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10.03.2006

21:55 Uhr

Reportage

13,5 Millionen Hühner, ein Virus

VonKatharina Slodczyk

Für Vechta kann H5N1 kommen – wie sich der Landkreis mit der höchsten Geflügeldichte mit Eigenkonstruktionen auf die Vogelgrippe vorbereitet hat. Die Schweinepest hat die Krisenmanager gestählt.

VECHTA. Eine solche Konstruktion war den Mitarbeitern beim Tüv in Vechta noch nicht untergekommen: ein zwei Meter langer Anhänger mit einem grauen Aufsatz, oben eine Art Einwurfschacht mit einem Deckel, der luftdicht abschließt. „Erst hatten wir schon Probleme, jemanden zu finden, der uns so was schnell baut“, erzählt Heinrich Lübbers, Auftraggeber des Unikats, „und dann stellt sich der Tüv auch noch an.“ Das konnte Lübbers wirklich nicht gebrauchen.

Die Tüv-Plakette hat das Gefährt dann doch bekommen. Mit der Spezialkonstruktion wird das Veterinäramt am Tag X bei Hobby-Geflügelhaltern vorfahren, wenn das Vogelgrippevirus H5N1 die Region erreicht hat. Der Hänger ist dann mit Kohlendioxid gefüllt – Tiere, die dort hinein geworfen werden, sterben an einer Lähmung der Atemorgane. „Kleinstanhänger für die Hobbyhaltung“, nennt Lübbers das Vehikel.

In „Chicken Country“, wie der Landstrich zwischen Oldenburg und Osnabrück mit seinen 13,5 Millionen Hühnern heißt, hat man Sinn für Details. „Wir haben hier ja nicht nur große Höfe, sondern müssen auch an die Hobbyhalter mit 10, 20 Hühnern denken“, sagt Lübbers, oberster Veterinär im Landkreis. Er überwacht die 450 Geflügelmastbetriebe in Vechta und Umgebung. Auf jeden Einwohner kommen hier 100 Hühner – damit ist die Geflügeldichte so groß wie nirgendwo sonst auf der Welt. Fast jeder dritte Beschäftigte arbeitet hier in der Landwirtschaft, viele davon in der Geflügelproduktion, in einer Schlachterei, in einem Betrieb, der Hähnchen zu Chicken McNuggets macht, oder in einem anderen Unternehmen, das zur Vermarktungskette rund ums Huhn gehört. Kein Wunder, dass nirgendwo sonst in Deutschland die Angst vor der Vogelgrippe so groß ist wie in dieser Region.

Seit Monaten hat sich der Landkreis auf das Virus vorbereitet. Wird ein infiziertes Tier gefunden, tritt ein Krisenplan in Kraft, der sechs eng beschriebene DIN-A4-Blätter füllt. Im Umkreis von einem Kilometer um den Fundort werden alle Hühner getötet. Im Radius von drei Kilometern darf kein Hähnchen, kein Ei die Sperrzone verlassen. Weiße Schilder, auf denen in großen, roten Lettern „Geflügelpest – Sperrbezirk“ steht, liegen zu Dutzenden in Metallregalen im Keller des Veterinäramtes bereit. Die schon lange eingelagerten Desinfektionsschleusen werden dann rausgeholt. Die neueste Schutzkleidung, die der Landkreis für 40 000 Euro gekauft hat, kommt zum Einsatz. Nach Bedarf werden eine Schützenhalle, ein Sportler- oder Jugendheim zu einem Stützpunkt für Helfer ausgebaut, die der Landkreis bei der Freiwilligen Feuerwehr und dem Technischen Hilfswerk rekrutieren kann. Hinzu kommen Mitarbeiter von außen – von Firmen, die Kadaver beseitigen, Kohlendioxid liefern oder helfen, die Tiere in eine elektronische Tötungsmaschine einzuhängen. „Vier Stück haben wir davon, jede ist für die Keulung von 5 000 Hühnern pro Stunde ausgelegt, parallel dazu können wir ganze Ställe mit Kohlendioxid begasen und unseren Kleinstanhänger einsetzen“, sagt Lübbers, ein grauhaariger, schlaksiger Mann, der eher hölzern wirkt, solange er über die Feinheiten des Tötens reden muss.

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