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17.06.2014

15:57 Uhr

„Schweizer Ärzte für Schumi!“

Schumachers Schicksal bewegt die Eidgenossen

Die Nachricht ging um die Welt: „Schumi liegt nicht mehr im Koma“. Das Interesse am Schicksal des Rekordweltmeisters ist weiterhin riesig, auch in seiner Wahlheimat Schweiz. Doch die Aussichten sind ungewiss.

Michael Schumacher im Jahr 2003. Bis auf weiteres werden keinerlei Einzelheiten zum verlauf der Rehabilitation bekanntgegeben. AFP

Michael Schumacher im Jahr 2003. Bis auf weiteres werden keinerlei Einzelheiten zum verlauf der Rehabilitation bekanntgegeben.

LausanneSchlagzeilen hatte die Uni-Klinik in Lausanne (CHUV) zuletzt mit Jassir Arafat gemacht. Als CHUV-Experten im vorigen Jahr untersuchten, ob der Ex-Palästinenserführer einem Giftmord mit Polonium zum Opfer gefallen sein könnte, wurden sie von Medien aus aller Welt bedrängt. Jetzt stehen wieder Kamerateams und Reporter vor dem Uni-Klinikum unweit des malerischen Genfer Sees - vom Lokalsender Tele Züri über Radio France bis zur großen BBC. „Ein einziges Bild von Schumi mit offenen Augen, vielleicht gar lächelnd, das wäre die absolute Sensation“, sagt ein französischer Fotograf. „Darauf würde ich auch viele Wochen warten.“

Wochen, Monate, Jahre? Niemand weiß, wie lange es dauern wird, bis die Genesung von Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher solche Fortschritte macht, dass an einen offiziellen Fototermin auch nur entfernt zu denken wäre. Abgeschirmt von den Medien - wie schon in den vielen Monaten zuvor im Krankenhaus in Grenoble - wurde der 45-Jährige in einem Krankenwagen zum Hintereingang der Lausanner Uni-Klinik gebracht. Sicherheitskräfte achten darauf, das ausschließlich das medizinische Personal und die Familie zu ihm gelangen.

Der tragische Schumacher-Unfall

29. Dezember 2013, gegen 11.00 Uhr

Schumacher verunglückt. Er hilft einem gestürzten Freund, verlässt die markierte Piste, verliert die Kontrolle über die Ski und kracht mit dem Kopf auf einen Felsen. Auch Sohn Mick zählt zur Ausflugsgruppe.

29. Dezember 2013, Minuten nach dem Unfall

Minuten nach dem Unfall: Bergretter versorgen Schumacher. Er ist ansprechbar, aber verwirrt. Sein Helm soll bei dem Aufschlag kaputt gegangen sein. Der Rettungshubschrauber bringt ihn von Méribel ins Krankenhaus nach Môutiers.

29. Dezember 2013, gegen 12:40 Uhr

Schumacher wird ins Universitätskrankenhaus von Grenoble eingeliefert. Die Verletzungen waren zu schwer, um in Môutiers behandelt zu werden. Schumacher wird sofort notoperiert. Er hat ein Kopftrauma mit Koma. Bis dato weiß die Öffentlichkeit noch nichts von Schumachers Unfall.

29. Dezember 2013, früher Nachmittag

Französische Medien berichten als erste von Schumachers Skiunfall. Managerin Sabine Kehm bestätigt zunächst nur: „Michael ist bei einem privaten Skitrip in den französischen Alpen auf den Kopf gestürzt. Er wurde ins Krankenhaus gebracht und wird medizinisch professionell versorgt.“

29. Dezember 2013, Nachmittag

Schumachers Familie ist in Grenoble. Wie schwer der zweimalige Familienvater verletzt ist, bleibt unklar.

29. Dezember 2013, früher Abend

Schumachers Zustand verschlechtert sich. Er schwebe in Lebensgefahr, berichten französische Medien. Sein ärztlicher Wegbegleiter Gérard Saillant kommt unter Polizeiaufgebot in Grenoble an. Im Internet beginnt eine Welle der Genesungswünsche. „Ich bete für dich, mein Bruder!“, schreibt Felipe Massa, einst Schumachers Teamkollege bei Ferrari: „Gott segne dich, Michael.“

29. Dezember 2013, später Abend

Die Ungewissheit hat ein Ende. Die Sorgen werden aber größer. Schumacher ist in kritischem Zustand, heißt es vom Krankenhaus. Ross Brawn, guter Freund und Erfolgsbegleiter Schumachers, kommt nun auch in Grenoble an. Die Sportwelt bangt. „Meine Gedanken sind bei Schumi“, schreibt Dirk Nowitzki.

30. Dezember 2013, Morgen

Erste Nacht überstanden. Um 11.00 Uhr aber die Schock-Diagnose: Sein Zustand ist weiterhin „außerordentlich ernst“. Schumacher schwebt in Lebensgefahr. Weit verbreitete Verletzungen im Gehirn. „Wir sind beunruhigt über seinen Zustand“, sagt der Neurologe Gerard Saillant. Keine Prognose zu Überlebenschancen.

30. Dezember 2013, Mittag

Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt sich betroffen. „Wie Millionen von Deutschen waren auch die Bundeskanzlerin und die Mitglieder der Bundesregierung außerordentlich bestürzt, als sie von Michael Schumachers schwerem Skiunfall erfahren haben“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Schumachers Familie bedankt sich für die ergreifende Anteilnahme weltweit.

30. Dezember 2013, im weiteren Verlauf

Leichte Besserung. Die Ärzte sind selbst überrascht nach einem entsprechenden Gehirnscan. Um den Druck weiter zu verringern, nachdem sich Schumacher ein schweres Schädel-Hirn-Trauma mit Blutungen und Hämatomen zugezogen hat, entscheiden sie sich nach Absprache auch mit der Familie für eine zweite Operation.

30. Dezember 2013, gegen 22:00 Uhr

Zweiter Eingriff. Ein Hämatom in der linken Hirnseite wird entfernt. OP-Dauer etwa zwei Stunden. Keine Komplikationen. Die Öffentlichkeit erfährt von diesem Eingriff erst am nächsten Vormittag.

31. Dezember 2013, gegen 11:00 Uhr

Zweite Pressekonferenz des hochrangigen Ärzteteams. Schumachers Unfall ist 48 Stunden her. Der Gesundheitszustand hat sich leicht verbessert, zumindest haben die Mediziner die Situation nach eigener Aussage nun „etwas besser unter Kontrolle“. Schumacher bleibt aber in Lebensgefahr.

31. Dezember 2013, nach der Pressekonferenz

Zum ersten Mal werden Details zum Unfallhergang bekannt. Schumacher-Managerin Kehm berichtet zudem von einem Journalisten, der sich als Priester verkleidet Zutritt zu Schumacher verschaffen wollte.

1. Januar 2014

Managerin Kehm tritt vor die Presse. Die gute Nachricht: Schumachers Zustand ist in der Neujahrsnacht und am Vormittag stabil. Aber auch weiter kritisch. Lebensgefahr bleibt.

3. Januar 2014

Schumachers 45. Geburtstag. Über hundert Ferrari-Fans pilgern nach Grenoble und huldigen ihrem ehemaligen Piloten. „Wir sind überwältigt!“, teilt die Familie am Abend mit.

4. Januar 2014

Managerin Kehm stellt in einer Mitteilung klar: Schumachers Zustand bleibt stabil, aber kritisch. Zudem: Die Helmkamera, die Schumacher beim Unfall trug, wurde den Untersuchungsbehörden übergeben – „freiwillig“.

5. Januar 2014

Der „Spiegel“ berichtet von einem angeblichen Video eines Skifahrers, das Erkenntnisse über den Unfallhergang bringen könnte. Offiziell gibt es keine neuen Information.

8. Januar 2014

Michael Schumacher ist nach ersten Erkenntnissen der Ermittler nicht zu schnell gefahren. „Er fuhr mit angemessener Geschwindigkeit“, sagte der Kommandant der Gebirgsgendarmerie. Der Felsen, auf den Schumacher prallte, soll sich acht Meter abseits der Piste befunden haben.

17. Januar 2014

Der Gesundheitszustand ist unverändert, aber stabil. Schumachers Managerin Sabine Kehm teilte mit, „dass Michaels Familie sehr zufrieden ist mit der Arbeit des behandelnden Ärzteteams und dass sie ihnen absolut vertraut“.

30. Januar 2014

Michael Schumachers Narkosemittel werden reduziert, um ihn in einen Aufwachprozess zu überführen.

17. Februar 2014

Die Staatsanwaltschaft teilt nach Abschluss der Ermittlungen mit, dass es keine Hinweise auf ein Fremdverschulden gibt und kein strafbares Verhalten vorliegt.

4. April 2014

„Michael macht Fortschritte auf seinem Weg. Er zeigt Momente des Bewusstseins und des Erwachens“, teilt seine Managerin Sabine Kehm in einer Stellungnahme mit.

16. Juni 2014

Schumachers Managerin gibt bekannt: „Michael hat das CHU Grenoble verlassen, um seine lange Phase der Rehabilitation fortzusetzen. Er ist nicht mehr im Koma.“

Klinik-Sprecher Darcy Christen bestätigte zwar, dass Schumacher nun von Ärzten der CHUV behandelt wird. Doch zugleich machte er wie auch Schumacher-Managerin Sabine Kehm klar, dass bis auf weiteres keinerlei Einzelheiten zum Verlauf der Rehabilitation bekanntgegeben werden.

Erwartungsgemäß löste selbst diese knappe Mitteilung ein riesiges Medienecho aus. Auch - und gerade - in der Schweiz, wo die Schumachers seit Jahren leben. Seit dem verhängnisvollen Ski-Unfall des Formel-1-Stars vor rund 170 Tagen war die Anteilnahme der Eidgenossen kein Jota weniger stark als in seiner deutschen Heimat.

„Schweizer Ärzte für Schumi!“ und „Schumi ist wieder da!“, titelte die populäre Zeitung „Blick“ am Dienstag fast schon triumphierend. Auf die Nachricht, dass Schumacher nicht mehr im Koma liegt, habe die Welt fünfeinhalb Monate gewartet, hieß es in der renommierten „Neuen Zürcher Zeitung“.

Zugleich wirkte diese Botschaft in der Kombination mit der strikten Einhaltung der ärztlichen Schweigepflicht durch die CHUV-Mediziner wie ein Startschuss für Spekulationen. Aber auch für durchaus seriöse Überlegungen zum Verlauf und möglichen Erfolgen der Rehabilitation.

Eine Frage wurde rasch nachvollziehbar beantwortet: Warum wurde Schumacher nicht in ein hoch spezialisierte Zentrum in Basel gebracht? Weil man zum einen offenbar auch der Lausanner Klinik eine fachlich exzellente Behandlung zutraut. Zum anderen aber erscheint den Experten als besonders wichtig, dass Schumacher eine Rehabilitation in vertrauter Umgebung und ständigem Kontakt zu seinen Angehörigen ermöglicht wird.

Der Familiensitz in Gland am Genfer See ist nur rund 30 Autominuten von der Lausanner Klinik entfernt. Die Umgebung mit dem See und den Savoyer Alpen am anderen Ufer ähnelt der um Schumachers Villa.

Allerdings schwanken die in Schweizer Medien zitierten Einschätzungen von Fachleuten zwischen Schwarzsehen und Zuversicht. Dagegen feierte die bulgarische Tageszeitung „Standart“: „Ein Wunder!“. „Good News“ bilanziert die „Gazzetta dello Sport“ aus Italien. Weniger optimistisch ist die französische Zeitung „Le Figaro“: „Der neue Kampf des Michael Schumacher. Auch wenn der frühere Rennfahrer aus dem Koma aufgewacht ist - seine Zukunft sieht weiterhin eher düster aus“, heißt es in dem Blatt.Belastbare Fakten über Schumachers weiteren Weg in der Rehabilitation wird es wohl vorerst nicht geben, das stellte seine Beraterin Kehm in ihrer Mitteilung vom Monat mit Nachdruck klar. „Außerhalb der Öffentlichkeit“ solle die weitere Entwicklung

bleiben. Schumachers Schicksal müsse von einem gewissen Zeitpunkt an eine private Sache sein, hatte die Managerin schon im April betont. Für die Schar der Reporter vor den Krankenhaustüren ist dies offenbar nur schwer zu akzeptieren.

Von

dpa

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

17.06.2014, 17:04 Uhr

Zitat: »Für die Schar der Reporter vor den Krankenhaustüren ist dies offenbar nur schwer zu akzeptieren.«
Die Journalisten tun nur ihre Arbeit. Schuld ist die sog. Öffentlichkeit.

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