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15.02.2015

15:29 Uhr

Rosenmontag in Düsseldorf

„Beim Karneval gibt es Grenzen“

VonStefan Kreitewolf

Jacques Tilly bewegt sich auf dünnem Eis. Er ist Chefwagenbauer des Düsseldorfer Straßenkarnevals und muss jedes Jahr entscheiden, wer bei dem Umzug genarrt wird. Ein Gespräch über Islamkritik, Ängste und Narrenfreiheit.

Für Jacques Tilly ist der Karneval ein Fest für alle – auch für Christen, Muslime, Buddhisten und Atheisten. Picture Alliance

Chefwagenbauer des Düsseldorfer Karnevals

Für Jacques Tilly ist der Karneval ein Fest für alle – auch für Christen, Muslime, Buddhisten und Atheisten.

In Köln hat sich das so stolze Festkomitee Kölner Karneval jüngst selbst einen Maulkorb auferlegt. Der Umzug verzichtet freiwillig darauf, islamkritische Motive zu zeigen. Ein Persiflage-Umzugswagen zu „Charlie Hebdo“ war zuvor im Gespräch. Die Gefahr von Anschlägen und Bombendrohungen sei jedoch zu groß, hieß es in der Begründung.

Dass ein Düsseldorfer beim Karneval nicht mit den Kölner Kollegen übereinstimmt, überrascht kaum. Aber auch ohne Narrenkappe widerspricht Jacques Tilly entschieden. Für den Chefwagenbauer des Düsseldorfer Straßenkarnevals steht fest: „Der Karneval in Düsseldorf ist sicher“ – auch mit religionskritischen Wagen.

Herr Tilly, haben Sie gar keine Angst?
Nein, das habe ich schon vor einigen Jahren entschieden. Das führt zu nichts. Ich mache ganz einfach meine Arbeit und stehe hinter dem, was ich mache.

Nun Ihre Kollegen in Köln sehen das anders und verzichten freiwillig auf ironische Motive zum Islam. Sie fürchten Anschlagsdrohungen, gar Attentate auf den Kölner Straßenkarneval. Wird man da als Chefwagenbauer in Düsseldorf nicht hellhörig?
Nun das in Köln, das war eher die Angst vor der Angst. Das hat schon genügt. Wir sagen ja nicht was wir bauen, insofern kann sich auch niemand vorher darüber aufregen. Am Ende fahren dann die Wagen einfach los. Aber klar: Sicherheitsbedenken sind schon wichtig. Ich habe schon Verständnis für die Kölner. Denn es ist eine Massenveranstaltung und da muss man alle Entscheidungen mit Augenmaß fällen.

Deutsche Karnevalshochburgen

Düsseldorf

Der Rosenmontagszug in Düsseldorf ist einer der größten in Deutschland. Seine alljährliche Fernsehübertragung machte ihn bundesweit bekannt. Der Karneval markiert mit zahlreichen Sitzungen und Bällen einen Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens der Landeshauptstadt.

Köln

Der Kölner Karneval zählt weltweit zu den größten und bekanntesten Karnevalsfesten und ist damit ein enormer Wirtschaftsfaktor. Der Karneval sorgt jährlich für einen durchschnittlichen Gesamtumsatz von mehr als 460 Millionen Euro.

Münster

In Westfalen markiert der Münsteraner und Münsterländer Karneval den Höhepunkt der Session. Karnevalshochburgen sind insbesondere die Stadt Beckum und die Gemeinde Recke.

Braunschweig

Der Braunschweiger Karnevalsumzug gilt als einer der längsten Umzüge Norddeutschlands. 2005 zog er mehr als 250.000 Besucher an. 2010 waren es bei kaltem Wetter und Schnee jedoch nur rund 100.000. 2015 wurde er abgesagt wegen Terrorgefahr.

Mainz

Die Mainzer Fastnacht – auch „Määnzer Fassenacht“ genannt – zählt zu den traditionsreichsten und größten Karnevalsveranstaltungen. Mainz pflegt in der fünften Jahreszeit eine besondere politisch-literarische Komponente.

Trier

Der Trierer Karneval gehört zu den größten Karnevalsfesten in Rheinland-Pfalz und erlebt seinen Höhepunkt am Rosenmontag. Dann fahren ab 12:11 Uhr die Narren mit mehr als 100 Tanzgruppen und Wagen durch die Trierer Altstadt.

Würzburg

Würzburg feiert seit dem 18. Jahrhundert Karneval. Heute lockt das Fest bis zu 200.000 Besucher jährlich in die Stadt. Der Umzug ist der größte deutsche Faschingsumzug außerhalb des Rheinlandes.

München

Der Münchner Fasching findet traditionell mit Faschingsbällen statt. Prunksitzungen gibt es in der bayrischen Landeshauptstadt nicht. Seit 2006 fährt nach mehreren Jahren Pause wieder ein Straßenumzug durch die Stadt.

Cottbus

Cottbus ist das Epizentrum des ostdeutschen Karnevals. Dort findet auch der größte Straßenumzug Ostdeutschlands statt.

Haben ihre Kölner Kollegen also richtig gehandelt?
Also, ich bin schon ein bisschen enttäuscht. Aber ich will den Kölnern nicht reinreden. Die haben ihre eigene Art Karneval zu feiern und können auf Vorschläge aus Düsseldorf sicherlich gut verzichten.

Wie hoch schätzen Sie das Risiko denn selbst ein?
Bei Massenveranstaltungen gibt es immer ein Risiko. Aber wir haben schon immer religionskritische Wagen fahren lassen. Zwar nicht jedes Jahr, aber immer wieder. Da besteht für jeden, der irgendwie Satire macht, ein abstraktes Risiko und das besteht auch dieses Jahr. Es ist aber nicht höher als sonst. Denn es gibt nicht die geringsten Hinweise auf Attentate. Panikmache ist also Unsinn.

Nur um das noch einmal unmissverständlich klarzustellen: Ich muss als Karnevalsbesucher also nicht um meine Sicherheit fürchten?
Nein, das Risiko ist größer, einen Augenschaden davon zu tragen, von einer Kamelle getroffen zu werden. Es gibt keine Warnungen, keine Hinweise, es gibt gar nichts. Der Karneval in Düsseldorf ist sicher. Nach dem jetzigen Stand der Dinge wird der Rosenmontagszug sehr schön und lustig.

Kölner Karneval und Charlie Hebdo

Kölner Karnevals-Komitee: „Wir reagieren auf Ängste der Menschen“

Kölner Karneval und Charlie Hebdo: Kölner Karnevals-Komitee: „Wir reagieren auf Ängste der Menschen“

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Nach dem Anschlag auf die Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ in Paris fragte die ganze Welt danach, was Satire darf. Der damaligen Mehrheitsmeinung zufolge darf Satire alles. Gilt das auch für den Karneval?
Nein, denn beim Karneval gibt es Grenzen, die eingehalten werden müssen. Zum Beispiel sollten wir keine Religion als Ganzes verunglimpfen. Was wir nicht tun, ist Gott, den Propheten oder Glaubensgrundlagen pauschal ins Lächerliche zu ziehen. Dafür ist der Karneval der falsche Ort. Denn Karneval ist ein Fest für alle – auch für Christen, Muslime, Buddhisten und Atheisten.

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