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11.05.2012

11:12 Uhr

Schweden

Menschenjäger von Malmö vor Gericht

Jahrelang versetzte ein Heckenschütze Malmö in Angst und Schrecken. Jetzt kommt der 40-Jährige vor Gericht, weil er gezielt Jagd auf dunkelhäutige Zuwanderer gemacht und drei Menschen ermordet haben soll.

Peter Mangs bei einer gerichtlichen Anhörung in Malmö Ende 2010. dpa

Peter Mangs bei einer gerichtlichen Anhörung in Malmö Ende 2010.

Malmö/KopenhagenDer norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik nennt ihn in einem Atemzug mit der Zwickauer Terrorzelle NSU als „Gesinnungsgenossen“. In Malmö steht der Schwede Peter Mangs von Montag an vor Gericht, weil er als Heckenschütze jahrelang gezielt Jagd auf dunkelhäutige Zuwanderer gemacht und dabei drei seiner Opfer getötet haben soll.

Zwölf Mordversuche und zehn weitere Straftaten wirft die Staatsanwaltschaft dem 40-Jährigen vor. Nach seiner Festnahme im November 2010 fand die Polizei in Mangs Wohnung eine Menge Belastungsmaterial wie Waffen, Munition, Gesichtsmasken, eine kugelsichere Weste und nicht zuletzt elektronische Listen mit Namen und Adressen von Opfern. Darunter war auch die eines Schneidermeisters mit Zuwanderer-Herkunft, der in seiner Schneiderstube hinterrücks durch das Fenster beschossen wurde.

Wie in diesem Fall, so fielen auch bei den drei Mangs zur Last gelegten Morden die Schüsse stets in abendlicher Dunkelheit aus dem Hinterhalt. Die ersten beiden Opfer, zwei dunkelhäutige Männer, starben 2003, das dritte, eine Schwedin, im Oktober 2009. Die Frau war im Auto mit ihrem dunkelhäutigen Freund durch Malmö gefahren. Der Mann überlebte schwerverletzt. Auch er hatte auf Mangs „Schurkenliste“ gestanden.

Warum konnte ein Einzeltäter mit Terror aus dem Hinterhalt an Bushaltestellen, vor Moscheen und Privatwohnungen für die Polizei über fast zehn Jahre unerkannt bleiben? Dies gilt als eine der wichtigen Fragen für den Prozess in Schwedens drittgrößter Stadt.

Während Breivik beim Verfahren in Oslo die Ermordung von 77 Menschen bei seinen zwei Anschlägen im Sommer vergangenen Jahres zugegeben hat, weist Mangs die Mordvorwürfe zurück. Er machte kurz nach seiner Festnahme widersprüchliche Angaben und stellte die Aussagen dann vor etwa einem Jahr komplett ein. Nach Medienangaben hat der mutmaßliche Heckenschütze beim ersten Verhör geltend gemacht, dass er psychisch krank sei und am Asperger-Syndrom (Autismus) leide.

So eindeutig wie bei Breivik scheint das Tatmotiv nicht auf der Hand zu liegen. Staatsanwältin Solveig Wollstad sagte bei der Anklageerhebung: „Es gibt einen gewissen Grad an Ausländerfeindlichkeit. Aber auch andere Formen von Aggressivität, zum Beispiel gegen Personen, die früher wegen krimineller Vergehen verurteilt waren.“

Bei den Schweden werden finstere Erinnerungen wach an den „Lasermann“ John Ausenius, der Anfang der 90er Jahre mit einem Nacht-Laser auf seinem Gewehr Jagd auf Zuwanderer gemacht, eins seiner Opfer getötet und mehrere schwer verletzt hatte. Das Verfahren gegen Mangs soll Mitte Juli abgeschlossen werden.

Von

dpa

Kommentare (1)

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Aspie

12.05.2012, 03:20 Uhr

Sie sollten noch erwähnen, daß die Schwester von Peter an einer Überdosis Drogen gestorben ist und er deshalb einen Haß auf Kriminelle hat (seine Schwester war der einzige Mensch, der ihn verstanden hat), insbesondere natürlich auf Drogenhändler [...]. Außerdem ist er in der Gesellschaft nicht zurechtgekommen. Er hat tatsächlich das Asperger Syndrom, und wie so viele Betroffene ist er nicht entsprechend seiner Fähigkeiten gefördert und beruflich eingesetzt worden. Er hat sehr viel aus eigenem Antrieb gemacht, er ist ein begabter Musikinstrumentenbauer und hat in einer Band gespielt, aber er ist mit dem sozialen Anteil an all diesen Dingen nicht zurechtgekommen. Ihm gefällt es übrigens in Haft, und er freut sich auf ein "institutionalisiertes" Leben, weil er in der Gesellschaft eh nicht zurechtkommt. Das ist mir im übrigen (ich habe dieselbe Diagnose und kenne Peter persönlich) sehr vertraut, ich habe schon im letzten Schuljahr gesagt, daß ich am liebsten im Anschluß an die Schule ins Gefängnis möchte. Weil ich wußte, daß es für Menschen wie mich in dieser Gesellschaft keine Chancen gibt. Allerdings bin ich der Auffassung, daß man die viele Ungerechtigkeit in dieser Welt nicht mit noch mehr Ungerechtigkeit bekämpfen soll, sondern mit mehr Gerechtigkeit und Hilfsbereitschaft - deshalb hat es bei mir auch nie zu Gefängnis gereicht, und heute würde ich das auch nicht mehr wollen. Ich möchte damit Peter nicht von Schuld freisprechen, denn er ist schon ziemlich Verquer in seinem Denken, und es ist nicht in Ordnung, was er gemacht hat, aber man sollte vielleicht mal darüber nachdenken, was die Gesellschaft ändern könnte, um auch Menschen, die "anders" sind, einen Platz und ein lebenswertes Leben zu bieten können!

[+++ Beitrag von der Redaktion editiert +++]

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