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05.03.2017

21:41 Uhr

„Schlag ins Gesicht“

Sabine Postel kritisiert „Tatort“ mit Laiendarstellern

Wie nur wenige Sonntagskrimis hat die „Tatort“-Folge „Babbeldasch“ das Publikum polarisiert. Jetzt meldet sich eine altgediente „Tatort“-Ermittlerin zu Wort und hat wenig Schmeichelhaftes zu sagen.

Die Schauspielerin Sabine Postel ist altgediente „Tatort“-Kommissarin und hat offenbar wenige für TV-Experimente übrig. dpa

Sabine Postel

Die Schauspielerin Sabine Postel ist altgediente „Tatort“-Kommissarin und hat offenbar wenige für TV-Experimente übrig.

BremenDie Macher des experimentalen „Tatort“-Krimis „Babbeldasch“ müssen Kritik aus den Reihen der ARD-Fernsehkommissare einstecken. Schauspielerin Sabine Postel (62) sagte in der Radio-Bremen-Talkshow „3nach9“ am Freitagabend über den künstlerischen Einsatz von Laiendarstellern: „Ich finde, das ist ein Schlag ins Gesicht unserer ganzen Gattung, und zwar für alle Leute, die da mitarbeiten. Sei es Kamera, sei es Maske.“ Postel, bekannt als Kriminalhauptkommissarin Inga Lürsen aus dem Bremer „Tatort“, bezog sich mit ihren Äußerungen direkt auf den Ludwigshafener „Tatort“.

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Kopper will nicht mehr improvisieren, das Bremer Team hört komplett auf, Martin Lüttge ist jüngst verstorben, und Harald Schmidt hat den Dienst als Kriminalrat gar nicht erst angetreten. Beginnt so das Ende einer Ära?

Die am 26. Februar ausgestrahlte Ludwigshafener Episode „Babbeldasch“ vom SWR hatte Aufsehen erregt und teils heftige Angriffe ausgelöst, weil sie über weite Teile improvisiert und mit Laiendarstellern inszeniert wurde, die im Pfälzer Dialekt sprachen. Der Zuschauerzuspruch war hingegen mäßig: 6,35 Millionen Zuschauer interessierten sich für den Krimi aus Ludwigshafen. Ein „Tatort“ im Ersten hat normalerweise zwischen acht und zehn Millionen Zuschauer.

Grundsätzlich hätten Experimente mit Laiendarstellern durchaus ihre Berechtigung - „aber nicht auf diesem Niveau“, kritisierte Postel. „Ich find's furchtbar. Ich finde wirklich, das darf man nicht machen.“ Ende Februar war bekanntgeworden, dass Postel und ihr Ermittlerkollege Oliver Mommsen (48) 2019 ihre Rollen im Bremer „Tatort“ aufgeben. Auch Schauspieler Andreas Hoppe (56) aus dem Ludwigshafener Team hört auf - er war Kriminalhauptkommissar Mario Kopper. Kollegin Ulrike Folkerts (55/Lena Odenthal) macht weiter.

Tatort-Geschichte im kleinen Überblick

„Taxi nach Leipzig“

29.11.1970: Erster Krimi der Reihe: „Taxi nach Leipzig“ mit Walter Richter als Hamburger Kommissar Paul Trimmel. Ausgangslage: In der DDR wird an einem Autobahnrastplatz bei Leipzig die Leiche eines Jungen gefunden, der Schuhe aus der Bundesrepublik trug.

„Reifezeugnis“

27.3.1977: „Reifezeugnis“ von Wolfgang Petersen, der legendäre „Tatort“ schlechthin. Der Kieler Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) hat es mit dem Mord an einem Gymnasium und dem Verhältnis zwischen einer Schülerin (Nastassja Kinski) und einem Lehrer (Christian Quadflieg) zu tun.

Erste Kommissarin

29.1.1978: Als erste Ermittlerin der Reihe schickt der SWF Kommissarin Marianne Buchmüller (Nicole Heesters) ins Rennen. Auftakt: „Der Mann auf dem Hochsitz“. Bis 1980 gibt es drei Folgen.

Erster Schimanski-Tatort

28.6.1981: Erster Schimanski-„Tatort“ - Titel: „Duisburg-Ruhrort“. „Schimmi“, also Horst Schimanski (Götz George) wird Kult. Zwei Fälle kommen auch ins Kino: „Zahn um Zahn“ (1985) und „Zabou“ (1987).

Erster Odenthal-Tatort

29.10.1989: Start für Ulrike Folkerts als Lena Odenthal in Ludwigshafen. Sie ist noch heute im Einsatz und damit die dienstälteste Ermittlerin der Reihe.

Deutsch-deutsche Koproduktion

28.10.1990: Der Krimi „Unter Brüdern“ ist eine deutsch-deutsche Koproduktion von DFF und ARD aus den Krimireihen „Polizeiruf 110“ und „Tatort“, unter anderem mit Götz George und Eberhard Feik.

Kindesmissbrauchs-Tatort

26.11.1995: Zum 25. Jubiläum läuft der Münchner Krimi „Frau Bu lacht“ in der Regie von Dominik Graf - viele Kritiker halten diesen Kindesmissbrauch-Thriller für einen der besten „Tatorte“ überhaupt.

Erster Tatort aus Münster

20.10.2002: Der Münster-„Tatort“ startet. Das Team mit Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) gilt fortan als das mit Abstand beliebteste.

Satanismus-Krimi

04.4.2004: Im Bremer Satanismus-Krimi „Abschaum“ mit Sabine Postel und Oliver Mommsen werden 14 Todesopfer gezählt - die viertmeisten Toten in einem „Tatort“.

Proteste der alevitischen Gemeinde

23.12.2007: Der Fall „Wem Ehre gebührt“ mit Maria Furtwängler als Charlotte Lindholm in Hannover löst wegen seiner Verknüpfung von Inzest und der islamischen Glaubensrichtung der Aleviten rund um seine Erstausstrahlung Proteste der alevitischen Gemeinde aus.

Matthias Schweighöfer im Tatort

03.1.2010: „Tatort“ Nummer 751 mit dem Titel „Weil sie böse sind“ mit den Frankfurter Ermittlern Dellwo und Sänger (Jörg Schüttauf und Andrea Sawatzki) glänzt mit einem bitterbösen Adelsspross, gespielt von Matthias Schweighöfer.

Wiener Tatort

05.2.2012: In der Wiener Folge „Kein Entkommen“ mit Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser werden 15 Todesopfer gezählt - die drittmeisten Toten in einem „Tatort“.

Erster Schweiger-Tatort

10.3.2013: Erster „Tatort“ mit Til Schweiger. Mit dem Krimi „Willkommen in Hamburg“ setzt der Kinostar neue Maßstäbe in Sachen Action und Produktionskosten. Ein Jahr später (9.3.2014) hat der Fall „Kopfgeld“ mit 19 Leichen die zweitmeisten Toten eines „Tatorts“.

Abschied von „Franziska“ erst nach 22 Uhr

05.1.2014: Im Fall „Franziska“ stirbt die langjährige Kölner Assistentin Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt) bei einer Geiselnahme im Gefängnis. Die Erstausstrahlung des Gruselkrimis ist aus Jugendschutzgründen erst nach 22 Uhr gelegt worden.

Tukur mit den meisten Toten

12.10.2014: Die Folge „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur als Felix Murot stellt einen Leichenrekord in der „Tatort“-Geschichte auf. Experten vom „Tatort-Fundus“ zählen 51 Leichen.

Der 1000. Tatort

Voraussichtlich Ende 2016 kommt dann der 1000. „Tatort“.

ARD-Programmchef Volker Herres verteidigte in der „Bild am Sonntag“ die „Babbeldasch“-Episode: „Zum Tatort gehören immer wieder auch einmal mutige Experimente. Das ist okay, solange es nicht in einen Wettlauf der Redaktionen mündet, wer den abgedrehtesten Film produziert.“ Der „Tatort“ sei „eine Marke, um die uns viele beneiden. Er lebt von der Synthese aus klarem, verlässlichem Versprechen an die Zuschauer und regionaler wie innovativer Vielfalt.“

Von

dpa

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