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12.10.2016

19:56 Uhr

Rocker-Beerdigung

Ausnahmezustand am Friedhof

Auf dicken Maschinen kommen Hunderte Rocker nach Gießen zur Trauerfeier des getöteten Hells Angels-Bosses Mucuk. Den Aufmarsch am Friedhof wollen sich viele Schaulustige nicht entgehen lassen.

Rockerszene in Gießen

Hells-Angels-Beerdigung unter Polizeischutz

Rockerszene in Gießen: Hells-Angels-Beerdigung unter Polizeischutz

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GießenDas Dröhnen Dutzender Motorräder kündigt die Rocker an, die zur Beisetzung des erschossenen Gießener Hells Angels-Chefs anrücken. Dann fährt einer nach dem anderen vor dem Friedhof vor, ein minutenlanger Korso aus dicken Maschinen und Männern in Kutten. Am Ende zählt die Polizei insgesamt mehr als 1200 Menschen, darunter Hunderte Szene-Angehörige, die am Mittwoch zur Trauerfeier für den 45-jährigen Aygün Mucuk kommen.

Für die mittelhessische Stadt Gießen bedeutet das quasi den Ausnahmezustand. Zumindest rund um den Friedhof. Mehrere hundert Polizeibeamte sind im Einsatz, Straßen werden gesperrt und eine nahe gelegene Schule beendet früher als sonst den Unterricht.

Rund eineinhalb Stunden vor Beginn der Beisetzung um 14.00 Uhr finden sich die ersten Schaulustigen am Haupteingang des Friedhofs ein. Zwei Jugendliche, die ihren Namen lieber nicht nennen wollen, sind aus „allgemeinem Interesse“ hier, um sich Rocker einmal aus der Nähe anzuschauen. Sobald die „Höllenengel“ vorfahren, reckt die mittlerweile angewachsene Menge die Handys in die Höhe und filmt und fotografiert los.

Die Rocker kommen aus allen Teilen Deutschlands und sogar aus dem Ausland. Es gehöre zum Kodex, dass sie einem ihrer Mitglieder die letzte Ehre erweisen, erläutert ein Polizeisprecher vor der Trauerfeier. Neben Kutten mit der Aufschrift „Hells Angels“ tragen viele der Männer eine schwarze Trauerbinde am Arm. Darauf steht der Name des Getöteten in goldenen Buchstaben. Andere haben sein Porträt an die Kleidung geheftet. Zwei Rocker aus den Niederlanden sind mit dem Auto da und holen aus dem Kofferraum Trauergestecke aus roten und weißen Blumen hervor.

Hells Angels: Rocker-Boss in Gießen erschossen

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Rocker-Boss in Gießen erschossen

Eskaliert ein gewaltsamer Machtkampf unter Hells Angels in Hessen? Der Präsident des Gießener Charters wurde auf dem Gelände des Vereinsheims getötet. Die Hintergründe sind noch unklar, die Suche nach den Tätern läuft.

Eine junge Frau kann es nicht fassen, was vor fünf Tagen am Clubhaus der Gießener Hells Angels in Wettenberg geschehen ist: Der 45-jährige Mucuk starb dort im Kugelhagel, mindestens 16 Schüsse trafen ihn. Sie sei eine Bekannte des Opfers seit der Kindheit, sagt die Frau, die anonym bleiben möchte. „Er war stark“, sagt sie. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass er auf diese Art und Weise stirbt.“ So etwas habe kein Mensch verdient.

Mucuk galt als Führungsfigur der türkisch geprägten Hells Angels aus Mittelhessen. Diese so genannten jungen Wilden sollen sich mit den alteingesessenen Frankfurter Rockern angelegt haben. Eine Schießerei vor einem Frankfurter Club vor rund zwei Jahren, bei der Mucuk schwer verletzt wurde, sehen die Ermittler in diesem Zusammenhang.

Die Polizei ist am Tag seiner Beerdigung mit mehreren hundert Beamten im Einsatz. Sie erwartet zwar einen friedlichen Verlauf – und es kommt auch zu keinen Vorfällen. Doch angesichts der Ereignisse sei man natürlich sensibilisiert, sagt ein Sprecher. Zumal noch immer unklar ist, wer den Gießener Hells Angels-Chef getötet hat. War es jemand aus den eigenen Reihen, aus rivalisierenden Clubs oder jemand außerhalb der Szene? Die Staatsanwaltschaft betont, dass die Ermittlungen „in alle Richtungen“ weiterlaufen.

Die Rocker und andere Trauergäste sammeln sich am Eingang des Friedhofs und ziehen schließlich gemeinsam zum Grab von Mucuk, das auf dem muslimischen Teil des Friedhofs liegt. Nach einer guten Stunde geht es wieder zurück zu den Motorrädern – und die Rocker brausen lärmend davon.

Von

dpa

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