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31.10.2015

15:31 Uhr

Russischer Airbus über Ägypten abgestürzt

Islamischer Staat will Flugzeug abgeschossen haben

Ein russischer Ferienflieger zerschellt über der Sinai-Halbinsel. Alle 224 Menschen an Bord sind tot. Kremlchef Putin ordnet Staatstrauer an. Der Islamische Staat twittert, er habe das Flugzeug abgeschossen.

Bei der Unglücksmaschine soll es sich um den Flugezugtyp A-321 gehandelt haben. dpa

Eine Maschine der Fluggesellschaft Kogalymavia (Kolavia) vom Typ Tupolev Tu-154

Bei der Unglücksmaschine soll es sich um den Flugezugtyp A-321 gehandelt haben.

KairoEin russisches Passagierflugzeug mit mehr als 200 Menschen an Bord ist auf der Sinai-Halbinsel abgestürzt. Das teilte das ägyptische Luftfahrtministerium am Samstag mit. Bereits Minuten nach dem Start im Urlaubsort Scharm el Scheich der Kontakt zu dem Flugzeug der sibirischen Gesellschaft Kolaviasei abgerissen. An Bord sollen vor allem russische Urlauber gewesen sein: 200 Erwachsene, 17 Kinder und sieben Besatzungsmitglieder, wie die russische Nachrichtenagentur RIA unter Berufung auf die heimische Flugsicherung berichtete.

„Rettungskräfte haben Trümmerteile des Airbus 321 gefunden“, sagte der Chef der ägyptischen Flugunfallbehörde, Ajman al-Mokdam. Die Russische Luftfahrtbehörde teilte mit, die Maschine sei „vom Radar verschwunden“. Ihren Angaben zufolge war die Maschine vom Typ A-321 unterwegs vom Scharm el Scheich nach St. Petersburg. Dort wurde sie um 10.10 Uhr MEZ (12.10 Uhr Ortszeit) erwartet.

Wie Flugzeuge versichert werden

Wie funktioniert eine Flugzeugversicherung?

Im Grunde ist ein Flugzeug wie ein Auto versichert - in Form der klassischen Kaskoversicherung für den Gegenstand (hull) und der Haftpflichtversicherung für Personenschäden (liability). Nur letztere ist gesetzlich vorgeschrieben. Wenn Angehörige von Opfern eines Flugzeugunglücks Schadenersatzforderungen stellen, dann reicht die Fluggesellschaft diese an die Versicherer weiter.

Wie hoch ist die Deckungssumme einer solchen Versicherung?

In der Regel ist eine große Passagiermaschine mit etwa 100 Millionen Euro versichert - leicht über dem Marktwert des Flugzeugs. Die Haftpflichtversicherung für die Passagiere beläuft sich auf ein Vielfaches davon. Allerdings übernimmt nie ein einzelner Versicherer die Risiken allein, sondern es gibt immer einen "Pool" an Assekuranzen, um die potentielle Last auf mehreren Schultern zu verteilen. Erstversicherer reichen solche großen Risiken meistens zum Teil an Rückversicherer weiter.

Was ist mit Schadensersatzansprüchen?

Wieviel die Haftpflicht-Versicherung pro verunglücktem Passagier auszahlt, variiert von Land zu Land. Als besonders teuer gelten US-Passagiere, weil in den USA recht hohe Schadenersatzklagen geltend gemacht werden können - erst recht, wenn der Fluggesellschaft Fehler oder Fahrlässigkeit nachgewiesen werden können. Mit dem Warschauer Abkommen über die Beförderung im internationalen Luftverkehr von 1929 wurde einst versucht, Standards einzuführen - indem die Haftungsgrenze pro Passagier auf 75.000 US-Dollar begrenzt wurde, unabhängig von der Frage, ob die Airline schuld ist am Unglück oder nicht. Das Abkommen gilt inzwischen aber als überholt und wurde mehrfach durch neue Verträge ergänzt. Inzwischen hat sich die Haftungsgrenze deutlich nach oben verschoben - auf etwa 135.000 US-Dollar (100.000 Euro).

In der Praxis sieht es oft so aus, dass die Fluggesellschaft und der Hauptversicherer Soforthilfe an die Hinterbliebenen auszahlen und die rechtlichen Details später klären. Bis alles Geld geflossen ist, gehen normalerweise drei bis fünf Jahre ins Land. Werden Streitfragen vor Gericht geklärt, kann es sogar zehn Jahre dauern.

Wird zwischen Anschlag und Unglück unterschieden?

Ist ein Flugzeug nachweislich aufgrund eines Terroranschlags oder Bürgerkriegs verunglückt, dann greift nicht die normale Kaskoversicherung, sondern die Schadenregulierung erfolgt über den Kriegskaskomarkt. Dabei handelt es sich allerdings um eine Art "Zusatzversicherung", die Fluggesellschaften gegen einen Aufpreis separat abschließen müssen. Fast alle Fluggesellschaften haben diese Policen, die von Spezialversicherern etwa auf dem Versicherungsmarkt Lloyd's of London angeboten werden. Darauf dringen - ebenso wie bei der normalen Kaskoversicherung - schon allein die Leasinggesellschaften, die die Flugzeuge finanzieren.

In Deutschland hatte die Versicherungswirtschaft nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York (9/11) außerdem den Spezialversicherer Extremus ins Leben gerufen. Er versichert Unternehmen gegen Risiken aus teuren und unkalkulierbaren Terroranschlägen in Deutschland. Die Versicherer stellen dabei insgesamt zwei Milliarden Euro zur Verfügung, mit Unterstützung der Bundesregierung kann diese Summe auf zehn Milliarden aufgestockt werden. Extremus greift allerdings nur bei nicht-beweglichen Objekten am Boden: Wäre 9/11 hierzulande passiert, dann wären beispielsweise die Türme versichert gewesen, nicht aber das Flugzeug.

Der Airbus A321 sei in einer Bergregion zerschellt, teilte das Luftverkehrsministerium in Kairo mit. Das Flugzeug sei zerstört, sagte ein Vertreter der Sicherheitsbehörden am Unglücksort. Es gebe kaum Hoffnung auf Überlebende. Hinweise, dass es abgeschossen worden sein könnte, habe man nicht. In der Region kommt es immer wieder zu Anschlägen von Islamisten, die in Verbindung zur Extremistenmiliz IS stehen.

Der Islamische Staat teilte via Twitter mit, die Maschine abgeschossen zu haben. Die „Soldaten des Kalifats haben es geschafft, ein russisches Flugzeug in der Provinz Sinai“ abzuschießen, erklärte die IS-Gruppe. Die mehr als 220 „Kreuzzügler“ an Bord der Maschine seien getötet worden. Der Abschuss sei eine Racheaktion für die russische Intervention in Syrien. Russland hat Ende September mit Luftangriffen in Syrien begonnen. Die USA werfen Moskau aber vor, dabei nicht in erster Linie den IS zu bekämpfen, sondern vor allem gemäßigte Gegner des syrischen Machthabers Baschar al-Assad.

Die Flugroute führte über Sinai-Gebiete, wo der „Staat Sinai“, eine Filiale des Islamischen Staates, operiert. Die Extremisten verfügten auch über Raketen, bilang allerdings nur über solche, die nur niedrig fliegende Flugzeuge und Helikopter treffen könnten.

Flugzeugunglücke der vergangenen Jahre

Oktober 2015

Auf der Sinai-Halbinsel stürzt ein russischer Urlauber-Airbus mit 224 Menschen an Bord ab. Niemand überlebt. Die Terrormiliz Islamischer Staat bekennt sich zu einem Anschlag. Am 17. November bestätigt der russische Geheimdienst, dass eine Bombe an Bord war.

März 2015

Eine Germanwings-Maschine zerschellt auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen. Alle 150 Menschen an Bord kommen dabei ums Leben. Der Copilot hatte den Ermittlern zufolge den Autopiloten so manipuliert, dass das Flugzeug vom Typ Airbus A320 abstürzte.

Dezember 2014

Ein Airbus A320 der AirAsia stürzt auf dem Weg von Indonesien nach Singapur in die Javasee vor Borneo. Alle 162 Menschen an Bord kommen ums Leben.

Juli 2014

Beim Absturz einer Passagiermaschine der Malaysia Airlines über der Ostukraine kommen alle 298 Insassen ums Leben. Eine niederländische Untersuchungskommission kommt zu dem Schluss, dass die Boeing 777 von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde.

Beim Absturz eines Passagierflugzeugs in Mali sterben alle 116 Menschen an Bord, darunter vier Deutsche. Das Flugzeug vom Typ MD83 war von Ouagadougou (Burkina Faso) nach Algerien unterwegs.

März 2014

Eine Boeing der Fluggesellschaft Malaysia Airlines auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking mit 239 Menschen an Bord verschwindet kurz nach dem Start vom Radar, MH370 wird zu einem der größten Rätsel der Luftfahrtgeschichte. Bisher wurde nur ein Wrackteil gefunden.

Vor zwei Jahren hatte die niederländische Chartergesellschaft Transavia Scharm el Scheich für einige Monate aus ihrem Flugplan gestrichen, weil der niederländische Geheimdienst den Hinweis erhalten hatten, dass Terroristen eine Zivilmaschine mit einer Boden-Luft-Rakete abschießen wollen.

Wie die Deutsche Presse-Agentur am Samstag aus Sicherheitskreisen erfuhr, schlossen die Behörden einen Terrorangriff aus: „Der Unfall war das Ergebnis eines technischen Problems“, sagte ein Behördenmitarbeiter, der anonym bleiben wollte. Ein Flugschreiber sei bereits gefunden worden.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat Experten nach Ägypten entsandt. Katastrophenschutzminister Wladimir Puschkow werde den Einsatz am Unglücksort koordinieren, erklärte dessen Ministerium am Samstag. Das russische Ermittlungskomitee untersucht gleichzeitig nach eigenen Angaben, ob Sicherheitsbestimmungen verletzt wurden. Der Kreml erklärte den 1. November zum Tag der Trauer.

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