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29.01.2003

15:58 Uhr

Schluss mit Jammern?

Der Kampf der Optimisten gegen Pessimisten

Nach vorne schauen! Ärmel hochkrempeln! Aufbrechen! Mit diesen und ähnlichen Parolen wollen viele Politiker und Manager in jüngster Zeit die Konsumkrise und schlechte Stimmung in Deutschland bezwingen. Das Jammern ist zu einem Lieblingsthema der Deutschen geworden. Doch es gibt Kritiker von Gute-Laune-Aufrufen. Schließlich hat ungebrochener Optimismus nach Ansicht von Experten auch manche Schattenseiten.

HB/dpa HAMBURG. Bereits zum Jahreswechsel rief der Trendforscher Matthias Horx in einem Manifest gegen „den Ungeist der Panikmache“ zu einer Art Kulturkampf gegen das Jammern auf. Mittlerweile mehr als 1 500 teilweise prominente Unterzeichner stimmen Horx zu, wenn er schreibt: „Eine Mischung aus Hysterie, Pessimismus, Krisen-Demagogie und Katastrophismus ist über uns hereingebrochen.“ Und die Autoren Dirk Maxeiner und Michael Miersch behaupten: „Nichts ist heute subversiver als Optimismus.“ Diese Aufrufe haben es unter anderem auf eine als ungerechtfertigt eingeschätzte Vorliebe für Negatives in den Medien abgesehen.

Unter Prominenten bekannte sich zuletzt FC-Bayern-Manager Uli Hoeneß zu guter Laune. „Wo ist in Deutschland eine Wirtschaftskrise?“, fragte er in einem Interview. Er sei „überhaupt nicht negativ gestimmt“. Angebliche Stimmungstiefs von Anlegern, Touristen oder Konsumenten, von Arbeitgebern, Arbeitnehmern oder Deutschen insgesamt sind zu heißem Gesprächsstoff geworden. Beim Friseur oder im Zug diskutieren wildfremde Menschen, ob die Krise nicht doch kleiner sei als beklagt: Geht es den meisten hier zu Lande nicht doch vergleichsweise gut?

Welche Stimmungen sind also angemessen? Der zeitkritische Berliner Autor Wiglaf Droste vermutet hinter „Optimismus-ist-Pflicht-Gerede“ unlautere Absichten. Die Menschen sollten lediglich gesellschaftliche Missstände hinnehmen und nicht gegen entfremdete Arbeit, Gängelung, Unfreiheit angehen: „Wer nicht zufrieden ist, soll die Klappe halten“, meint Droste dahinter zu erkennen. „Früher hieß das: Geh doch nach drüben, aber drüben gibt es ja nicht mehr.“

Vielleicht schwellen die Stimmen zu den Stimmungen heute deshalb derart heftig an, weil der Kontrast zu den boomenden 90ern für viele groß scheint. Nach Ansicht des Darmstädter Soziologie-Professors Michael Hartmann waren vor allem die heute 30- bis 35-Jährigen lange beflügelt von Hoffnungen auf den endgültigen Sieg des Kapitalismus und auf unaufhörlichen Aufschwung - doch dieser Optimismus habe „keine grundsätzliche Substanz“ gehabt. „Eine ganze Generation hat ihre ersten zehn Berufsjahre ohne nennenswerte Einbrüche erlebt“, sagt Hartmann. Auf den Boom sei hier die große Ratlosigkeit gefolgt.

„Besonders in einigen Stadtteilen in den Metropolen konzentriert sich die pessimistische Stimmung“, sagt Hartmann, „dort wo die jungen Erfolgreichen sich in den 90ern ihre Eigentumswohnungen gekauft haben.“ In weiten Teilen der Normalbevölkerung, bei einfachen Angestellten etwa, sei der ganz große Optimismus damals dagegen ohnehin kaum angekommen - abgesehen von „der kurzen Phase des Booms so genannter Volksaktien wie denen der Telekom“. Insofern halten sich auch die Enttäuschungen bei vielen in Wahrheit durchaus in Grenzen.

Welche Art von Optimismus soll also einkehren? Gewollte gute Laune hilft nach Meinung von Psychologen jedenfalls nicht weiter. „Persönliche Reife entwickelt man, wenn man gelernt hat, zwischen negativen und positiven Stimmungen zu wechseln“, sagt der Osnabrücker Psychologie-Professor Julius Kuhl. Die Deutschen hätten mit differenzierten Urteilen Schwierigkeiten - „nicht weil wir so schwer Optimismus lernen können, sondern weil wir nüchterne und optimistische Betrachtungsweisen schlecht integrieren können.“ Niedergeschlagenheit sei nicht unbedingt schlecht - so lange man auch wieder aus ihr herausfindet.

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