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14.09.2015

13:27 Uhr

Schönheitswettbewerb

Uganda wählt „Miss und Mister HIV“

In Uganda leben etwa 1,5 Millionen Menschen, die mit dem Aids-Virus infiziert sind. Um Betroffenen zu helfen, um gegen Vorurteile anzukämpfen, organisieren junge Ugander einen Schönheitswettbewerb für Menschen mit HIV.

Robina Babirye ist eine der Aktivistinnen des Schönheitswettbewerbs. dpa

Schönheitswettbewerb für HIV-Infizierte

Robina Babirye ist eine der Aktivistinnen des Schönheitswettbewerbs.

KampalaDie 31 jungen Männer und Frauen präsentieren sich auf dem Laufsteg in einem sonnendurchfluteten Wellblechgebäude in Kampala. Sie lächeln und posieren vor dem ebenfalls vorwiegend jungen Publikum. Manche bewegen sich wie Profis, für andere ist der Laufsteg Neuland. Dies könnte irgendein Schönheitswettbewerb sein - doch die Bewerberinnen und Bewerber für Ugandas „Miss Y+“ und „Mister Y+“ haben eines gemeinsam: Sie sind alle HIV-positiv. Y+ steht für „youth positive“ (deutsch: „Jugend positiv“).

Am 18. September sollen in einem Hotel in der Hauptstadt Kampala unter den 20 Finalisten der regionalen Vorausscheidungen die Sieger gekürt werden. „Ich habe den Aids-Erreger seit meiner Geburt“, sagt Robina Babirye, eine der Teilnehmerinnen. „Es war nicht einfach, das zu überwinden.“

Die drei Frauen in der Jury dieser Vorausscheidung befragen die Kandidaten im Alter von 16 bis 25, was sie in ihrem Leben erreichen wollen. Und auch, wie sie verhindern wollen, dass sich andere Menschen mit dem Virus anstecken, das sie in sich tragen.

Sadam Kyeyune, der „Mister Y+“ werden möchte, ist einfach nur froh, dass er bis jetzt überlebt hat. Er habe seine Eltern an Aids verloren, als er fünf war, erzählt er. „Wir erleben jeden Tag Diskriminierung“, sagt die Teilnehmerin Irene Nabunya. „Einige zeigen es offen, andere verstecken es.“

Kampf gegen Aids - eine Chronologie

1959

Ende der 1950er Jahre entnehmen Ärzte einem Mann im Kongo eine Blutprobe. Jahrzehnte später wird festgestellt, dass sich darin HIV-Antikörper befinden.

1981

Die US-Gesundheitsbehörden melden, dass immer mehr Homosexuelle unter bis dahin seltenen Infektionen und Hauttumoren leiden. Die Erkrankten sollen Sex mit vielen verschiedenen Menschen gehabt haben.

1982

Krankheitsfälle treten auch bei Drogenabhängigen und Blutern auf. Die Krankheit bekommt den Namen Aids (Acquired Immune Deficiency Syndrome, Erworbenes Immunschwäche-Syndrom). Erste Aids-Diagnose in Deutschland.

1983

Luc Montagnier und seinen Kollegen vom Pasteur-Institut in Paris gelingt es, das Aids-Virus zu isolieren. Montagnier erhält dafür später den Nobelpreis.

1984

Der US-Forscher Robert Gallo entwickelt ein Zellkultursystem und schafft damit die Voraussetzung für die Entwicklung erster Aids-Tests.

1985

Die erste internationale Aids-Konferenz tagt. 27 Millionen deutsche Haushalte bekommen Informationsbroschüren zugeschickt.

1986

Experten bezeichnen den Aids-Erreger einheitlich als HIV (Human Immunodeficiency Virus, Humanes Immunschwächevirus).

1987

Das erste Aids-Medikament AZT wird in den USA und wenig später auch in Deutschland zugelassen. Es kann die Virus-Vermehrung etwas bremsen, Aids aber nicht heilen.

1991

Die rote Schleife (Red Ribbon) wird zum internationalen Aids-Symbol. Queen-Sänger Freddie Mercury stirbt an Aids.

1993

Tom Hanks spielt in dem Film „Philadelphia“ einen homosexuellen und HIV-positiven Rechtsanwalt – und bekommt dafür ein Jahr später den Oscar.

1994

Ein jahrelanger Streit zwischen Frankreich und den USA um die Entdeckung von HIV und die Aufteilung der Gewinne aus dem Verkauf von Aids-Tests wird beendet.

1996

Für Aufsehen sorgt die Entdeckung, dass einige Menschen eine genetisch bedingte, wenn auch nicht vollständige HIV-Resistenz haben.

1999

Schweizer Ärzte haben außergewöhnlichen Erfolg mit der Hochdosis-Kombinationstherapie aus mehreren Aids-Medikamenten (HAART), in der Folge wird diese Strategie zur Standardbehandlung.

2002

Der Globale Fonds gegen Aids, Tuberkulose und Malaria wird zur Finanzierung nationaler Maßnahmen gegen diese Krankheiten gegründet.

2003

Mit dem Fusionshemmer Enfuvirtid (Handelsname Fuzeon) kommt in den USA und der EU eine vierte Klasse von Aids-Medikamenten auf den Markt, nach den sogenannten Nukleosiden, Protease-Hemmern und Transkriptase-Hemmern.

2008

Luc Montagnier wird gemeinsam mit Françoise Barré-Sinoussi für die Entdeckung von HIV der Medizin-Nobelpreis verliehen.

2010

Barack Obama hebt das in den USA seit 1987 geltende Einreiseverbot für HIV-Positive auf.

2014

Bei dem als geheilt geltenden „Mississippi-Baby“ entdecken Ärzte erneut das HI-Virus. Das Mädchen war kurz nach der Geburt mit drei Medikamenten behandelt worden, nach einem halben Jahr entzog es die Mutter einer weiteren Therapie. Monate später war das Kind dennoch virenfrei gewesen.

Moses Bwire von der Aidshilfe-Organisation UNYPA, dem Veranstalter, sagt: „Bei dem Schönheitswettbewerb geht es nicht ums Aussehen, sondern um Persönlichkeiten, die gegen das Stigma ankämpfen können.“ Die Gewinner sollen Veränderungen in der Gesellschaft vorantreiben und im Kampf gegen Diskriminierung vorangehen, wünscht er sich. Ziel ist es, die Ausbreitung von HIV einzudämmen.

Seit 2014 gibt es den Wettbewerb, das Vorbild war eine ähnliche Kampagne in Botsuana, einem der Länder mit den höchsten HIV-Infektionsraten im südlichen Afrika. Auch in Uganda waren in den 1990er Jahren mehr als zehn Prozent der Bevölkerung infiziert.

Dank einer Kampagne, die für die Verwendung von Kondomen beim Geschlechtsverkehr warb, sanken die Infektionszahlen. Ein von ausländischen Spenden finanziertes Programm, bei dem etwa 700 000 Patienten Medikamente erhalten, half, die Zahl der Aids-Toten zu senken. Dennoch leben nach Angaben der UN-Behörde UNAIDS etwa 7 Prozent der Bevölkerung im Alter von 15 bis 49 Jahren mit dem HI-Virus.

Im Jahr 2014 infizierten sich etwa 137 000 Menschen neu mit HIV, so das Gesundheitsministerium. Etwa die Hälfte davon waren jünger als 25. „Menschen in dieser Altersgruppe sind draufgängerisch und waghalsig und es ist sehr wahrscheinlich, dass sie leichtsinnig Sex haben“, sagt Musa Bungudu von UNAIDS.

Beim Vorfinale in Kampala ist die Entscheidung gefallen: Die Gewinner sind Robina Babirye und Mark Tuhaise. Beide sind 22. Als sie ihren Namen hört, bricht Robina in Tränen aus. Sie hatte Wertungsrichter und Publikum besonders mit ihren offenen Worten zum Stigma HIV beeindruckt: „Die Leute haben mich verhöhnt.“ Sie hätten gesagt, sie könne wegen ihrer HIV-Infektion nichts erreichen. „Nun will ich für jene sprechen, die Aids haben.“

Von

dpa

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