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12.07.2011

11:24 Uhr

Schiffsunglück auf der Wolga

Ermittler geben Unternehmern und korrupten Behörden eine Mitschuld

Der Kapitän des Unglücksschiffs auf der Wolga missachtete die Unwetterwarnung. Dass aber ein marodes Schiff ohne Lizenz Menschen befördert, sei ohne korrupte Behörden nicht möglich, mutmaßen die Ermittler.

Rettungsteams am Wolga-Ufer. Etliche Opfer des Schiffsunglücks werden noch vermisst, darunter Dutzende Kinder. Quelle: dpa

Rettungsteams am Wolga-Ufer. Etliche Opfer des Schiffsunglücks werden noch vermisst, darunter Dutzende Kinder.

MoskauNach der Schiffskatastrophe auf der Wolga mit mehr als 110 Toten haben Taucher auch die Leiche des Kapitäns geborgen. Damit stieg die Zahl der an die Wasseroberfläche gebrachten Opfer am Dienstagmorgen auf 71. ach Angaben des russischen Ministeriums für Notlagen konnten 79 der 208 Passagiere gerettet werden. 58 Personen wurden noch vermisst. Das Schiff war nur für 140 Personen zugelassen. Die Chancen, weitere Überlebende zu finden, sind gering.

In dem Wrack der „Bulgaria“, die am Sonntag bei einem Sturm untergegangen war, wurden auch noch Dutzende Kinderleichen vermutet. Die Taucher seien bisher nicht in den Schiffsteil vorgedrungen, wo sich die Mädchen und Jungen zum Feiern zusammengefunden hatten, bevor das Schiff sank, hieß es.

Nach dem schwersten Schiffsunglück in Russland seit mehr als 20 Jahren gedachte das Land mit einer Staatstrauer der Opfer. An öffentlichen Gebäuden wurden Fahnen auf Halbmast gesenkt, größere Veranstaltungen wurden abgesagt. Das Fernsehen verzichtete auf Werbe- und Unterhaltungssendungen. In der Stadt Kasan legten Menschen an der Wolga Blumen nieder und zündeten Kerzen an.

Russische Ermittler warfen den Betreibern der „Bulgaria“ erneut grobe Verstöße vor. So sei das Schiff technisch marode gewesen und ohne nötige Lizenz gefahren. Die Schuld liege aber nicht allein an den Unternehmern, sie würden Verantwortungslosigkeit und korrupte Strukturen ausnutzen, hieß es in russischen Medien. „Ohne Protektion von oben kann man ein solches Geschäft nicht betreiben.“

Überlebende der Havarie nannten zahlreiche technische Mängel an der über 55 Jahre alten „Bulgaria“ als eine der Ursachen für den Untergang. „Der Kahn knarrte wie ein alter Leiterwagen“, sagte einer der Passagiere. Das von einem Unwetter aufgewühlte Wasser sei durch die offenen Bullaugen geströmt und habe das Schiff innerhalb von drei Minuten zum Kentern gebracht.

Zudem hatte das Ausflugsschiff deutlich zu viele Menschen an Bord. Der Kapitän missachtete nach Darstellung der Behörden Unwetterwarnungen und transportierte die Passagiere ohne Lizenz.

Schiffsunglücke in Russland

01. August 2010

Auf dem Albertsee in Uganda kentert im Sturm ein stark überladenes Schiff und sinkt. Mehr als 70 Menschen ertrinken, darunter Schulkinder und Händler. Nur 17 Menschen überleben. Das Schiff war nur für 40 Passagiere und zwei Tonnen Ladung zugelassen.

28. Juli 2010

Ein überfülltes Passagierschiff kentert in der westkongolesischen Provinz Bandundu auf dem Kasai, einem Nebenfluss des Kongo, und geht unter. Nach Angaben der Behörden werden bis zu 80 Leichen geborgen, der Rückversicherer Swiss Re gibt 140 Tote an.

14. Juni 2010

Nach dem Kentern einer überladenen Fähre ertrinken auf dem Ganges im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh rund 60 Menschen, darunter zahlreiche Kinder. Das Schiff hatte circa 70 Passagiere an Bord, etwa doppelt so viele wie erlaubt.

25. November 2009

In der westkongolesischen Provinz Bandundu havarieren bei der Überfahrt auf dem See Mai Ndombe zwei Boote. Mindestens 73 Menschen kommen ums Leben, mehr als 270 überleben. Die Boote waren offenbar aneinander getäut und hatten keine Lizenz zum Transport von hunderten Passagieren.

09. September 2009

Auf dem Fluss Shebro im westafrikanischen Sierra Leone kentert ein Boot mit mehr als 150 Menschen an Bord. Rettungsmannschaften ziehen mehr als 40 Überlebende aus dem Wasser und bergen acht Tote. Das Schicksal der übrigen bleibt unbekannt. Das Boot war völlig überfüllt und hatte keine Rettungsboote.

08. April 2006

Ein überladenes Motorboot mit mehr als 150 Passagieren an Bord sinkt im Volta-See in Ghana. Mindestens 110 Menschen bleiben vermisst. Das Boot war mit einem Baumstumpf im Wasser kollidiert.

Die „Bulgaria“ wurde 1955 in der damaligen Tschechoslowakei gebaut und gehörte einem örtlichen Reiseveranstalter. Nach Angaben des russischen Tourismusverbandes war das Schiff seit Jahren nicht gewartet worden. Zudem habe die „Bulgaria“ über keine Trennwände im Inneren verfügt und sei deshalb recht fragil gewesen, sagte ein Tourismusexperte.

An der Unglücksstelle etwa drei Kilometer vom Ufer entfernt waren weiterhin mehr als 100 Taucher sowie 300 Helfer im Einsatz. Der Zivilschutz kündigte an, die Zahl der Einsatzkräfte noch einmal zu erhöhen, um die Leichen rasch zu bergen.

Vorbereitet wurde außerdem ein Großeinsatz zur Bergung der „Bulgaria“. Dabei erhoffen sich Ermittler weiteren Aufschluss darüber, wie das Schiff innerhalb nur weniger Minuten sinken konnte. Die russische Regierung hat eine Überprüfung der Binnenflotte angekündigt und will alte Doppeldeckerschiffe vom Typ der „Bulgaria“ aus dem Verkehr ziehen.

Kommentare (1)

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Frank

14.07.2011, 13:51 Uhr

Der Russe sollte seine Binnenwasserstraßen für den Verkehr von nicht-russischen Schiffen endlich freigeben. Damit käme auch dort Konkurrenz ins Haus. Diese Schlampereien und die Korruption könnte besser erkannt und bekämpft werden.

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