Wer ein Plädoyer für eine offene Gesellschaft erwartete, fand sich überrascht: die Ratgeberin empfiehlt Bernhard klipp und klar, seine Kinder von der Hochzeitsfeier fernzuhalten. „Ich gebe Ihnen Recht, Ihre Töchter würden durcheinandergebracht“, führt sie im Antwortschreiben aus und erläutert: „Andere Kinder mögen vielleicht liberaler aufgewachsen sein, Ihre Töchter sind anders erzogen.“ Sie würden sich noch früh genug mit dem Thema Sexualität befassen.

Der Antwortbrief landet mitten im Spannungsfeld zwischen elterlicher Erziehungshoheit und offen gelebten und auf Kinder projizierten Vorurteilen. Die elterlichen Bedenken werden jedoch nicht mit Sachkenntnis entkräftet, der Ratschlag, die Kinder von einer letztlich normalen Hochzeit fernzuhalten, bleibt fachlich unbegründet. Auch die Frage, ob es die Kinder nicht erst recht verwirrt, wenn sie ohne Grund nicht bei der Hochzeit ihres Onkels dabei sein dürfen, bleibt unangetastet. Offen auch, was die Kinder an zwei Menschen, die eine Liebesbeziehung miteinander gefunden haben, überhaupt verstören soll.

Die von „OWL am Sonntag“ gewählte Zeile „Wir wollen unsere Töchter schützen“ wirkt dabei nicht zwingend einer Debatte förderlich. Die Chance, offen über Ressentiments zu sprechen und unbegründete Ängste zu nehmen, bleibt ungenutzt. Der Leserbrief wirft ein Schlaglicht auf verunsicherte Eltern und zeigt, dass die rechtliche Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Ehe auch im Jahr 2015 keine Selbstverständlichkeit in der Mitte der Gesellschaft ist. Das Westfalen-Blatt hat inzwischen in einer Stellungnahme den Ratschlag der Psychologin Eggert verteidigt, aber eingeräumt, zu wenig Raum für Erläuterungen gelassen zu haben.

Ungehalten waren und sind die Reaktionen in den Sozialen Netzwerken. Bei Facebook und Twitter verbreitet sich der Beitrag als Foto, gerade auf Twitter wird unter dem Namen der Ratgeberin eifrig diskutiert. Viele Nutzer fordern zudem auf, Barbara Eggert über die im Beitrag angegebene Kontaktadresse eine Protestmail zu schreiben. Mit dabei: Autorin und Spiegel-Kolumnistin Sibylle Berg:

Der Lesben- und Schwulenverband benennt auf Twitter das Vorurteil beim Namen:

Im Netz kommt es dann doch zur Debatte, mit Gegenstimmen:

Von

alm

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