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18.11.2014

08:54 Uhr

Schutz vor aggressive Angreifer

Polizisten vertrauen auf Anti-Spucktüte

In Bremen können Polizisten seit einigen Wochen Verhafteten eine Tüte über den Kopf ziehen – und sich so vor Spuckattacken schützen. Kritiker vergleichen die Praktik mit Methoden in Guantanamo und Afghanistan.

In Bremen können Polizisten seit einigen Wochen diese Anti-Spucktüte bei Verhaftungen einsetzen. dpa

In Bremen können Polizisten seit einigen Wochen diese Anti-Spucktüte bei Verhaftungen einsetzen.

BremenPolizisten sind es gewohnt, gegen aggressive Angreifer vorzugehen. Was Beamte im Juli bei einem Einsatz in Bremen erlebten, war aber besonders unschön: Ein an Hepatitis C erkrankter Drogenabhängiger spuckte im Streifenwagen wild um sich. Sekret landete nicht nur auf der Uniform und im Gesicht der Beamten, sondern auch am Mund einer jungen Polizistin.

„Das ist demütigend und ekelig“, sagt die Sprecherin des Bremer Innenressorts, Rose Gerdts-Schiffler. Und nicht nur das: Auch Krankheitserreger können so übertragen werden.

Solche wüsten Spuckattacken soll es in Bremen nun nicht mehr geben: Beamte im kleinsten deutschen Bundesland können einem Angreifer seit einigen Wochen eine Haube über den Kopf ziehen. Seit September liegen die dünnen Baumwolltüten in jedem Streifenwagen. „Seitdem wurden sie viermal genutzt“, sagt die Sprecherin. Ein bis vier massive Spucker gebe es in der Regel pro Monat.

Angriffe auf Polizisten

5. März 2011

Gewalttätige Fußballfans verletzten am 5. März vor dem Bundesligaspiel zwischen Eintracht Frankfurt und dem 1. FC Kaiserslautern sechs Polizisten.

2. April 2011

Anfang April verletzten zwei mutmaßlich aus dem Rockermilieu stammende Männer in Berlin-Wedding eine Polizistin an der Hand.

1. Mai 2011

Bei Krawallen rund um die Feierlichkeiten zum 1. Mai werden seit Jahren in Berlin und Hamburg Polizisten verletzt. 2011 waren es in Berlin 100 Beamte. In der Hauptstadt kommt es seit 1987 rund um den 1. Mai regelmäßig zu Gewaltausbrüchen. Dabei wurden Hunderte Polizisten verletzt.

Juli 2010

Bei Krawallen im Hamburger Schanzenviertel wurden Ende Juli 2010 15 Polizeibeamte durch Flaschen- und Steinwürfe verletzt.

26. Juni 2010

Am 26. Juni 2010 griff eine Gruppe von rund 30 Jugendlichen in Hamburg Polizisten an und verletzte fünf Beamte schwer. Ein Polizist kam mit lebensbedrohlichen Kopfverletzungen in eine Klinik. Weitere Beamte trugen Gesichts-, Nacken- und Rückenverletzungen davon. Eine Streifenwagenbesatzung war gegen 21.30 Uhr wegen einer angeblichen Schlägerei gerufen worden. Als die Polizisten die Personalien eines Mannes aufnehmen wollten, wurden sie plötzlich von den rund 30 Jugendlichen mit Steinen und Flaschen beworfen.

18. Januar 2010

Am 18. Januar 2010 wurde ein Funkstreifenwagen der Polizei in Greifwald mit Molotow-Cocktails beworfen. Die beiden Beamten im Fahrzeug blieben unverletzt. Ein Mann hatte zuvor von einer Telefonzelle aus über den Notruf die Polizei verständigt, dass in einer Straße eine Frau von mehreren Personen belästigt worden sei. Daraufhin eilte eine Funkstreife zum vermeintlichen Ereignisort. Dort angekommen, wurde der Wagen von zwei dunkel gekleideten und vermummten Tätern mit drei Brandsätzen attackiert.

Anfang Dezember 2009

Anfang Dezember 2009 griffen Vermummte in Hamburg ein Polizeikommissariat im Stadtteil St. Pauli mit Steinen an. Der Angriff war offenbar ein Racheakt. In einem Bekennerschreiben wurde die Attacke als Rache für den am 6. Dezember 2008 von griechischen Polizisten bei einer Demonstration in Athen erschossenen Alexandros Grigoropoulos bezeichnet.

Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) hatte schon vor zwei Jahren die Anschaffung angekündigt, daraufhin entbrannte eine heftige Debatte. Vergleiche mit Guantanamo und Afghanistan wurden gezogen. Das kann Senator Mäurer nicht nachvollziehen. „Ich halte die Hauben für verhältnismäßig und angemessen“, betont er. Eingesetzt werden dürfen sie nicht präventiv, sondern nur, wenn der Festgenommene bereits gespuckt hat oder als notorischer Spucker bekannt ist.

Auch der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in Bremen, Jochen Kopelke, weist die Bedenken zurück. „Mit der Haube kann man sehen und hören“, sagt er. Sie haben ein großes Sichtfenster aus feinem Gewebe. Auch die Atmung werde nicht erschwert. Zudem werde der Festgenommene permanent beaufsichtigt.

Die Gewerkschaft fordert schon lange den Einsatz solcher Masken, weil die Spuckattacken nach ihren Angaben in den letzten Jahren zugenommen haben. „Es gibt Situationen, da spucken Angreifer mit allem, was sie im Mund haben“, sagt der Gewerkschafter. Nicht selten sei das auch Blut, weil die Delinquenten sich vorher aufgrund ihres aggressiven Verhaltens eine Wunde im Mund zugezogen hätten. Im schlimmsten Fall könne so sogar HIV übertragen werden.

Dennoch sind die Masken umstritten und werden bundesweit nur vereinzelt eingesetzt. In Niedersachsen etwa sind sie nicht zum dienstlichen Gebrauch zugelassen. In Schleswig-Holstein liegt zwar seit 2008 eine Genehmigung vor. Dem Landespolizeiamt ist aber kein Fall bekannt, in dem eine Spuckschutzhaube eingesetzt wurde.

Im Gebiet des Polizeipräsidiums Schwaben Nord werden die Hauben nach Angaben eines Sprechers ab und zu benutzt, sie sind aber nicht in ganz Bayern Standard.

Die Bremer Linken-Fraktionschefin Kristina Vogt kann nachvollziehen, warum die Polizei die Hauben möchte. Dennoch lehnt Vogt sie ab: „Ich finde sie aus bürgerrechtlicher Sicht problematisch.“ Kritik kommt auch aus der Regierungskoalition. Der innenpolitische Sprecher der Bremer SPD-Fraktion, Sükrü Senkal, hält die Hauben für „nicht optimal“. „Ich habe ganz große Bauchschmerzen bei der Variante“, sagt er. Er plädiert für einen reinen Mundschutz.

Den allerdings hält das Innenressort für nicht praktikabel. „Die Erfahrungen haben gezeigt, dass ein Mundschutz zu schnell runterrutscht“, sagt Gerdts-Schiffler. Nun soll erst mal ein Jahr der Hauben-Einsatz getestet und anschließend bewertet werden. Für die Polizisten, die im Juli bei der Spuckattacke dabei waren, kommt der Einsatz der Hauben zu spät. Die Bilanz: Drei Beamte waren danach nicht mehr dienstfähig.

Von

dpa

Kommentare (3)

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Herr Horst Meiller

18.11.2014, 11:40 Uhr

Wer das ablehnt, gehört selbst angespuckt!

Account gelöscht!

18.11.2014, 11:56 Uhr

1. April heute? Nein. Das ist Deutschland im 21. JAHRHUNDERT, genau am 18.11.2014 und leider Alltag wenn die Gesellschaft vor lauter "Gutmenschen und Toleranz" für alles in der Welt die Augen verschließt und nicht mehr die Realität erkennt und wahrnimmt oder auch es nicht möchte. Unsere Exekutive wird es dann schon als letzte Instanz richten. Je mehr die Gesellschaft vor lauter "Gutmenschen und falsch angewendeter Toleranz" solche Ideen gewähren lässt je weniger wird es dann Menschen geben, die mit Plastiktüten über dem Kopf für die Gesellschaft herumlaufen wollen und werden. Aber für Geld tut leider der uniformierte Exekutivler auch das. Deutschland, wie weit bist Du im 21. Jahrhundert eigentlich in deiner Entwicklung als vermeintliches "Hochtechnologieland" gekommen.
In 15 bis 30 Jahren wird es eine Antwort geben müssen. Dann heißt es wieder in der Politik lapidar "da haben wir einen Fehler gemacht."
Da ist die Plastiktüte heute im HB nur Makulatur.

Herr Hermann Schmidt

18.11.2014, 14:54 Uhr

Ich denke, Polizisten, die sich das überziehen sehen aus wie Volltrottel und Weicheier. :-/

Und das könnte vom Bremer IM Mäurer durchaus beabsichtigt sein...

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