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15.01.2012

14:50 Uhr

Schwere Vorwürfe

Kapitän verließ das sinkende Schiff vorzeitig

Für Francesco Schettino wird die Katastrophennacht der „Costa Concordia“ wohl Konsequenzen haben: Nach ersten Erkenntnissen der Polizei war der Kapitän nicht mehr an Bord, als die überhastete Evakuierung beendet wurde.

Havarie

Amateurvideo zeigt Panik an Bord der „Costa Concordia“

Havarie: Amateurvideo zeigt Panik an Bord der 'Costa Concordia'

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GiglioUnter äußerst riskanten Bedingungen suchen Rettungsteams nach überlebenden Schiffbrüchigen im Wrack des Luxusliners „Costa Concordia“ vor der italienischen Küste. Am zweiten Tag nach der Havarie gelang es, ein südkoreanisches Hochzeitspaar und ein italienisches Besatzungsmitglied aus dem 291-Meter-Wrack zu bergen, das im Küstengewässer abzugleiten drohte. Alle 566 Deutschen wurden gerettet.

Spezialeinheiten mit Tauchern versuchen, jede Kabine des Kreuzfahrtriesen zu überprüfen, mit dem am Freitag mehr als 3000 Touristen und mehr als eintausend Besatzungsmitglieder von Civitavecchia bei Rom zu einer einwöchigen Reise durch das westliche Mittelmeer aufgebrochen waren. Am Freitagabend um 21.30 Uhr lief die „Costa Concordia“ jedoch auf den vor Ort gut bekannten Felsen „Le Scole“ auf, der den Schiffsrumpf aufschlitzte und schon nach 45 Minuten die Evakuierung erforderlich machte.

Nach ersten Ermittlungen warf die italienische Staatsanwaltschaft Kapitän Francesco Schettino massives Fehlverhalten vor. Schettino habe das Schiff lange vor dem Abschluss der großen Evakuierungsaktion verlassen, sagte Staatsanwalt Francesco Verusio.

Außer Schettino wurde auch der erste Offizier Ciro Ambrosio vorerst festgenommen. Auch der Kurs des Luxusliners sei eindeutig „nicht richtig“ gewesen, sagte der Staatsanwalt. Der Kapitän habe sich selbst auf der Brücke befunden und sei daher voll verantwortlich für die Navigation.

Als sich der Luxusliner am Freitagabend wegen eindringender Wassermassen zur Seite neigte, brach unter den Passagieren Panik aus. An Bord waren Touristen von 60 verschiedenen Nationalitäten, auch zahlreiche Senioren und 52 Kinder unter sechs Jahren.

Die Schiffs-Unglücke der vergangenen Jahre

September 2011

Bei einem Brand auf dem Passagierschiff „Nordlys“ im Hafen der norwegischen Stadt Ålesund kommen zwei Besatzungsmitglieder ums Leben. 16 Menschen erleiden Verletzungen, darunter zwei Deutsche.

Oktober 2010

Das Kreuzfahrtschiff „Costa Classica“ wird bei einer Kollision mit einem Frachter vor dem Hafen der chinesischen Metropole Shanghai beschädigt. Mindestens zehn Passagiere werden verletzt.

März 2010

Im Sturm vor der spanischen Costa Brava zertrümmern Wellen von bis zu acht Metern Höhe Teile der Aufbauten des Kreuzfahrtschiffes „Louis Majesty“ und drücken mehrere Fenster ein. Ein 69-jähriger Urlauber aus Nordrhein-Westfalen und ein 52 Jahre alter Italiener werden getötet, 16 weitere Passagiere verletzt.

November 2007

Das Kreuzfahrtschiff „Explorer“ rammt im Morgengrauen zwischen der Südspitze Amerikas und der Antarktis einen Eisberg und schlägt Leck. Die 100 Passagiere und 54 Besatzungsmitglieder werden in Sicherheit gebracht.

April 2007

Vor dem Hafen der griechischen Insel Santorin läuft das Kreuzfahrtschiff „Sea Diamond“ nach einem Navigationsfehler auf Grund und sinkt. Zwei Passagiere ertrinken. Die anderen rund 1500 Menschen an Bord werden gerettet. Der Kapitän und drei Besatzungsmitglieder werden festgenommen.

November 2001

Nach einem im Maschinenraum ausgebrochenen Feuer rammt das deutsche Kreuzfahrtschiff „Arkona“ beim Einlaufen in den spanischen Hafen von Mahon auf der Baleareninsel Menorca eine Kaimauer. Das aus der Fernsehserie „Traumschiff“ als „Astor“ bekannte Schiff wird schwer beschädigt. Die rund 300 Passagiere werden in ihre Heimatländer zurückgeflogen.

Zwei Touristen aus Frankreich und ein peruanisches Besatzungsmitglied kamen in der Panik ums Leben, mindestens einhundert Menschen sprangen ins eiskalte Wasser.

Die deutsche Costa-Vertretung teilte am Sonntag mit, dass alle 566 deutschen Reisenden von dem Schiff gerettet wurden. Sie seien entweder bereits nach Deutschland zurückgekehrt oder befänden sich auf der Rückreise, sagte Costa-Sprecher Werner Claasen.

Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte, zehn deutsche Verletzte seien nach dem Unglück vorübergehend in italienischen Krankenhäusern behandelt worden. Die deutschen Passagiere zählten überwiegend zur Altersgruppe der 45- bis 65-Jährigen.

Die Küstenwache befürchtete einen vollständigen Untergang der „Costa Concordia“. Das Wrack könne in tieferes Gewässer abrutschen und sinken, sagte ein Sprecher. Die Suche nach Überlebenden im Rumpf sei deshalb eine „riskante Operation“.

Globaler Tourismus: Kreuzfahrt-Branche rechnet mit enormem Wachstum

Globaler Tourismus

Kreuzfahrt-Branche rechnet mit enormem Wachstum

Das Unglück vor der Küste Italiens ist laut Branchenverband nur eine seltene Ausnahme. Weltweit profitiert die Kreuzfahrt-Industrie von der zunehmenden Reiselust der Betuchten. Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht.

Helikopter, mehrere Schiffe und die Bevölkerung der Insel Giglio beteiligten sich an der Rettungsaktion. Die Geretteten wurden nach Porto Santo Stefano auf der Halbinsel Argentario gebracht. Eine Gefährdung der Umwelt durch die rund 2400 Tonnen Treibstoff der vollgetankten „Costa Concordia“ konnte nicht ausgeschlossen werden.

In der Werbung für die Luxus-Reise mit dem gigantischen Kreuzfahrtschiff wird unter anderem auf fünf Bord-Restaurants, 13 Bars, fünf Whirlpools und drei Swimmingpools verwiesen. Ein Drittel der 1500 Kabinen des 2006 fertiggestellten Schiffes verfügen über eigene Balkons. Costa Crociere ist der größte Kreuzfahrtbetreiber Europas und verbuchte 2010 einen Jahresumsatz von knapp drei Milliarden Euro.

Die Kreuzfahrt-Industrie boomt wie nie

Großes Potenzial

Kreuzfahrten erfreuen sich besonders bei deutschen Urlaubern immer größerer Beliebtheit - ein boomendes Geschäft für die Touristikindustrie. Der Urlaub auf dem Schiff ist nach Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) das am schnellsten wachsende Segment der Branche. In der Bundesrepublik sehen die Anbieter noch besonders große Wachstumschancen, sagte ein DRV-Sprecher.

Im Ausland ist der Markt wesentlich entwickelter

Denn während hier jährlich erst 1,5 Prozent der Bevölkerung Ferien auf einem Kreuzfahrtschiff verbrächten, seien es in Großbritannien bereits drei und in den USA sogar fünf Prozent. Im vergangenen Jahr stiegen die Umsätze mit Hochsee- und Flusskreuzfahrten einer DRV-Schätzung zufolge um zwölf Prozent. Auch die Passagierzahl habe 2011 erneut deutlich zugelegt, Zahlen lägen hier aber noch nicht vor.

Traumhafte Aussichten

Im Jahr 2010 verzeichneten die deutschen Anbieter allein bei Hochseekreuzfahrten ein Plus von 19 Prozent auf 1,2 Millionen Passagiere. Der Umsatz der deutschen Branche mit dem Urlaub auf hoher See wuchs 2010 um sieben Prozent auf mehr als zwei Milliarden Euro. Bei Flusskreuzfahrten stieg die Zahl der Urlauber um neun Prozent auf gut 430.000.

Beliebte Reiseziele der Deutschen

Die beliebteste Kreuzfahrtregion deutscher Urlauber ist das westliche Mittelmeer. Auf den weiteren Rängen folgen Touren in den hohen Norden - nach Norwegen, Spitzbergen, Island und Grönland -, ins östliche Mittelmeer, zu den Kanarischen Inseln und auf der Ostsee.

Hart umkämpfter Markt für Giganten

Zu den weltweit größten Kreuzfahrtanbietern zählt der US-Konzern Carnival , dessen italienisches Tochterunternehmen Costa Cruises das nun verunglückte Schiff „Costa Concordia“ unterhält. Zu Carnival gehört auch der deutsche Marktführer Aida. Weitere große Anbieter in Deutschland sind Hapag Lloyd und TUI Cruises, ein Gemeinschaftsunternehmen des Reisekonzerns TUI und des in den USA ansässigen Branchenriesen Royal Caribbean.

Von

afp

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