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20.08.2014

11:57 Uhr

Ronald Schill bei „Big Brother“

Die TV-Blamage des „Richter Gnadenlos“

VonChristoph Kapalschinski

Ex-Politiker Ronald Schill blamiert sich in der Realityshow „Big Brother“. Doch wer sich an den Senator Schill erinnert, kann über den Populisten nicht lachen. Unser Autor erlebte Schill zu dessen großer Zeit in Hamburg.

Teilnehmer Ronald Schill in der Auftaktsendung der SAT.1 Fernsehshow „Promi Big Brother - Das Experiment“: Bekannt geworden war Schill im Jahr 2000 über die Hamburger Boulevardzeitungen „Bild“ und „Morgenpost“. dpa

Teilnehmer Ronald Schill in der Auftaktsendung der SAT.1 Fernsehshow „Promi Big Brother - Das Experiment“: Bekannt geworden war Schill im Jahr 2000 über die Hamburger Boulevardzeitungen „Bild“ und „Morgenpost“.

DüsseldorfDas Gute an Fieberträumen: Sie werden nicht wahr – normalerweise. Doch was sich derzeit bei Sat1 abspielt, ist ein Wirklichkeit gewordener 41-Grad-Wahn aus dem Jahr 2001. Jedenfalls für alle, die damals in Hamburg dabei waren, als Ronald Schill die Stadt in einen kollektiven Taumel versetzte.

Kurz nach der Jahrtausendwende polarisierten zwei Themen uns Studenten an der Uni Hamburg: der erste Big-Brother-Container mit Zlatko und Jürgen sowie der politische Erfolg des Ronald Barnabas Schill. Über die Fernsehsendung ereiferten wir uns ironisch, „Richter Gnadenlos“ – wie ihn „Bild“ getauft hatte – war für uns ein ernstes Thema. Wie für die ganze Stadt. Dass beide Themen 13 Jahre später mit dem Einzug von Schill in den Sat1-Container zusammengehen würden – unglaublich.

Das Leben des „Richter Gnadenlos“

Ausbildung und Beruf

Schill kam 1958 in Hamburg zur Welt. Er studierte an der Universität Hamburg erst drei Semester Psychologie, woraufhin er ein Studium der Rechtswissenschaften in Hamburg absolvierte. 1988 schloss er das erste und 1992 das zweite juristische Staatsexamen ab. 1993 wurde Schill Richter am Amtsgericht Hamburg, wo er bis 2001 tätig war und einen zweifelhaften Ruf genoss.

Schill und die Hamburger Boulevardpresse

Wegen seiner Urteile mit einem oft sehr hohen Strafmaß für Wiederholungstäter, wurde Schill bekannt als „Richter Gnadenlos“. Gezielt spielte er der Boulevardpresse seine Urteile zu – die oft von höheren Instanzen wieder einkassiert wurden. Er trat zu der Zeit viel in Fernsehen und Presse auf und prangerte ein vermeintliches „Kartell strafunwilliger Jugendrichter in Hamburg“ an.

Vorwurf der Rechtsbeugung

Zwischen 1999 und 2001 wurde ein Strafverfahren gegen Schill wegen Rechtsbeugung eingeleitet. Schill wurde bezichtigt, als Strafrichter eine Beschwerde von Personen, die er in Ordnungshaft genommen hatte, zwei Tage nicht weitergeleitet zu haben. Damit hätte er den Rechtsschutz der Inhaftierten unterlaufen. Schill wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Allerdings hob der Bundesgerichtshof das Urteil auf und schließlich wurde Schill nach erneuter Hauptverhandlung am Landgericht Hamburg rechtskräftig freigesprochen.

Schill in der Politik

Im Jahr 2000 gründete Schill die Partei Rechtsstaatlicher Offensive. Er forderte unter anderem die (freiwillige) Kastration für nicht therapierbare Sexualstraftäter, die wieder auf freien Fuß gesetzt werden sollten. Schill wurde 2001 zum Zweiten Bürgermeister und Innensenator Hamburgs in einer Koalitionsregierung der Partei Rechtsstaatlicher Offensive mit CDU und FDP. Der Erste Bürgermeister war Ole von Beust.

Schill als Innensenator

Schill ordnete die gewaltsame Räumung des Bauwagenplatzes Bambule an. Infolgedessen kam es zu monatelangen Protesten, auf die Schill mit „rechtsstaatlicher Härte“ und „Repression“ reagieren wollte. Die Demonstranten forderten: „Schill muss weg“.

Schill und das Koks

Im Februar 2002 berichtete Panorama, dass der Hamburger Innensenator Kokain konsumiert hätte. Schill wehrte sich gegen die Vorwürfe und stellte sich sogar einem Drogentest – der fiel zunächst positiv aus. Allerdings sei ein Verfahren angewendet worden, das schon kleinste Mengen Kokain nachweisen könne. Bei einem erneuten Test war das Ergebnis negativ.2008 wurde der ein Video zugespielt, auf dem zu sehen war, dass Schill augenscheinlich Kokain konsumiert. Hamburger Landespolitikern sei Schills Kokainkonsum angeblich schon früher bekannt gewesen.

Das Ende der politischen Karriere

von Beust entließ Schill 2003 aus dem Amt des Innensenators, da Schill ihm gedroht haben solle, zu veröffentlichen, dass von Beust seinen angeblichen Lebenspartner Roger Kusch zum Justizsenator gemacht hätte. von Beust stufte Schill als „charakterlich nicht geeignet“ ein, sein Amt weiterzuführen.

Ende 2003 beschloss der Bundesvorstand der Partei Rechtsstaatlicher Offensive Schills Ausschluss aus der Partei. Nach einer Wahlniederlage mit einer neugegründeten Partei 2004 kündigte Schill an, sich aus dem politischen Geschäft zurückzuziehen und nach Südamerika auszuwandern. Im Oktober reiste er schließlich in die Karibik.

Bekannt geworden war Schill im Jahr 2000 über die Hamburger Boulevardzeitungen „Bild“ und „Morgenpost“. Er informierte gezielt die Medien, wenn er seine grotesk harten Urteile gegen Kleinkriminelle fällte. Dass die Folgeinstanzen die Sprüche fast immer einkassierten, fiel nicht ins Gewicht. Schill suchte eine Bühne und fand sie. Für die Senatswahl 2001 gründete er seine eigene Partei. Der Boulevard blieb an seiner Seite: In „Bild“ winkte er schon mal aus dem Fenster eines Umzugslasters, als er eine standesgemäße Wohnung gefunden hatte.

Dass Schill so gut ankam, hing auch zusammen mit der eigentümlichen Hamburger Politik. Über Jahrzehnte hatte die SPD regiert. Die Politiker um Bürgermeister Ortwin Runde wirkten verbraucht. Schon der Erfolg der kurzlebigen, eher bürgerlichen Statt-Partei einige Jahre zuvor hatte gezeigt, dass es ein hohes Potenzial an Unzufriedenen gab, die sich nirgends politisch heimisch fühlten.

Schill konnte die Lücke nutzen, denn es gab ein offensichtliches Problem: Die offene Drogenszene traf sich auf zentralen Plätzen, am Hauptbahnhof, im aufstrebenden Schanzenviertel. Auch wir Studenten mieden die Rückseite des Bahnhofs – nicht, weil wir uns nicht sicher gefühlt hätten. An die Tatsache, dass in unserer Stadt Menschen auf der Straße ganz offensichtlich kurz vorm Verrecken waren, wollten wir ungern erinnert werden.

Akzeptierende Drogenarbeit ist keine einfache Sache. Der Ansatz akzeptiert, dass Menschen Drogen konsumieren. Nur so, sagen seine Anhänger, lassen sich die Abhängigen für wirksame Hilfe erreichen. Das heißt aber auch: Diese Politik, die Leben rettet, akzeptiert Drogenkonsum, sie toleriert offene Junkie-Szenen. Das regt aus zwei Sichtweisen auf: Der Staat toleriert Dinge, die verboten sind. Und er erweckt den Eindruck, dass er sehenden Auges Menschen auf der Straße verelenden lässt.

Kommentare (9)

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real .ist

20.08.2014, 12:33 Uhr

Schill wurde abserviert, weil er abserviert werden sollte.

Diese Tatsache vertuscht auch ein Propaganda Artikel nicht.

Im Nachhinein noch mal nachtreten. Tut gut, nicht wahr? Gratuliere dem Autor zu seiner öffentlichen Aggressionstherapie.

Und viel Spaß weiterhin den Krawallen in Hamburg und sonstigen Unbill. Nehmt euch Berlin als Beispiel. Ist doch die gleiche, unfähige Partei.

Herr Thomas Rupp

20.08.2014, 12:50 Uhr

Die "Karrier" von Herrn Schill zeigt - zum Glück - , dass Parteien und Politik, die allein auf einer Person aufbauen, nicht mehr funktionieren.

Herr Peter Kock

20.08.2014, 13:38 Uhr

Der schon wieder..... uns bleibt auch nichts erspart.

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