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29.08.2014

10:32 Uhr

Schießtourismus in den USA

Junggesellenabschied in „Desert-Storm-Atmosphäre“

Mit einer Uzi erschoss eine Neunjährige einen Schießlehrer in Arizona. Der tragische Tod lenkt den Blick auf einen wachsenden Zweig des US-Tourismus: Gruppen- und Familienreisen zu den Schießanlagen der Nation.

Schießlehrer Charles Vacca steht neben der Neunjährigen. Wenige Augenblicke später erschießt das Mädchen ihn ausversehen. Reuters

Schießlehrer Charles Vacca steht neben der Neunjährigen. Wenige Augenblicke später erschießt das Mädchen ihn ausversehen.

Las VegasSie kommen von überall, wo es restriktive Waffengesetze gibt - aus Asien, Australien und Europa. Ihr Ziel: Die US-Staaten Nevada und Arizona, wo auf Schießplätzen auch schon Kinder unter Aufsicht an tödliche Schusswaffen herangelassen werden. Junggesellenabschiede feiert man neuerdings im Schützengraben, die Betreiber der Schießanlagen richten sogar Hochzeitsfeiern aus, bei denen die Gäste die Kugeln fliegen lassen.

„Die Leute wollen hier die Erfahrungen machen, die sie zu Hause nicht machen können“, erklärt Genghis Cohen, Betreiber von „Machine Guns Vegas“ das Phänomen des Schießtourismus. Vor allem mit Kinofilmen würden seine Kunden heiß gemacht: „Es gab in den vergangenen 30 Jahren keinen einzigen Actionfilm ohne Maschinenpistole“, sagt er.

Was für viele Amerikaner ein harmloser Freizeitspaß ist, wird für die Touristen aus dem Ausland zum Höhepunkt der Reise: Einmal mit einer automatischen Waffe zu schießen, zu der man zu Hause höchstens als Soldat Zugang hat. In Nevada dürfen unter Aufsicht sogar Achtjährige mit Maschinenpistolen ballern, und zwar mit scharfer Munition.

Die USA und die Waffen

Undurchsichtige Rechtslage

Im Zweiten Zusatzartikel zur Verfassung ist das Recht auf privaten Waffenbesitz verbrieft. Dort heißt es: "Weil eine gut organisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates erforderlich ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden." Die Frage, wie weit dieses Recht reicht und welchen Beschränkungen es unterworfen werden darf, ist Gegenstand kontroverser Debatten.

Seit 1993 steht etwa eine Überprüfung von Waffenkäufern im Bundesrecht. Verurteilte Kriminelle, Menschen mit psychischen Störungen oder Drogenabhängige dürfen demnach keine Schusswaffen erwerben. Ein im Folgejahr erlassenes Verbot halbautomatischer Gewehre wurde dagegen 2004 nicht verlängert. Dazu kommt ein Dschungel an Gesetzen und Verordnungen auf Ebene der Bundesstaaten und Kommunen. Immer wieder landeten regionale Beschränkungen für Waffenerwerb und -besitz dabei vor dem Obersten Gerichtshof, der in Grundsatzurteilen 2008 und 2010 ein Recht auf private Waffen anerkannte.

Zahl der Schusswaffen

Mehreren Studien zufolge sind in den USA bis zu 300 Millionen Schusswaffen im Privatbesitz - das entspricht fast einer Waffe pro Einwohner. In einer Erhebung des Gallup-Instituts aus dem vergangenen Jahr gaben 47 Prozent der Befragten an, in einem Haushalt mit mindestens einer Schusswaffe zu leben. Jeder dritte US-Bürger ist demnach selbst Waffenbesitzer.

Die Waffenschmieden des Landes produzierten im Jahr 2011 knapp 2,5 Millionen Pistolen, 573.000 Revolver sowie mehr als drei Millionen Gewehre, wie die Statistiken der Behörde für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen (ATF) zeigen. In den USA gibt es fast 130.000 lizensierte Waffenhändler.

Opfer durch Waffengewalt

Mehr als 30.000 Menschen sterben in den USA jedes Jahr durch Schusswaffen - darunter sind mehr als 12.000 Morde. Die Anti-Waffen-Lobbyisten der Brady Campaign geben in ihrer Berechnung aus dem Jahr 2011 an, dass 270 Menschen täglich durch Schusswaffen verletzt oder getötet werden. Darunter seien auch 38 verletzte und acht getötete Minderjährige. Nach Angaben der Bundespolizei FBI wurden im vergangenen Jahr 68 Prozent aller Morde mit Schusswaffen verübt.

Seit den 1980er-Jahren boomen die Schießparks vor allem rund um Las Vegas aber auch anderswo in Nevada und Arizona, wo die Waffengesetze besonders lax sind. Was allerdings am Montag in White Hills im Staat Arizona 100 Kilometer südlich von Las Vegas passierte, lässt sogar US-Waffennarren kurz innehalten.

Der erfahrene Schießlehrer Charles Vacca brachte einem neunjährigen Mädchen bei, mit einer israelischen Uzi-Maschinenpistole zu schießen. Das Kind feuerte eine Salve ab, der Rückstoß riss den extrem kurzen Lauf der Waffe in die Höhe und Vacca wurde tödlich in den Kopf getroffen. Die Staatsanwaltschaft hat nicht vor, in dem Fall Anklage zu erheben, für sie ist es ein tragischer Unfall.

Trotzdem üben die Schießparks rund um Las Vegas noch mal eine ganz andere Faszination auch auf waffengewohnte US-Amerikaner aus. In Anlehnung an die Golfkriege werben sie mit authentischer „Desert Storm-Atmosphäre“. Regelrechte Schützengräben haben die Betreiber in den Wüstensand rund um die Spielerstadt gebuddelt, und spielerisch wird hier mit tödlichen Waffen umgegangen.

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